Thema: Sind PM-Zertifizierungen für Freiberufler sinnvoll?

Wenn man sich die Projektausschreibungen anschaut, machen die Zertifizierungen zunächst eigentlich keinen Sinn. Kurioserweise wird relativ selten bei Projektmanagern gefragt, ob sie zertifiziert sind. Eigentlich müssen sie nur sofort verfügbar sein und möglichst wenig kosten.

Wenn dann bei schlechter Wirtschaftslage gerne mehr als 200 Profile einem Vermittler in die Mailbox trudeln wird es schon etwas interessanter. Letztlich ist für den Vermittler wieder erst der Preis ein Kriterium und danach erst die Frage wichtig, wie erfahren der Kandidat ist. Immerhin muss er mit dessen Profil gegen viele andere Vermittlungsunternehmen beim Kunden bestehen, also könnten Zertifikate helfen.

Am Ende regiert allerdings immer der Preis.

Macht es nun Sinn sich zu zertifizieren? Aus meiner Sicht definitiv ja. Denn gerade wenn man dann einer Projektanfrage als Kandidat hinterhertelefoniert kann man sich wunderbar in Stellung bringen und beim Kunden im Interview gleich noch einmal punkten. Die PMP-Zertifizierung kann man hervorragend als Standard-Zertifizierung des weltweit größten PM-Fachverbands verkaufen, die GPM-/IPMA-Zertifizierungen als soft skill-orientierte Kompetenzzertifizierungen, die gerade sicherstellen können, dass man hoffentlich den Standardgründen für das Scheitern von Projekten entrinnt.

Und zu welchem Preis macht man nun eine Zertifizierung? Die PRINCE2 Foundation ist schnell und günstig erledigt und meist weiß der Kunde nicht allzuviel über Zertifizierungen, also quasi das low budget-Modell. Beim PMP muss man schon einige Erfahrung mitbringen und bei der GPM/IPMA eine Menge Durchhaltevermögen um die höheren Level zu erklimmen. Bei letzteren Zertifizierungen ist es insbesondere eine Geldfrage, da man viel Zeit investieren muss und die Prüfungen nicht billig sind. Das ist einfach Verdienstausfall.

In der Zukunft denke ich, dass mit steigendem Bewusstsein über die Erfolgskriterien von Projekten bei Kunden der Wert von Zertifizierungen steigen wird.

Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen?

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Re: Sind PM-Zertifizierungen für Freiberufler sinnvoll?

Ich bin derzeit freiberuflicher IT-Projektmanager und mache just die IPMA-D Zertifizierung (C folgt dann). Ich habe mich damals bewusst für die IMPA-Zertifizierung entschieden und nicht für die PMP-Zertifizierung. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass die Softskills weitaus wichtiger sind. Zudem ist das Erlernen weitaus intensiver und praxisnaher (alleine was man bei einem Transfernachweis lernen kann). In meinem Projektumfeld und auch bei Neuaquisen kann keiner etwas mit diesen Zertifizierungen anfangen. Sie übergehen sie schlichtweg oder man wird sogar belächelt!! Wie bereits oben erwähnt wird lediglich geprüft ob der Kandidat ins Umfeld passt und günstig ist. So gesehen würde ich eine Zertifizierung nicht benötigen. Aber es entspricht eben meinem Anspruch Projekte professionell zum Erfolg zu führen. Und das schlägt sich später in den Referenzen nieder. Dies ist wiederum gute Werbung. So gesehen ergeben Zertifizierungen eben doch Sinn.

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Re: Sind PM-Zertifizierungen für Freiberufler sinnvoll?

Ich arbeite seit 1989 als Projektmanagerin, Projektmanagement-Trainerin und systemischer Coach. Bisher hat mich kein Unternehmen - selbst die wirklich ganz großen - nach irgend einer Zertifizierung gefragt. Was immer gefragt wurde und gezählt hat, ist das, was man in der Praxis - besonders auch zeitnah - an Projektarbeit und Coaching geleistet hat. Für mich war lange und oft die Frage, ob ich mich trotzdem zertifizieren lassen soll. Die Entscheidung ist ganz klar dagegen ausgefallen. Mein Glaube: alles nur Geldmacherei.

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Re: Sind PM-Zertifizierungen für Freiberufler sinnvoll?

Meine Erfahrung zeigt unterschiedliches aus:

Bei "kleineren" Firmen (so bis 500 Mitarbeitern) wird eher auf das Geld geschaut und darauf ob die technischen Skillz für das Projekt erfüllt sind. Erfahrung spielt sicher auch eine Rolle, aber mir ist es mit 15 jähriger reinen Projekterfahrung auch schon passiert dass sich ein Kunde bewusst für den "Anfänger" frisch von der Uni entschieden hat, weil sein Preis einfach unterirdisch war.

Bei grösseren, international tätigen Firmen hingegen ist die Zertifizierung ein entscheidendes Kriterium. Und auch dabei wird zwischen PMP und IPMA sehr unterschieden - je nachdem wie gross das Projekt ist. Die wichtigen Entscheider kennen sehr gut die jeweiligen Unterschiede in den Zertifizierungen und wissen wo wer mit welcher Zertifizierung besser passt.

Daher war meine Entscheidung auf jeden Fall ja für die Zertifizierung - sowohl als PMP als auch IPMA Level B - bereut habe ich es bis heute nicht (auch wenn ich zustimmen muss - Erfahrung selbst als Projektmanager ist unersetzlich und keine Zertifizierung kann diese ersetzen).

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Re: Sind PM-Zertifizierungen für Freiberufler sinnvoll?

Carla van Heeven schrieb:

Ich arbeite seit 1989 als Projektmanagerin, Projektmanagement-Trainerin und systemischer Coach. Bisher hat mich kein Unternehmen - selbst die wirklich ganz großen - nach irgend einer Zertifizierung gefragt. Was immer gefragt wurde und gezählt hat, ist das, was man in der Praxis - besonders auch zeitnah - an Projektarbeit und Coaching geleistet hat. Für mich war lange und oft die Frage, ob ich mich trotzdem zertifizieren lassen soll. Die Entscheidung ist ganz klar dagegen ausgefallen. Mein Glaube: alles nur Geldmacherei.


Ich stimme Frau van Heeven aus ganzem Herzen und zu 100% zu.
Projektmanagement ist Führungsleistung; das bekommt man in die Wiege gelegt. Den Rest (Methoden, Vorgehen, tools etc.) kann man sich antrainieren.

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Re: Sind PM-Zertifizierungen für Freiberufler sinnvoll?

Eine Zertifizierung kann Erfahrung nicht ersetzen. Zertifizierungen mögen bei anonymen Ausschreibungen noch helfen, doch eigentlich ist unser Business ein People-Business. Und spätestens dann, wenn ich mein gegenüber kenne (oder kennenlerne) zählt nur mehr die Praxis.

Allerdings verstecken sich Vermittler und Einkaufsabteilungen mitunter hinter solchen Anforderungen, aber eigentlich nur aus Überforderung.

Das Zertifizierungen ein eigenes Geschäftsmodell sind, an dem nicht nur die konkurrierenden Verbände verdienen wollen, sondern auch eine ganze Reihe Dienstleister, wurde hier auch schon zurecht angemäkelt. Mit einer einmaligen Zertifizierung ist es ja nicht getan und dann gibt es auch verschiedene Zertifizierungsstufen und und und. Die Zertifizierungsmodelle bedienen mehr Bürokratien als Projekte. Schnell werden sie zum Selbstzweck.

Gruß
Bernhard Schloß
www.schlossblog.de

Re: Sind PM-Zertifizierungen für Freiberufler sinnvoll?

Kann jemand mit Führerschein auch automatisch gut Auto fahren? Ganz sicher nicht. Aber sollte jeder selber einschätzen, ob er befähigt ist, ein Auto zu fahren - egal ob er/sie einen Führerschein hat oder nicht? Wohl kaum, denn jeder hält sich für einen guten Autofahrer.
Solange es nur ein paar Autos auf holprigen Straßen gab, brauchte man keinen Führerschein. Aber da mittlerweile nahezu jeder mehr oder weniger viel Auto fährt (ob aus Notwendigkeit oder Vergnügen) müssen sich alle an dieselben Regeln halten. Und auch begabte Autofahrer müssen sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, die für den durchschnittlichen Autorfahrer entworfen wurden.
Ähnlich verhält es sich meiner Meinung nach mit der Zertifizierung im Projektmanagement. Solange Projekte die Ausnahme sind, genügt die Begabung. Wenn jedoch projektorientiertes Arbeiten immer mehr zum "Business as usual" wird, müssen die Projektbeteiligten ein gemeinsames Verständnis haben, z.B. davon, was ein Terminplan oder eine Abnahme ist. Und auch hier werden die "Künstler" des Projektmanagements Rücksicht nehmen müssen, auf die "Normalos", sonst gibt es Unfälle.
Unfälle gibt es im Projektmanagement mittlerweile mehr als genug - der sog. Chaos-Report berichtet davon regelmäßig. Intuition und natürliche Begabung genügen schon lange nicht mehr für das Projektmanagement im großen Stil. Wenn "Hinz und Kunz" Projekte zu managen haben, dann müssen sie auch dazu befähigt werden. Und Projekte managen ist im Alltagsgeschäft kein bisschen schwieriger als Autofahren. Und genau dies bescheinigen die Zertifikate: Der/die InhaberIn haben die notwendigen Grundkenntnisse, um ein Projekt zu managen.
Schlimm hingegen ist, dass die verschiedenen Zertifikate höchst unterschiedliche Regelungen enthalten. Die aktuelle Situation ist so wie wenn es drei verschiedene Führerscheine gäbe: Bei den einen gilt "rechts vor links", bei den anderen "links vor rechts" und bei den dritten "die Vorfahrt wird ausgehandelt".
Darin sehe ich das eigentliche Dilemma der Zertifizierungen und daraus ist natürlich auch der Unmut vieler verständlich.

Zuletzt bearbeitet von Georg Angermeier (08.02.2010 12:32)