Projektteams

Das Sechs-Ebenen-Modell als eine operationalisierte kognitive Karte f├╝r die Arbeit in betrieblichen Kleingruppen

Informationen zum Buch
Projektteams
Autor: H├╝sgen, Matthias F.
ISBN: 3833402954
Verlag: BoD
Jahr: 2003
Ort: M├╝nchen
Seitenanzahl: 408 Seiten
Medienart: geb.
Preis: 49,50 ÔéČ
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Rezension von Dr. Georg Angermeier

Für eilige LeserInnen: Eine sehr fundierte, sehr wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Team", speziell "Projektteam".

Ein gutes Fremdwörterbuch sollten Sie schon griffbereit haben, wenn Sie "Projektteams" in Angriff nehmen. Es ist nun mal eine Dissertation des Fachs Organisationspsychologie und dort zählt die Fremdwortdichte augenscheinlich zu den Qualitätskennzahlen bei der Bewertung der Arbeit. Dies ist umso bedauerlicher als der Autor äußerst sorgfältig, mit hoher Fachkompetenz und offensichtlich großer Motivation umfangreiches Material über das Arbeiten in Projekten und Teams zusammengetragen und analysiert hat und seine Ergebnisse nun den von Teamarbeit betroffenen präsentiert. Diese werden freilich seine Forschungen in der "Schnittmenge aus soziologischem und psychologischem Ansatz" nur dann richtig würdigen können, wenn sie selbst in einem dieser Fachgebiete bewandert sind.

Ergänzend zu den Ausführungen des Autors selbst, die Sie weiter unten finden, möchte ich auch für die Fachleute anderer Disziplinen (Informatik, Maschinenbau usw.) ein paar Hilfestellungen zum Verständnis des Buchs geben. Vielleicht lohnt sich die Mühe, sich einen "fremdsprachlichen" Text zu erarbeiten trotzdem.

Wichtigstes Ergebnis seiner Forschungsarbeiten ist für den Autor das durch einen Würfel visualisierte "Sechs-Ebenen-Modell" des Teamgeschehens sowie ein Fragebogen, mit dem Projektteammitglieder oder das gesamte Projektteam die aktuelle Teamsituation klassifizieren können. Dies soll zur Diagnose der Ursachen eventueller Probleme dienen, während es für Therapien leider keine Unterstützung bietet. Ein wenig wird damit schon das Negativ-Image der Organisationsentwickler bei den richtig "harten" Projektmanagern untermauert. "Störungen haben Vorrang. Gut, dass wir darüber geredet haben. Vertrauen wir dem Prozess.", wäre in etwa die lakonische Zusammenfassung dieses Buchs durch einen "wirksamen" Projektmanagers, wie wir ihn z.B. im Buch der Managementakademie St. Gallen (Wirksames Projektmanagement" kennen lernen.

Hüsgen ist auf solche Kritik gefasst und teilt schon mal vorsichtshalber selber kräftig aus. In einem furiosen Ritt durch die aktuelle Projektmanagement-Literatur versucht er nachzuweisen, dass all die Stufen-, Phasen- und Spiralmodelle den Faktor Mensch nicht angemessen berücksichtigen. Sein Argument, dass Projektteams selbstorganisierende Systeme sind, und deshalb die linearen, deterministischen Ablaufmodelle des Projektmanagements nicht greifen, hat dabei durchaus seine Berechtigung. Trotzdem: Er schnitzt sich das Bild vom lediglich sachorientierten Projektmanagement schon ein wenig zurecht für seine eigene Argumentation. Z.B. findet Jennys umfangreicher Systemansatz in "Projektmanagement in der Wirtschaftsinformatik" keinen Eingang in die sonst äußerst umfangreichen Zitate. Aber ich will gar nicht so sehr gegen Hüsgen argumentieren, schließlich hat er ja auch Recht. Denn das Projektmanagement ist nicht dazu da, dass sich die Leute wohl fühlen, sondern dass sie Ergebnisse bringen.

Dummerweise bringen motivierte Mitarbeiter bessere Ergebnisse - also sind die Untersuchungen dieser Dissertation doch relevant für uns Projektmanager. Deshalb lesen wir ja auch Hedwig Kellner und Tom deMarco und wie die Erfolgsautoren sonst noch alle heißen. Leider sei dies alles Schundliteratur, erfahren wir auf Seite 52. Nun, ganz so hart drückt Huisgen es nicht aus, es fehlt dem einen oder anderen Titel lediglich an "jeder theoretischen Basis".

Genau diese will der Autor mit seinem Werk herstellen und seine wesentliche Leistung sehe ich denn auch weniger in den acht Oktanten, den sechs Ebenen und dem Fragebogen, sondern mehr in der beeindruckenden Zusammenstellung und Diskussion der über viele hundert Quellen verteilten Aussagen und Ansätze zum Arbeiten in Projektteams.

Für so richtig wertvoll und eine echte Basis für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Projektteam" halte ich darum auch die Kapitel 5 "Modelle" und 6 "Variablen der Teamarbeit", in denen Huisgen umfangreich Ansätze, Vorgehensmodelle und Methoden des Projektmanagements in ihren Wechselwirkungen mit dem Projektteam beschreibt.

Daraus folgen keine Kochrezepte und keine Alltagstipps, aber es entsteht beim Leser eine neue Perspektive, wie Projektarbeit und Teamentwicklung sich dynamisch miteinander entwickeln.

Zusammenfassend erscheint mir "Projektteams" als eine wertvolle Arbeit, von der nur zu wünschen wäre, dass sie auch auf Deutsch erscheinen möge - vielleicht sollte Huisgen auf seiner "assoziativen Brücke" von der theoretischen Fundierung zur praxisorientierten Literatur den großen Graben zwischen diesen beiden Ufern überqueren. Es könnte sowohl dem Autor als auch der "für-die -Praxis-Literatur" gut tun.


Verlagstext

Buchvorstellung des Autors Dr. phil. Matthias F. Hüsgen

Kein Projektmanagement ohne Projektteam

Bei einer Befragung der einhundert umsatzgrößten Industrieunternehmen Deutschlands gaben diese als zweithäufigstes Problem bei der Projektarbeit Spannungen innerhalb des Projektteams an. Dennoch wird jenseits der Sozialpsychologie den Menschen bzw. den sozio-emotionalen Prozessen in Projektteams erst wenig Beachtung geschenkt. Dies gilt besonders für den Projektmanagement-Ansatz. Modelltheoretisch ist die Forschung bisher bestimmt durch Stufen- oder lineare Input-Outputmodelle, die zu kurz greifen. Adäquater sind dynamische, systemtheoretisch geprägte Modelle, da sie unter anderem die Indetermination des Geschehens im Projektteam berücksichtigen - sie sind jedoch bisher nur vereinzelt zu finden.

Zielsetzung und Ansatz

Angesichts dieses Missstands wird mit dieser Arbeit beabsichtigt, zum Verständnis des Phänomens "Projektteam" beizutragen - ich muss mich und das Geschehen im Projektteam verstehen, um darin erfolgreich zu arbeiten. Es wurde ein dreistufiges Vorgehen gewählt: Erstens wird auf Basis der Literatur ein multidisziplinärer Überblick über den Stand der Forschung gegeben. Zweitens wurde darauf aufbauend ein Modell der Zusammenarbeit in Projektteams entwickelt. Drittens ist dieses neuartige Modell empirisch geprüft worden.

Projektteams sind selbst steuernde, komplexe soziale Systeme. Generell existieren zwei Ansatzpunkte, um das Kontroll- und Steuerverhalten von Menschen in Interaktion mit komplexen sozialen Systemen zu verbessern: Zum einen der Wissenserwerb über das System; zum anderen die Schnittstellen zwischen Individuen und System.

Den Wissenserwerb fördert die Arbeit im Sinne einer Wissensbasis für Teammitglieder durch die ausführliche Beschreibung des Erkenntnisstands aktueller Projektteamforschung. Für den zweiten Ansatzpunkt wurde ein Modell konstruiert: Die Schnittstelle wurde durch die Förderung mentaler Modellbildung verbessert. Einen wichtigen Einfluss hat dabei das systemtheoretische Verständnis von Organisationen. Das gewählte subjektiv-konstruktivistische Vorgehen führt zum Sechs-Ebenen-Modell, das zu vertehen ist als "kognitive Landkarte". Es handelt sich also um ein mentales Modell für die Beschreibung der Umwelt. Die betriebliche Praxis verlangt naturgemäß eher nach einem Prognose- bzw. einem Entscheidungsmodell. Wie gezeigt wurde, ist dies zumindest zum heutigen Zeitpunkt unmöglich.

Das Sechs-Ebenen-Modell

Das Sechs-Ebenen-Modell ist ein Raummodell aus sechs paarweise angelegten Ebenen:

  • Individual- und Teamebene
  • Struktur- und Prozessebene
  • sozioemotionale und sachrationale Ebene

Die Individualebene entspricht der Sicht der Individuen, also der einzelner Teammitglieder. Die Teamebene entspricht der kollektiven Sicht des Projektteams. Struktur- und Prozessebene unterscheiden sich anhand des Grades der Institutionalisierung und der Dauer des Auftretens einzelner Aspekte (beispielsweise Normen, Eigenschaften vs. Konfliktlösung, Lernen). Die sozioemotionale Ebene beschreibt die nach Innen gerichteten Aspeke der Zusammenarbeit der Mitglieder, wie Klima, Emotionen oder Zufriedenheit. Die sachrationale Ebene beinhaltet jene Aspekte, die sich auf die Lösung der dem Team gestellten Aufgabe beziehen.

Die sechs Ebenen umschließen einen Raum. Das gesamte Teamgeschehen kann innerhalb dieses Raums, d.h. mit diesen Ebenen abgebildet werden. An den Schnittpunkten von jeweils drei Ebenen entsteht ein Unterraum, der als Oktant bezeichnet wird. Die Oktanten schaffen ein genaues Erfassungsraster für das Geschehen im Projektteam, das im Rahmen der Arbeit operationalisiert wurde.

Einsatz des Sechs-Ebenen-Modells

Der Einsatz des Sechs-Ebenen-Modells entspricht neueren Teamentwicklungsansätzen zur Steigerung der Selbstbeobachtung- und Diagnosefähigkeiten. Der Einsatz dient - verstanden als Teamentwicklungs-Maßnahme - nicht nur der Diagnose, sonder ist möglicherweise auch Ausgangspunkt für automnome Selbstreflexion im Team. Ein einzelnes Teammitglied oder das ganze Projektteam können das Sechs-Ebenen-Modell zu einem bestimmten Zeitpunkt der Projektlaufzeit heranziehen, um sich selbst in diesem dreidimensionalen Raum zu verorten. So wird anhand des Modells das Selbst und die jeweilige Situation sowohl auf Team- als auch auf Individualebene fassbar, kommunizierbar und reflektierbar. Das Sechs-Ebenen-Modell erhöht auf zweierlei Weisen die Diagnosefähigkeit: Zum einen kann sich sowohl ein Individuum als auch das gesamte Team innerhalb der Sechs-Ebenen verorten. Zum anderen kann ein Team das Teamgeschehen im Rückblick beschreiben.

Auf dieser Basis ließ sich ein Fragebogen entwickeln, der einem Projektteam die strukturierte Selbstbeobachtung ermöglicht. Zur Entwicklung eines universell einsatzbaren Instruments wurde eine empirische Untersuchung durchgeführt. Hierzu wurden zweistufige Interviews mit Mitgliedern aus 94 Projektteams in 21 Unternehmen durchgeführt. Als Ergebnis entstand ein empirisch validierter Fragebogen zur autonomen Verortung im Sechs-Ebenen-Modell.



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