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May 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Computer ersetzt Projektleiter

Irgendwo im Netz fand ich obige Schlagzeile. In einem Beitrag, der die Folgen der 4. Industriellen Revolution diskutiert. Seine Aussage: Der Computer werde in Zukunft immer stärker bei Planung, Steuerung sowie Kontrolle auch und gerade von Management-Prozessen eingesetzt werden. Es werde auch nicht mehr lange dauern, bis ausgeklügelte Algorithmen auch die komplexe Ressourcenplanung von Großprojekten übernehmen. Mir schwante Schlimmes: Ersetzt der Computer tatsächlich bald den Projektleiter?

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Projektleiter: Bald überflüssig?

Als ich einem Geschäftsführer von der steilen These berichtete, war dieser begeistert: "Was wir da an Personalkosten sparen!" Einer seiner Projektleiter war eher amüsiert: "Ich bin gespannt, wie der Computer es anstellt, dass unsere Pappenheimer endlich saubere Arbeitspakete aufstellen. Oder dass die Auftraggeber uns klare Ziele geben. Oder dass die lieben Kollegen die zugesagten Stunden auch abliefern."

Ich war beeindruckt vom Einblick des Mannes in die tieferen Mechanismen des Projektmanagements. Der Geschäftsführer weniger. Er hatte gar nicht zugehört, weil die Aussicht auf Einsparung bei den Personalkosten ihn bereits in Trance versetzt hatte.

Erfahrung vs. Algorithmus

Immerhin schlagen Computer inzwischen Schachgroßmeister, seit neuestem sogar Go-Weltmeister. Algorithmen, und nicht mehr Risikomanager, berechnen die Ausfall- und Eintrittswahrscheinlichkeit von Krediten und Versicherungsfällen. Und tatsächlich kann ich mir vorstellen, dass ein cleverer Algorithmus zum Beispiel bei großen und komplexen Infrastrukturprojekten viel Transparenz herstellen und die Arbeit von Projektleitern erleichtern und beschleunigen kann.

Aber was macht der Computer bei internen Projekten der Organisationsentwicklung oder bei Neulandprojekten? Ein Projektleiter mit Erfahrung sieht auf den ersten Blick, welche Arbeitspakete realistisch und welche Ziele plausibel sind, wo Fehler gemacht werden, und ob der Auftraggeber wieder herumeiert und deshalb einen Nachschlag an Entscheidungsvorbereitung braucht. Wie soll das ein Computer erkennen? Das kann er nicht. Aber das wird bald keinen mehr interessieren. Dafür sorgt das "Digitaldelirium".

Im Digitaldelirium

Die "Digitale Revolution" ist der neueste Blockbuster für Strategen. Es ist ein Virus. Viele Geschäftsführer gestehen infiziert: "So ein Programm würden wir sofort kaufen! Damit lösen wir das Problem, dass wir chronisch zu wenige kompetente Projektleiter haben!"

Das klingt auf den ersten Blick einleuchtend, entpuppt sich bei näherem Hinsehen jedoch als deliriös: Wenn das Problem ist, dass ich zu wenige, wie die Geschäftsführer selber sagen, "kompetente Projektleiter" habe, dann wäre es doch viel logischer (falls "logisch" einen Komparativ besitzt), dass ich a) etwas für die Kompetenz der vorhandenen Projektleiter tue und b) mir zusätzliche kompetente Projektleiter besorge. Das gebietet die Logik. Der Haken an der Logik: So eine Kompetenzoffensive macht Arbeit. Dagegen verspricht der Computer den bequemen und schnellen Quick Fix. Kann er das Versprechen halten?

Was der Computer nicht kann

Meiner Meinung nach: nein. Der Computer hat nicht die Erfahrung, um in überraschenden Situationen von nicht-standardisierten Projekten die richtige Entscheidung zu treffen. Er kann den Aufwand für noch nie dokumentierte Arbeitspakete nicht annähernd realistisch einschätzen. Er kann Teammitglieder nicht dazu bewegen, ehrliche Rückmeldung über den Status ihrer Arbeitspakete zu geben. Oder ihnen beibringen, wie man in Problemsituationen Lösungsoptionen entwickelt, bewertet und diese so präsentiert, dass die Entscheider entscheiden. Das alles kann ein kompetenter Projektleiter.

Vor allem kann der Computer die politischen Strömungen im Unternehmen nicht einschätzen und keine stimmungsabhängige "Pflegeanleitung für Auftraggeber und Lenkungsausschuss" geben. Trotzdem werden viele Unternehmen dem Digitaldelirium anheimfallen, sobald der Algorithmus auf dem Markt ist. Warum?

Verführt vom Quick Fix

Weil die Versuchung des Quick Fix zu groß ist! Anstatt langwierig eigene Projektleiter via PM-Trainings mit der nötigen Methodenkompetenz auszustatten, oder aufwändig kompetente Kandidaten von anderen Unternehmen abzuwerben, kauft man einfach die passende Software ein – und alles ist paletti! Das wird die Werbung versprechen. Und darauf werden viele hereinfallen. Genauer: alle außer den Best in Class.

Die Klassenbesten erkennen wir daran, dass sie schon heute nicht delirant verkünden: "Der Computer ersetzt den Projektleiter!" Sie sagen vielmehr Dinge wie: "Es gibt keinen Ersatz für erfahrene, methodenkompetente Projektleiter – also sorgen wir für beides und dafür, dass sie bei uns bleiben!" Außerhalb der Klasse der Besten werden solche Strategien mit der Frage konfrontiert: "Das glauben wir auch – aber was soll das denn kosten?" Die Klassenbesten fragen anders – und das macht den Unterschied.

Die Best in Class

Die Best in Class fragen als erstes: "Was bringt uns das? Und wie viel spart es uns ein?" Die Antwort liegt auf der Hand: Methodenkompetente Projektleiter sparen dem Unternehmen jede Menge Termin- und Budgetüberschreitungen, Konventionalstrafen, Zielabweichungen und unzufriedene Kunden. Das kann man alles controllen und quantifizieren.

Die Best in Class machen das. Aus dem Bauch heraus? Auch das ist ein Unterschied. In der üblichen Praxis wird kaum jemals ein Projekt nach dessen Abschluss auf den Prüfstand gestellt. So froh ist man, dass man das leidige Ding endlich los ist! Bei den Klassenbesten dagegen kommt nach der Projektabnahme das Lessons Learned Meeting so sicher wie das Amen in der Kirche. Man rechnet nach: Was hat uns das Projekt im Gegensatz zur Planung nun wirklich gekostet?

Lessons learned

Wer solche Lessons learned-Meetings als Standard einführt, kriegt beim ersten Dutzend Projekte erschütternde Qualitätskosten und Budgetüberschreitungen zu Gesicht. Das artet in der Normal Practice dann immer in Schuld-Safari und Rechtfertigungsorgie aus: Deshalb wird das gleich gar nicht gemacht! Keine Lessons learned! Man lernt nicht aus Fehlern, sondern wiederholt sie endlos.

Die Klassenbesten dagegen pflegen aktiv und neurosenfrei eine offene Kommunikationskultur, die sich nicht auf die Schuld-, sondern auf die Sachfrage konzentriert: Was lernen wir daraus? Mit welchen Kompetenzen vermeiden wir das künftig? Und dann wird in diese, meist sind es Methodenkompetenzen, investiert. Deshalb sind die Guten so gut.

Das wird nicht verhindern, dass in fünf Jahren viele Projektleiter vom Computer verdrängt werden. Denn die Best Practice hat kein Millionenwerbebudget. Schade fürs Projektmanagement. Wobei: Einen Vorteil hat der "Blechtrottel" schon, wie der Computer in Österreich auch heißt.

Die perfekte Entschuldigung

Wenn in Zukunft der Computer den Projektleiter ersetzt und (deshalb) die Projekte reihenweise Baden gehen, liefert die 4. Industrielle Revolution gleich die perfekte Entschuldigung mit: Der Computer ist schuld!

Bisher gibt es 7 Kommentare
Ich konnte mir bei der Lektüre ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Ein sehr gut gemachter Artiekl - und Danke, so habe ich heute wenigstens auch mal im stressigen Alltag eines Projektleiters ein süffisantes Grinsen auf dem Gesicht gehabt.
vor 17 Wochen 5 Tagen Alexander Becker
Mir fällt dazu spontan der Begriff und der Inhalt des Buches "Digitale Demenz" von Prof. Spitzer ein.
Wer das Buch gelesen hat, versteht was gemeint ist.
vor 17 Wochen 4 Tagen hd
Ich schließe mich gerne an: der Artikel ist sehr gut gemacht und greift ein Thema auf, das wir nicht vernachlässigen dürfen. Meiner Ansicht nach wird sich die Arbeit an sich verändern. D.h. der PL ist nicht allein betroffen. Die Projektmitarbeiter werden ebenfalls mit Veränderungen ihrer Tätigkeiten konfrontiert werden und die Automatisierung wird auf allen Ebenen fortschreiten.
Das hat Auswirkungen darauf, wie ein PL in Zukunft seine Arbeit verrichten wird. Wenn in allen Bereichen automatisiert wird, werden Daten anders zur Verfügung stehen, die weiter automatisch bearbeitet und ausgewertet werden können. Offen, wie oft muss ich administrativen Tätigkeiten nachgehen, die gut ein Computer, Roboter oder einfach eine SW erledigen könnte.
Zwei Sachen werden sich nicht ändern:
1. Die Überwachung der Aktivitäten von der Planung bis zum Abschluss: Man denke z.B. nur wie einfach es wäre durch Manipulationen einen Konkurrenten zu schädigen.
2. Die Führung der beteiligten Personen. Für alle Zeiten wird hier folgendes unabdingbar bleiben: Orientierung geben, Ruhe ins Team bringen und das Zusammenspiel bestmöglich zu etablieren.
Also, wir sollten nicht den Status-Quo mit allen Mitteln festschreiben, sondern sinnvolle(!) Veränderungen annehmen und uns weiterentwickeln. Die Basiskompetenzen im Umgang mit Menschen wird hingegen immer benötigt.
Wie gesagt, ein guter Artikel!
vor 17 Wochen 4 Tagen Peter Kobriger
Schmunseln musste ich bei dem Artikel auch und finde Ihn sehr gelungen, zumindest wenn man vom jetzt und hier ausgeht. Mit der Weiterentwicklung der Computer in Richtung KI und Quantencomputer sowie der Überlegung was war früher undenkbar und was haben wir jetzt, ist es jedoch lediglich eine Frage der Zeit bis auch PLs von Computern ersetzt werden können. Ich gehe dabei auch nicht davon aus, dass die heutigen PLs einfach ersetzt werden. Vielmehr wird es dies in andere Funktionen mit geänderten Aufgaben geben. Bezüglich der Thematik Führen oder wie Herr Kobriger schreibt "Die Führung der beteiligten Personen. Für alle Zeiten wird hier folgendes unabdingbar bleiben: Orientierung geben, Ruhe ins Team bringen und das Zusammenspiel bestmöglich zu etablieren.", möchte ich zu bedenken geben, dass dies lediglich eine Sichtweise unserer Mentalität und Wertschätzung ist. Wenn man Arbeitsweisen in Europa mit denen in Asien oder anderen Teilen der Erde stellenweise vergleicht wird man einige unterschiede entdecken können. Somit kann ich mir gut Vorstellen das viele dieser Aufgaben aus dem PM-Gebiet von Computern bzw. Software übernommen werden kann.
vor 17 Wochen 2 Tagen Uwe Repp
Der Artikel ist sehr schön geschrieben und gut lesbar. Danke dafür. Und er greift ein spannendes Thema auf, auch dafür danke.
Man darf die Zahlengetriebenheit der Vorstände nicht unterschätzen. Nach 30 Jahren im Job und fast 20 Jahren als PL und Line Manager kann ich nur sagen: Es wird gespart, koste es was es wolle. Und wie der Autor so schön schreibt, der GF war schon in Trance als er nur überschlagen hat was er sparen kann.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Grossteil meines Aufwandes in Grossprojekten Stakeholder Management ist. Und da glaube ich, wird der Computer noch längere Zeit (solange ich lebe, vermutlich) seine Schwierigkeiten haben. Latrinengespräche, informelle Coffee Talks... Ein Projekt scheitert selten bis nie, so meine Erfahrung, an einer schlechten Planung oder Technologie, sondern meist an Politik und Kommunikation. Und da menschelt es am moisten.
Wenn der Kunde ein Computer wird, dann wird vielleicht auch mal ein PL ein Computer sein.
Und warum sollte nicht ein Aufsichtsrat eine Software haben, wo die Balanced Scorecard eingegeben wird und ein Computer spielt CEO und setzt diese den Algorithmen folgend um?
Oder, wie in den USA, da sprechen Richter Strafen aus, die mit Algorithmen berechnet warden. Brauche ich dann auch keine Richter mehr? Die Algorithmenhörigkeit ist super gefährlich. Aber wie oben gesagt: Wir tun alles um Geld zu sparen, es sei den, es betrifft einen selber.
vor 15 Wochen 2 Tagen Kay Schulz
Wird der Computer dann dem "Geschäftsführer in Trance" erklären, dass er mit seinen Budgetrestriktionen das Projektziel gefährdet, dass er durch verschleppte Entscheidungen und unzureichende strategische Vorsorge der Konkurrenz die Pole-Position veschafft hat?
Wie wird der Geschäftsführer reagieren, wenn der Computer ihm schwarz auf weiß errechnet, dass er durch sein Eingreifen in die Prioritäten des Projektportfolios Gelder seiner Shareholder verschwendet und durch Ressourcenüberlastung Projekte unnötig in die Länge zieht?
"Garbage in - Garbage out" gilt sicher auch für einen solchen Computer, nur wird dieser dass viel unverblümter zurückmelden, woran es häufig liegt: an fehlender Strategie, an fehlendem Projektportfoliomanagement - und an fehlender Erkenntnis des Chefs
Spätestens dann wünscht sich der dann wieder seinen menschlichen Projektleiter, der vor die schlimmsten Peinlichkeiten ein paar Feigenblätter hängt (Stakeholdermanagement eben :-)
P.S.: Gibt es eigentlich ein Computerprogramm, das den Auftraggeber ersetzt?
vor 14 Wochen 15 Stunden Knut Kaiser
In einer Umgebung, in der Robotik und Automatisation an Bedeutung gewinnt, verändert sich Projektarbeit zwangsläufig. In diesem Kontext wird es sicher zu einer veränderten Nachfrage nach Projektmanagementaufgaben kommen. Die Bereitstellung von KI als Dienstleistung wird auch zu einer "Konsolidierung" bei Projekten führen.
vor 2 Wochen 6 Tagen Thorsten Portisch
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