Konstruktiv den Change begleiten

So nutzen Sie die Energie des Widerstands für Ihr Projekt

"Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das klappen soll. Immer diese neuen Methoden, was soll das denn bringen?!" Jede Veränderung löst Widerstand aus – und das bei jedem Betroffenen. Helga Trölenberg zeigt, wie Sie als Führungskraft die Energie des Widerstands für Ihr Projekt nutzen und wie Sie Widerstand bei sich selbst auflösen (mit Arbeitshilfe).

Management Summary

Konstruktiv den Change begleiten

So nutzen Sie die Energie des Widerstands für Ihr Projekt

"Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das klappen soll. Immer diese neuen Methoden, was soll das denn bringen?!" Jede Veränderung löst Widerstand aus – und das bei jedem Betroffenen. Helga Trölenberg zeigt, wie Sie als Führungskraft die Energie des Widerstands für Ihr Projekt nutzen und wie Sie Widerstand bei sich selbst auflösen (mit Arbeitshilfe).

Management Summary

Montagmorgen, 9:00: Im Konferenzraum des mittelständischen Unternehmens haben sich alle Projektleiter versammelt. Das Management hat sie zusammenberufen, um sie über die diesjährige Strategie zur Umstrukturierung zu informieren: "Ab jetzt arbeiten wir agil – mit Scrum!", eröffnet ihnen der Geschäftsführer. Einige Softwareprojektleiter lächeln spontan. Sie arbeiten schon länger mit Scrum und schätzen diese agile Methode, weil sie einen ruhigen Fluss in die Entwicklung gebracht hat, aber dennoch regelmäßig und in kurzen Abständen Ergebnisse für die Kunden bereitstellt.

Die Kollegen aus dem Anlagenbau sind dagegen skeptisch: "Wie soll denn das gehen? Sollen wir jetzt alle 14 Tage eine neue Anlage installieren?", fragt der Projektleiter Hans Schreiber skeptisch seinen Kollegen Max Hermeier, als sie später an der Kaffeemaschine stehen. "Nein", antwortet dieser und fährt fort: "Aber durch die kleinen Einheiten, in die Du Dein Projekt zerlegst, siehst Du schnell, wo es klemmt. Außerdem zwingt Dich das, immer wieder mit dem Kunden zu sprechen. Dadurch kriegst Du gleich mit, wenn sich die Welt beim Kunden mal wieder gedreht hat." Martin Schreiber bleibt skeptisch, denn er hat auch gehört, dass Scrum keine Projektleiter vorsieht. Der Geschäftsführer hat sich dazu nicht geäußert – und nachzufragen hat er sich nicht getraut. Er fragt sich leise, was wohl zukünftig seine Aufgabe sein wird.

Neuerungen im Unternehmen

Bild 1: Neuerungen im Unternehmen führen nicht immer zu Begeisterungsstürmen, Widerstand gehört dazu
Illustration aus: Trölenberg; Drathen, 2016

Andere Kollegen gesellen sich zu den beiden und an der Kaffeemaschine beginnt eine muntere Diskussion mit skeptischen Untertönen. Martin Schreibers Verunsicherung schlägt in Ärger um: "Nein, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das klappen soll. Immer diese neuen Methoden, was soll das denn bringen?!" Ein anderer Kollege aus dem Anlagenbau stimmt zu: "Eben! Es wird doch ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Da muss man ganz schön naiv sein, wenn man glaubt, es wird alles besser, nur weil wir was Neues machen." Schnaubend und mit einer wegwerfenden Handbewegung stapft er davon.

Erleben wir in unseren Projekten Widerstand wie in diesem Beispiel, können wir davon ausgehen, dass sich jemand oder eine Gruppe sehr aktiv mit dem Veränderungsprojekt auseinandersetzt. Es muss darin etwas Wichtiges geben, dass die Aufregung rechtfertigt bzw. den Widerstand lohnt. Und darin steckt Energie, die wir für unseren Veränderungsprozess aktiv nutzen können. Im Weiteren erfahren Sie, wie Sie diese Energie entdecken und nutzen können.

 

Widerstand äußert sich ganz verschieden

Ein erster Schritt beim Verstehen von Widerstand ist es, sich den Widerstand aktiv bewusst zu machen. Solche skeptischen Bemerkungen, wie wir sie in unserem Beispiel an der Kaffeemaschine hören, gibt es oft, wenn Veränderungen angekündigt werden: "Muss das sein? Das haben wir doch schon immer so gemacht.", "Toll, jetzt beschäftigen wir uns wieder mit uns selbst." So oder so ähnlich hört sich das dann an. Widerwille ist oft deutlich zu spüren, der auch gerne zum Widerstand wird. Dieser lässt sich manchmal nur schwer als solcher erkennen – selbst von den Betroffenen. Die Grafik zeigt einige Beispiele für Formen des Widerstands, einsortiert in eine Matrix mit den Dimensionen vorbewusst, bewusst und verdeckt, offen.

unterschiedliche Formen des Widerstands

Bild 2: Beispiele für unterschiedliche Formen des Widerstands

Es kann also sehr verschieden sein, wie Widerstand sich äußert. Da gibt es diejenigen, die immer zu spät kommen oder Ausreden haben, warum die zugesagten Aufgaben nicht fertig geworden sind. Oder diejenigen, die immer alles besser wissen und am liebsten über Nachteile sprechen, bis hin zu den Menschen, die offen in Opposition gehen oder die, die die Veränderung still und heimlich sabotieren. Dauerndes Wiederholen der eigenen, abweichenden Meinung bis hin zu offenem Streit – alles ist möglich.

Beobachten Sie einmal sich und Ihre Teammitglieder beim Gespräch über Neuerungen oder Veränderungen, die nicht bei allen auf Gegenliebe stoßen. Sie werden überrascht sein, wie viele Verhaltensweisen auch als Widerstand gegenüber einer Veränderung interpretiert werden können. Nutzen Sie dazu auch die Übung in der Arbeitshilfe ("Was können wir tun, um das Projekt zum Scheitern zu bringen?").

Allerdings sollten wir jede Äußerung, die als widerständig gedeutet werden könnte, im jeweiligen Kontext betrachten: Nicht jedes Zuspätkommen oder skeptische Nachfragen bedeuten Widerstand. Unvorhergesehene Zwischenfälle können den Kollegen dazu zwingen, erst später zum Teammeeting zu kommen. Und Nachfragen sind legitim, wenn wesentliche Sachinformationen noch fehlen.

Widerstand gehört zu einem normalen Veränderungsprozess

Widerstand ist eine normale, menschliche Reaktion im Veränderungsprozess. In Veränderungsprojekten haben wir dauernd und auch an unterschiedlichen Stellen mit Widerstand zu tun. Grund dafür ist, dass Veränderungen in den seltensten Fällen einfach so geschehen, sondern häufig einen Prozess durchlaufen.

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Peter
Howe
Sehr gute und praxisbezogene Abhandlung und Beispiele von Widerstand im Geschäftsleben. Sehr gut finde ich die Hinweise und möglichen Verhaltensstrategien wie man damit umgehen kann und was die Motive dahinter sein könnten. Vielen Dank dafür.
Herzlichen Dank für Ihr positives Feedback, ich freue mich immer, wenn Leser etwas für ihre Praxis mitnehmen können.
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