Methoden, Standards & Vorgehensmodelle

Projektarbeit: Was nützen Methoden und Handreichungen?

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Brauchen Projekte überhaupt Ziele?

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georg_angermeier

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Mo, 13.02.2012 16:18

Bei der Überarbeitung der Begriffsdefinition "Projektziel" (http://www.projektmagazin.de/glossarterm/projektziel ) fiel mir wieder einmal auf, dass anscheinend nur wir Deutsche Projektziele haben.

Im aktuellen PMBOK Guide ist von objectives nur in Form eines allgemein unverbindlichen Glossareintrags die Rede. PRINCE2 verwendet das Wort "objective" nur als allgemeinverständliches Wort, kennt aber ansonsten nur "output", "outcome" und "benefit".

Ich habe deshalb versucht, den Begriff "Projektziel" ganz allgemein zu formulieren als:

"Das Projektziel ist die eindeutige, vollständige und überprüfbare Beschreibung des Sollzustands, der durch das Projekt herbeigeführt werden soll."

Was ist Ihre Meinung dazu? Brauchen wir überhaupt den Begriff Projektziel? Oder sollen auch wir besser nur von "Leistungsumfang", "Deliverables", "Projektprodukten" usw. reden?

Ich bin auf Ihre Anregungen gespannt.

Georg Angermeier

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marcus

Beiträge: 3
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Mo, 13.02.2012 17:29

Hallo Herr Angermeier,

geht das nicht ein wenig in die Richtung des Business Case: Jedes Projekt sollte einen Nutzen haben, der in vernünftigem Verhältnis zum geplanten Aufwand steht. Wenn nun jedes Projekt einen solchen Nutzen hat, dann sind das doch Ziele des Projekt oder jedenfalls lassen sich aus diesem Nutzen konkretere Ziele ableiten. Die Frage für mich ist also eher: brauchen wir neben oder zusätzlich zur Rechtfertigung des Projekts im Business Case noch Ziele oder ist das deckungsgleich? Wenn der Nutzen im Business Case gut und detailliert beschrieben ist, sind das vermutlich genau die Projektziele und wir können uns einen der beiden Begriffe sparen.

Beste Grüße,
Marcus Raitner

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Do, 15.03.2012 15:55

Hallo zusammen,

die Frage beantworte ich mit einem ganz klaren JA. Ohne Ziele gibt es keine Handlungen und dementsprechend keine Projekte. Allerdings muss man Ziele unterscheiden. Für diese Unterscheidung beziehe ich mich auf einen meiner Kommentare, den ich im Logbuch meiner Reise des Verstehens mit dem Titel "Sind Ziele sinnlos" erstellt habe: http://blog-conny-dethloff.de/?p=652

Auszug daraus:

Aristoteles hat eine Tugendethik betrieben.

Handlungen kann man grundsätzlich aus 3 Sichten bewerten, aus Sicht der Motivation für eine Handlung, aus Sicht der Handlung an sich und aus Sicht des Ergebnisses der Handlung. Die Tugendethik, von der auch Aristoteles ein Anhänger war, beschäftigt sich mit der Motivation für Handlungen. Die Deontologie befasst sich mit der Handlung an sich und die Teleologie mit den Konsequenzen von Handlungen.

Aristoteles stellt sich die Frage, was das höchst anstrebenswerteste Ziel menschlicher Handlungen sein sollte. Aristoteles spricht an dieser Stelle von Ziel, was aber nicht verwechselt werden darf mit der Zielvorstellung, die Teleologen besitzen. Aristoteles macht nämlich eine Unterscheidung zwischen Handeln und Herstellen.

Beim Herstellen liegt das Ziel außerhalb des Prozesses des Herstellens, wenn man beispielsweise ein bestimmtes Produkt herstellt oder so wie die Medizin Gesundheit herstellt oder eine Software im Rahmen von Projekten hergestellt wird. Teleologen sind daher laut Aristoteles auch keine Ethiker. Sie befassen sich nicht mit Moral, weil sie sich nicht mit Handeln sondern mit Herstellen befassen. Beim Herstellen ist das Ziel, einen bestimmten Zustand zu erreichen.

Beim Handeln ist das anders. Beim Handeln ist quasi der Weg das Ziel. Hier liegt das Ziel im Handeln selbst inbegriffen. Gestern Abend habe ich beispielsweise Fußball mit meinen Kumpels gespielt. Damit wollte ich nichts Spezielles herstellen. Ich wollte einfach nur Fußball spielen, da es mir Freude bringt, diesen Akt an sich auszuführen.

In beiden Fällen aber spricht Aristoteles von Zielen. Jetzt will ich damit nicht behaupten, dass Aristoteles stets Recht hat. Aber mir leuchtet es ein. Es scheint mir plausibel. Deshalb kann ich persönlich auch nicht davon sprechen jemals ziellos gegessen zu haben. Beim Essen hatte ich stets ein Ziel. Entweder war das Ziel ein Zustand, nämlich Sattheit. Oder das Ziel war der Akt des Essens an sich, nämlich bei Kerzenschein und einer Flasche Wein mit meiner Frau einen gemütlichen Abend zu verbringen und dabei zu essen.

Beste Grüße,
Conny Dethloff

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Fr, 16.03.2012 08:22

Hallo Herr Angermeier,

einen Nachtrag habe ich noch. Ihre Definition

"Das Projektziel ist die eindeutige, vollständige und überprüfbare Beschreibung des Sollzustands, der durch das Projekt herbeigeführt werden soll."

ist gemäß einer Sicht, die ich oben beschrieben habe genau dann richtig, wenn es im Projekt einzig und allein um das HERSTELLEN geht. Das wird häufig mit Projekten verbunden. Das lässt sich auch häufig gut verargumentieren, weil es eben messbar ist.

Bei Projekten geht es aber häufig auch um HANDELN. Dann ist also das reine Durchführen eines Projektes bereits das Ziel. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn das Herstellziel des Projektes nicht erreicht wurde, die Erkenntnis der Projektbeteiligten aber gestiegen ist. Sie haben gelernt. Im Gegensatz zum Herstellziel ist dieses nicht so gut messbar, was deshalb wohl auch Niemand so wirklich hören will. Für mich ist aber auch diese Sichtweise wichtig. In dem Fall ist ihre Definition von Projektziel dann nicht mehr ausreichend.

Beste Grüße,
Conny Dethloff

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georg_angermeier

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Sa, 17.03.2012 22:35

Hallo Herr Dethloff,

herzlichen Dank für Ihre detaillierten Ausführungen!

Sie haben hier einen Punkt herausgearbeitet, der mir sehr wichtig erscheint, um auch den Charakter von Projekten selbst zu definieren: Kann der Zweck eines Projekts auch nur in seiner Durchführung bestehen, ohne dass es ein "Produkt" (in allgemeinster Form) erstellt?

Hier bin ich anderer Meinung als Sie: Ich meine, dass ein Vorhaben nur dann als Projekt bezeichnet werden sollte, wenn es etwas herstellt.
Ihr Beispiel des abgebrochenen Projekts, das "nur" Lessons learned hinterlässt, scheint mir nicht wirklich zu passen, denn eigentlich hätte es ja etwas herstellen sollen, nur gelang es eben nicht.
Eine Tätigkeit, die nur um ihrer selbst willen vollzogen wird - sei es Fußballspielen mit Freunden oder irgendein Hobby - sollte meiner Meinung nach nicht als Projekt bezeichnet werden.

Meine Meinung ist, dass man Gefahr läuft, das Wort "Projekt" zu sehr zu strapazieren, wenn man alles, was in irgendeiner Art und Weise ein Ziel hat, auch gleich "Projekt" nennt.

Beste Grüße

Georg Angermeier

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So, 18.03.2012 10:52

Hallo Herr Angermeier,

da bin ich voll und ganz bei Ihnen. In Projekten geht es primär um HERSTELLEN und nicht um HANDELN. Weil man etwas herstellen möchte gibt es Projekte. Das HANDELN ist ein Nebenprodukt der Projekte, was aber nicht der Grund ist, weshalb es diese gibt.

Jedoch wird aus meiner Sicht das HANDELN und das was damit "indirekt" erzeugt wird (hier bin ich nicht ganz korrekt, da ja durch HANDELN nichts erzeugt wird, sonst wäre es HERSTELLEN. Aber unsere Sprache lässt hier wohl keine andere Deutung zu.) noch zu wenig genutzt. Das kann u.a. eine sehr gute Basis für das Lernen in Organisationen sein.

Beste Grüße,
Conny Dethloff

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petra.stoeveken

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Mi, 28.03.2012 10:20

Hallo Herr Angermeier,

ich lebe und arbeite im englischprachigen Raum, genauer gesagt in Neuseeland. Bei uns wird statt objectives der Begriff scope gebraucht, was so viel wie Aufgabenabgrenzung / Reichweite bedeutet.
Dabei wird sowohl beschrieben, was im scope ist, aber - und das ist hier besonders wichtig - auch was out of scope ist, also nicht Aufgabe des Projektes.
Die Messbarkeit spielt dabei eine untergeordnete Rolle (das uebernimmt der Business Case), sondern vielmehr die Kommunikation zu den unterschiedlichen Stakeholdern und deren Erwartungen an das Projekt und was es leisten soll - deswegen ist auch die out of scope Debatte so wichtig.

Herzliche Gruesse vom anderen Ende der Welt

Petra Stoeveken

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office

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Do, 29.03.2012 18:29

Wertes Forum,
in all den Jahren meiner umfangreichen Projektcoaching Tätigkeit habe ich sehr gute Erfahrung damit gemacht zwischen:

a) PRODUKTzielen (WAS ist der Bedarf? WAS wird hergestellt? WIE werden einzelne Komponenten und das Gesamte abgenommen? Eng verbunden mit der Frage: "Welches Problem soll gelöst, oder welcher Wunsch soll erfüllt werden? WELCHER Nutzen soll gestiftet werden (=Businesscase)?") und

b) PROJEKTzielen (WIE (z.B. Reihenfolge)wird es erzeugt? WER macht das? WANN wird es erstellt? WIEVIEL darf es kosten? WELCHE Risiken müssen wir managen? etc. eben gemäß PMBoK Guide.) zu unterscheiden.

Beide Arten gibt es auf unterschiedlichen Ebenen der Projektstruktur in unterschiedlichen Ausprägungen und Detailierungsgraden. Hier kann man im Extremfall sogar von Zielepyramiden sprechen.

Entscheidend ist und bleibt, wie auch in anderen Beiträgen bereits erwähnt, das aktive und zielgerichtete HANDELN!
Die oben erwähnten Ziele müssen unsere Terminpläne und täglichen Maßnahmenlisten bevölkern. Tun sie das nicht, wird wohl auch nichts "Zielgerichtetes" herauskommmen und wir werden sehr wahrscheinlich an der Sache vorbeiarbeiten. Wir wären dann nicht wirksam! Es kommt aber darauf an WIRKSAM zu sein!

Ein gute Frage ich auch jene nach dem Zweck des Projektes. Projektmanagement ist ja "nur" eines der Mittel die es braucht, um von einer Idee zum beabsichtigten Nutzen zu kommen.

Dies kann man vielleicht anhand eines kleinen Beispiels besser verstehen:

Produkt: Revitalisierter Stadtteil
Produktziel: Der Stadtteil X hat an Lebensqualität gewonnen. Dies wird durch Kennziffen wie Anzahl der Einzelhändler, Anzahl der Kneipen, Ärzte pro Einwohner, Kriminalitätsrate, Geburtenrate, Mietspiegel etc. gemessen
Projektziele: Gesamtdauer, pünktliche Meilenstein Erreichung, Kostentreue , Einbeziehung der Kunden, Stimmung des Projektteams, PR-Index etc.

Zweck: Aufschwunges der Stadt / des Landes günstig beeinflussen.
Dieser Zweck dient dem Erreichen einer übergeordneten Vision, z.B. "Unser Land ist bis 20xx interessant für Investoren die angemessen verdienen und einen Beitrag dazu leisten, den Lebensstandard unserer Bevölkerung von X nach Y anzuheben und nachhaltig zu sichern".

Der Zweck ist also die Ebene über den Zielen, und über dem Zweck ist die Vision. Diese Methodik ist auch unter der Bezeichung "MEGA-Planning" bekannt. Man kann sie jedoch auch anders bezeichnen. Eigentlich ist es nicht wirklich wichtig wie man dieses Management nennt. Wichtig sind und bleiben NUTZENSTIFTENDE ERGEBNISSE!
OK, das geht jetzt evt.bereits ein wenig über die eigentliche Fragestellung hinaus, zeigt jedoch wie eng vernetzt die Dinge sind.

mfg
J. Sturany

www.jsturany.com

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