Methoden, Standards & Vorgehensmodelle
Projektarbeit: Was nützen Methoden und Handreichungen?
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Susanne Bartel
Moderation: Methoden, Standards & Vorgehensmodelle
Offene Standards – Zukunft des Projektmanagements?
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Alle Projektmanagement-Standards sollten kostenfrei jedem zur Verfügung stehen – dies ist die Auffassung von Dr. Stefan Hagen. Im Rahmen des ersten PM-Camps vom 4. bis 5. November 2011, das sich mit den aktuellen Trends im Projektmanagement auseinandersetzte, erläutert Hagen im Gespräch mit Petra Berleb, wie er sich ein zukunftsfähiges Projektmanagement vorstellt.
Lesen Sie das Interview mit Dr. Stefan Hagen unter http://www.projektmagazin.de/node/1059297
Stellen auch Sie das gegenwärtige Geschäftsmodell der Projektmanagementverbände, Standards zu kommerzialisieren, in Frage? Haben die großen Projektmanagementverbände bereits den Anschluss an die agile Entwicklung verpasst? Stefan Hagen und ich freuen uns auf Ihre Meinung.
Hallo Hr. Angermeier,
offensichtlich werden in der Diskussion leider zwei Aspekte miteinander vermischt:
1) PM Verbände sollten meines Erachtens ihre Standards und auch den Großteil des dokumentierten Wissens frei zur Verfügung stellen. Dies hätte längerfristig für alle Beteiligten Vorteile - sowohl für die Verbände als Interessensgemeinschaften selbst, die Mitglieder aber auch die gesamte "PM Community".
2) Marcus Raitner hat die Initiative "Open-PM" ins Leben gerufen. Ich unterstütze das natürlich, da die Philosophie, auf der Open-PM basiert, aus meiner Sicht die richtige ist. Open-PM hat aber nicht den Anspruch, die bestehenden Standards zu ersetzen. Vielmehr ist es als Ergänzung gedacht. Über die Herausforderungen dieses Vorhabens haben wir an anderer Stelle (z.B. in den Kommentaren zum Interview) ausreichend diskutiert. Trotzdem ist es allemal einen Versuch wert.
Ihre Argumentation wirkt auf mich reichlich technisch, sorry ("Qualität, Konfigurationsmanagement, Effizienzsteigerung, Geschäftsprozesse" etc.). Einen weiteren "technisch-mechanistischen" Standard brauchen wir sicher nicht. Was wir aber sehr wohl brauchen sind Prinzipien, Werte und Vorgehensweisen, die in der Praxis funktionieren und die - noch viel wichtiger - sich an MENSCHEN und nicht an abstrakten Prozessen und Techniken orientieren. Genau hier sehe ich im Zusammenhang mit der Open-PM-Initiative eine Chance. Denn Open-PM wird so oder so nichts Fixes oder in Stein Gemeißeltes sein, sondern vielmehr eine lebendige Plattform, die sich weiter entwickelt, auf der kontrovers diskutiert wird, auf der aber auch wichtige Prinzipien fest gemacht werden. Das wäre zumindest mein Bild davon. Wir werden sehen...
Noch eine letzte Anmerkung: Dass die bisherige Entwicklung der Standards "offen" erfolgt ist, kann doch wohl nicht ganz ernst gemeint sein? Denn was nützt es den/die "Otto-Normal-Projektmanager/in", dass "internationale PM Experten" involviert sind?
Meine Vision ist, dass sich Verbände allen in und mit Projekten arbeitenden Menschen und Organisationen verpflichtet fühlen, und nicht nur ihren zahlenden Mitgliedern, Sponsoren und Mitarbeitenden. Dies würde neue Türen öffnen.
LG, Stefan
Lieber Herr Hagen,
gerne möchte ich mit dem Ende Ihrer Antwort beginnen: "Otto-Normal-Projektmanager/in" erhält mit den PM-Richtlinien die Erfahrungen von mehreren hundert Menschjahren in Projekten. Vielfach erlebe ich allerdings, dass in Projekten arbeitende Personen sich verächtlich über Richtlinien äußern, da diese für die Praxis nicht hilfreich seien. Wenn ich dann nachfrage, was sie in der Praxis benötigen würden, dann wird meist ein Problem mit einem anderen Projektbeteiligten geschildert, z.B. "Maier schießt immer quer, weil er eigentlich gute Ideen hat, aber die können wir jetzt aus Zeit- und Kostengründen nicht umsetzen." Im Gespräch erarbeiten wir dann Lösungen wie man zur Zufriedenheit aller Seiten mit Verbesserungsvorschlägen und kreativen Ideen umgehen kann. Das Aha-Erlebnis folgt dann, wenn ich erkläre, welche Richtlinie genau dieses Vorgehen schon seit zehn oder zwanzig Jahren beschreibt.
Anders herum: Ich habe bisher noch keinen Verband erlebt, der Interessierte abgewiesen hätte, aber ich erlebe beständig Personen, die Verbände ablehnen, ohne wirklich zu wissen, was deren Zweck und Tätigkeit ist.
Sie kritisieren an meiner Argumentation, dass sie zu "technisch" sei. Damit habe ich kein Problem, denn ohne diese technischen Aspekte funktioniert es ganz einfach nicht. Verwundert bin ich aber, dass Sie dies kritisieren. In Ihrem Diskussionbeitrag in Herrn Raitners Blog bringen Sie explizit die Frage der Qualität (in Großbuchstaben) und des QS-Prozesses ein und fordern einen Referenzrahmen auf Basis bestehender Theorierichtungen(!) (http://misc.raitner.de/2011/10/open-pm-cui-bono/). Nun sind mir keine Theorierichtungen im Projektmanagement bekannt, sondern nur Best-Practice-Ansätze. Von daher kann ich Ihre Kritik an meiner Argumentation jetzt nicht wirklich nachvollziehen.
Wenn wir nach Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis, nach Beschäftigung mit Führungsthemen, mit dem Faktor Mensch im Projekt usw. suchen, na dann brauchen wir uns bloß hier im Projekt Magazin umsehen. Da gibt es das alles.
Viele Grüße
Georg Angermeier
Hallo zusammen,
ich finde jede Idee gut, die Projekte verbessert. Die Resonanz auf open-pm zeigt, dass die Initiative den Nerv der Zeit getroffen hat. Also bitte ausprobieren.
Ich habe folgende Anmerkungen:
1. Ich glaube nicht, dass wir eine weitere Stelle brauchen, die noch mehr Tools und Methoden bereit hält. Wir ertrinken in Wissen. Wir filtert denn das relevante Wissen heraus? Ich glaube, open-pm will sich nicht anmassen, zu entscheiden, was gut und was schlecht ist. Das widerspricht ihren Werten.
2. Tools und Methoden sind nicht allein der Schlüssel zum Erfolg, wenn ich mir die Geschichte des Projektmanagements im 20. Jahrhundert ansehe (z. B. bei books.google.com/books?id=AkhqNzThyLkC ). Mindestens genauso wichtig ist die Sinnfrage: “Warum machen wir dieses Projekt?”. Wie will open-pm die (Projekt-) Manager dabei unterstützen, dass solche Fragen auch beantwortet werden und dass der “politische Zuspruch” zu einem Projekt auch erhalten bleibt?
3. Wenn wir die PM-Bücher und Standards dieser Welt aufschlagen, sehen wir immer nur die fertige und vermeintlich richtige Lösung. Aber jede Lösung hat eine Geschichte und es gab Umstände, unter denen sie angemessen war. open-pm könnte dafür sorgen, dass diese Geschichten erzählt werden. Das trägt zum Verständnis der Methoden bei und eröffnet die Spielräume, die Projektmanager/-innen heute brauchen, um Werkzeuge anzupassen.
4. Wie werden Projektmanager/-innen heute ausgebildet? Kulturgut kann man nicht wie eine Linux-Distribution runterladen und installieren. Es muss in die Köpfe. Das geht durch Ausprobieren, Diskutieren, Fehler machen, durch Sinneserfahrungen, durch regelmäßiges Üben und Trainieren. open-pm könnte Spiele erfinden, Spielwiesen bereit stellen, Mitspieler/-innen finden.
Beste Grüße, Jan Fischbach
Hallo Hr. Angermeier,
danke für Ihre ausführliche Antwort. Meine Gedanken zu den einzelnen Punkten:
1) Otto-Normal-Projektmanager/in: Ich wollte damit ausdrücken, dass die Art uns Weise, wie Standards in Verbänden derzeit entwickelt werden, "Nicht-Verbands-Insider" kaum anspricht. Ich sehe einen großen Unterschied zwischen "nicht abweisen" und "wirklich offen sein".
2) Technische Aspekte: Es gibt gar keinen Zweifel, dass technische und formale Aspekte notwendig sind. Genau aus diesem Grund habe ich den Aspekt der Qualitätssicherung in die OpenPM Diskussion eingebracht. Ich möchte einzig und allein die Frage aufwerfen, in welchem Verhältnis die harten und die weichen Faktoren - um es trivial zu formulieren - einander gegenüber stehen.
3) Keine Theorierichtungen im PM: Ich habe das Verständnis, dass Theorie nichts anderes als verdichtete Praxis ist. Entscheidend ist, ob es sich um "gute Theorie" handelt, die wirkungsvolles Handeln in der Praxis fördert und anregt.
4) Dass das Projektmagazin einen großen Fundus an wertvollen Inhalten bereit hält, kann ich nur unterstützen. Trotzdem kann OpenPM - wenn die Umsetzung der Idee funktioniert - eine gute und wichtige Ergänzung sein.
Viele Grüße,
Stefan Hagen
Hallo Jan,
Thomas Stearns Eliot hat folgende Aussage geprägt:
„Wir hatten die Weisheit, und wir haben sie in dem Wissen verloren. Wir hatten das Wissen, und wir haben es in den Informationen verloren.“
Obwohl diese Aussage schon über 50 Jahre alt ist, haben wir meines Erachtens heute in ganz vielen Bereichen genau dieses Problem. Wie Du auch geschrieben hast: Wir haben kein WIssens- und Erkenntnisproblem, sondern vielmehr ein Bewusstseins- und Umsetzungsproblem.
In einem Punkt bin ich eventuell etwas anderer Meinung. Das Prinzip der Offenheit und der gemeinsamen Kreation und Sammlung von Inhalten ("Co-Creation") widerspricht sich für mich nicht mit jenem der Bewertung, Strukturierung und Verdichtung ("Qualitätssicherung"). Ich bin sogar davon überzeugt, dass es zwingend notwendig ist, diese vermeintlichen Widersprüche zusammen zu bringen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich hierfür auch noch keine Lösung habe (denn wahrscheinlich gibt es dafür auch keine einfache Lösung).
Bzgl. Deines 4. Punktes möchte ich noch weiter gehen: Die Prinzipien und das relevante Wissen müssen nicht nur in die Köpfe sondern auch in die "Herzen und Bäuche" der Menschen. Und genau hier scheitern wir derzeit allzu oft in der Praxis - denn zwangsläufig trifft man hier recht schnell auf festgefahrene Glaubenssätze, Welt-/Menschenbilder und Haltungen. Ich denke, dass "Führung, Management und Organisation in einer vernetzten Welt" genau hier am meisten von den Menschen fordert.
Viele Grüße,
Stefan



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Zwar sind manche Kritikpunkte Herrn Hagens durchaus berechtigt, z.B. die Abgrenzungen der Verbände untereinander.
Ansonsten konnte ich aber seine Argumentation nicht wirklich nachvollziehen.
Richtlinien zu entwerfen, zu diskutieren, ihre Qualität zu sichern, zu übersetzen, dem notwendigen strikten Konfigurationsmanagement zu unterziehen - all das sind enorm hohe Aufwände.
Einziger Zweck von PM-Richtlinien ist die Effizienzsteigerung von Geschäftsprozessen. Dann sollten diejenigen, die davon profitieren wollen auch ihren Obulus zum Entstehen beitragen.
Übrigens: Das V-Modell-XT steht frei zum Download zur Verfügung, die IPMA Competence Baseline auch.
Mein wichtigster Einwand aber: Die dominierenden Standards sind doch seit jeher "offen"! Sowohl beim PMI als auch bei der OGC (PRINCE2) ist die Mitarbeit von internationalen PM-Experten Grundlage der Standard-Entstehung und -Weiterentwicklung.
Was soll also jetzt noch ein weiterer "Offener Standard" bewirken können?