Streit um Superhirn-Projekt entbrannt
(01.02.2012) Um das milliardenschwere Forschungsprojekt "Human Brain Project" ist unter Wissenschaftlern ein Streit entbrannt. Die Hirnforscher um Henry Markram von der Schweizer Hochschule ETH Lausanne möchten mit diesem Projekt die Wirkungsweise des menschlichen Gehirns vollständig am Computer simulieren. Dazu soll das sämtliche, derzeit verfügbare Wissen über Nervenzellen, wie z.B. chemische Eigenschaften, in einen Hochleistungsrechner eingespeist werden. Die Forscher erhoffen sich u.a. von der Simulation, menschliche Verhaltensweisen sowie Hirnkrankheiten besser verstehen zu können.
Wie der Schweizer Tages-Anzeiger berichtet, gibt es nun unter den Forscherkollegen in der Schweiz zunehmend Kritik an dem Vorhaben. Demnach fand vergangene Woche ein Symposium der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften statt, das sich mit den finanziellen Folgen für den Forschungsplatz Schweiz beschäftigte. Markram hat für das Projekt eine Fördersumme von einer Milliarde Euro veranschlagt und sich bei der EU im Rahmen des "EU-Flagship-Programms" beworben, ein Programm zur Förderung besonders großer, zukunftweisender Forschungsprojekte.
Allerdings übernimmt die EU im Flagship-Programm die Fördersumme nur zur Hälfte – die andere Hälfte müssten die Schweizer Förderagenturen aufbringen. Zuviel nach Meinung einiger Forscherkollegen wie z.B. dem Genfer Neurowissenschaftler Alexandre Pouget: "In einem Punkt müssen wir klar sehen: das Geld, das in den Supercomputer gesteckt wird, fehlt dann in anderen Projekten", zitiert der Tages-Anzeiger den Wissenschaftler.
Zudem befürchten Kritiker, dass Markram einen falschen Ansatz bei der Erforschung des Gehirns wählen würde und sein Modell nicht die Realität widerspiegeln könne. "Es ist wie bei den Wettermodellen – so ausgefeilt die Simulationen auch sind, im Computer regnet es nie", sagte der Züricher Neuroinformatiker Rodney Douglas.
Neben dem "Human Brain Project" bewerben sich noch fünf weitere Projekte um die EU-Flagships und deren Förderung. Wie der Tages-Anzeiger berichtet, müssen die Projektleiter ihre Projekte bis Ende Oktober zur Evaluation einreichen. Der Entscheid über die zwei Sieger soll im Januar 2013 fallen – allerdings können die Heimnationen ein Votum für oder gegen das Projekt abgeben. (mz)
Weitere Informationen: Tages-Anzeiger www.tagesanzeiger.ch; Human Brain Project www.humanbrainproject.eu


