17
Feb 2017
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Methode oder Persönlichkeit – ein Schnelldurchlauf durch unsere Blogparade

Wir sind begeistert von der Resonanz auf unsere erste Blogparade, die wir im Zuge der PM Welt 2017 durchgeführt haben: 25 Blogger haben Beiträge eingereicht – vielen Dank dafür! Ein Dankeschön auch an alle anderen, die unsere Blogparade unterstützt haben, indem sie darauf hingewiesen haben, z.B. in Newslettern und den sozialen Medien. Jetzt wollen Sie natürlich wissen: Wie ist die Meinung der PM-Blogosphäre zur Ausgangsfrage: Was ist wichtiger – Methode oder Persönlichkeit?

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Von Philosophie und Kampfkunst

Unsere Parade startet vielversprechend meinungsfreudig: "Erfolgreiche Manager kümmern sich nicht um Methodik" titelt Conny Dethloff. Sein eindeutiges Urteil begründet er anhand der japanischen Philosophie, die – wie er schreibt – auch als Ursprung für Agil und Lean gilt. Auch die japanische Kampfkunst sei von Philosophie durchdrungen, daher zieht er sie für einen Vergleich heran: Die Meisterschaft der Kampfkunst bezeichnen Japaner als "Ri", was "verlassen, trennen, abschneiden" bedeutet.

Dethloff argumentiert überzeugend, dass damit gemeint sei, ein Meister lasse die erlernten Muster hinter sich und vertraue seinen eigenen Impulsen: "Die Erfahrung und das Beherrschen der Regeln ist dabei die Voraussetzung, um sich als Mensch im jeweiligen befindlichen Kontext unabhängig von Methoden zu machen." (Dieser Argumentation schließt sich später u.a. Josef Altmann vorbehaltlos an.)

Thomas Reich stellt einen Führungsstil vor, der sich durch eine proaktive und sehr offene Kommunikation auszeichnet: "Er intervenierte, sobald er den Eindruck, das Gefühl hatte, dass das von ihm wahrgenommene Handeln der Beteiligten das im Projekt angestrebte Ergebnis gefährden könnte." Neben den Fakten gewährte er den Teammitgliedern auch einen Einblick in "seine Gefühle, seine Wahrnehmung bezogen auf die Motivation und das Handeln der Anderen."

Es geht um Leben & Tod – sowie um Wertschätzung

Seinem Namen alle Ehre macht Dr. Torsten Herzberg, der einen Herzinfarkt als Entscheidungshilfe empfiehlt. Anhand des Beispiels eines Arztes, der einen Herzinfarktpatienten operiert, warnt er davor, Methodenwissen zu hoch zu bewerten. Commitment und Erfahrung bewertet er höher – nicht nur beim Kampf um Menschenleben.

Dieser Stoßrichtung folgt Thomas Michl, für den Methoden eine rein unterstützende Funktion erfüllen. Er führt als entscheidenden Faktor eine Geisteshaltung ein, die sich u.a. durch Wertschätzung und Offenheit auszeichnet. Diese nennt er treffend "Wertehaltung"; sie orientiert sich am agilen Manifest.

Tassilo Kubitz schreibt "von der Persönlichkeit eines (erfolgreichen) Projektleiters". Ganz so eindeutig, wie der Titel suggeriert, fällt sein Urteil nicht aus; der erfolgreiche Projektleiter besitzt für ihn die "Fähigkeit, wie ein Komponist die Methoden und Soft-Skills für den Kunden und das jeweilige Projekte passend zu kombinieren."

Auch Patrick Schönfeld ist ein Verfechter situativer und vor allem empathischer Führung: "Der Projektleiter muss im Laufe seiner Laufbahn lernen, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, Flexibilität und Offenheit für unterschiedliche Sichtweisen aufzubringen und zwischen diesen zu vermitteln." Hilfreich in diesem Zusammenhang seien u.a. ein positives Menschenbild und die Bereitschaft, echte Wertschätzung und Lob auszudrücken.

Flexibel und offen sein für Wandel

Stephan Witt (alias das IT-F(r)ettchen) stimmt zunächst Thomas Michls Ansatz zu und erweitert diesen um zwei aus seiner Sicht unerlässliche Fähigkeiten erfolgreicher Projektleiter: Das Hinterfragen der eigenen Arbeitsweise sowie die Bereitschaft und Konsequenz, anschließend etwas zu verändern.

Danach vergleicht er beispielhaft zwei Projekte, eins "agil" und eins "klassisch" – aber beide erfolgreich. Er plädiert daher dafür, die Wahl der Methoden von der Art des Projekts sowie der Zusammensetzung des Teams abhängig zu machen. Bernhard Schloß wägt in seinem Beitrag die bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Ansätze gegeneinander ab und schließt sich letztlich Witts Argumentation an.

Witts Gedanken greift Frédéric Jordan auf und weist darauf hin, dass nach aktuellen Untersuchungen bestenfalls ein geringer Zusammenhang zwischen Methodeneinsatz und Erfolg nachweisbar ist. Ein erfolgreicher Projektleiter besitzt aus seiner Erfahrung Weitblick, ist gut organisiert und kann situativ führen. Zudem soll er Herz und Verstand in Balance haben (gute Kommunikationsfähigkeit) und pragmatisch sowie empathisch sein.

Der Projektleiter als Trainer – "entscheidend is auf’m Platz"

Martin Dragosits vergleicht zunächst Projektleiter mit Fußballtrainern und schließt mit: "Wunderwuzzi oder Methodenguru: Projektleiter müssen beide Rollenerwartungen bis zu einem gewissen Grad erfüllen. Vieles davon können sie delegieren, Persönlichkeit jedoch nicht." (ein Besuch des Blogs lohnt sich übrigens schon allein für das Titelbild des Beitrags)

Eine ganz andere Richtung schlägt Dr. Eberhard Huber ein. Für ihn hängt "der Erfolg eines Projekts am stärksten von der gruppendynamischen Reife der Projektgruppe ab." Gebhard Borck argumentiert ähnlich, er empfiehlt, Führungsmethoden und -stil am Reifegrad der Gruppe auszurichten. Dr. Alexander Blumenau kommt nach einer gewissenhaften Abwägung zu dem Schluss, dass sich fehlendes Methodenwissen leichter ausgleichen lässt, als ein Mangel an Führungsstärke. Um im Bild vom Fußball zu bleiben ein Zitat des Fußballspielers und Trainers Alfred Preißler: "Grau is alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz."

Dr. Marcus Raitner fühlt sich aus mehreren Gründen unwohl mit der Fragestellung. Den Gegensatz Methode oder Persönlichkeit empfindet er als falsch, ebenso wie die Kombination agil und Methode, da er Agilität als Einstellung versteht. Folgerichtig spricht er sich dafür aus, den Projektleiter an seiner Führungsphilosophie zu messen.

Die richtige Führungsphilosophie hat für Raitner der Projektleiter, der nach der Maxime handelt: "Führung heißt, andere erfolgreich zu machen." Denn was bei Projekten letztlich zählt, sei die Leistung des Teams – die Konzentration auf den Projektleiter sei dieser nicht förderlich.

Zurück zur Wissenschaft: Mathematische Ansätze

Einen ganz besonderen Beitrag hat Ilona Libal geschrieben – und das nicht etwa, weil sich mit ihr erstmals eine weibliche Bloggerin zu Wort meldet. Libal präsentiert eine Bewertungsmatrix, anhand derer sie den Quellen der "Eigenschaften und Verhaltensweisen eines idealen Projektleiters" auf den Grund geht. Sie bewertet den Einfluss von Methodik und Persönlichkeit auf:

  1. Unternehmerisches Denken
  2. SOLL/IST-Status nachvollziehbar darstellen können
  3. Autorität und Durchsetzungsstärke
  4. Lösungsorientiertes Denken
  5. Sozialkompetenz

Ihr Ergebnis ist eindeutig: Für vier dieser fünf Punkte ist ihrer Ansicht nach die Persönlichkeit ausschlaggebend – so gewinnt diese den Vergleich deutlich.

Auch in Stefan Schindewolfs Beitrag "Wollen, Können, Dürfen – Drei universelle Erfolgsfaktoren (auch für Projektmanager)" steht mit der Schnittfläche ein mathematischer Begriff im Zentrum. Der Autor spricht sich dafür aus, bei der Auswahl eines Projektleiters auf dessen Motivorientierung zu achten.

Das Zeitalter der Helden ist vorbei

Sabine Pfleger zeigt anhand prominenter Beispiele, dass Projekte dann erfolgreich sind, wenn sie über eine gute Planung, klare Strukturen, Stakeholder- und Risikomanagement verfügen. Sie schließt mit dem in eine Frage gekleideten Appell: "Vielleicht sollte sich eine von Methoden besessene Branche nun dem Projektauftrag und der Rolle der Stakeholder zuwenden?"

Anhand seiner Kompetenzblütenbetrachtung erklärt Dr. Thomas Mathoi, wann ein Projektleiter voll aufblüht. Ein weiterer Verfechter der Grundhaltung ist Uwe Techt. Deren Bedeutung belegt er anhand des Beispiels einer (agilen) Transformation. Laut Techt erfordern komplexe Projekte die erfolgreiche Synergie von klassischem vernetzten Projektmanagement und agilen Arbeitsmodellen. Für Daniel Reuland ist Kommunikation das A und O – ein gut gefüllter Methodenkoffer kommt hinzu.

Zum Ende hin versucht sich das Team von ProjectPlant an einem Blick in die Zukunft: Wie verändert sich Projektarbeit im Zeitalter der Digital Natives? Fällt es vielleicht ganz weg? Es versteht sich von selbst, dass dazu ein wenig ausgeholt werden muss, und so darf es nicht überraschen, dass es sich dabei um den längsten Beitrag der Parade handelt. Ob die vorausgesagte Revolution wirklich kommt?

Thomas Riemann-Seibert bricht noch schnell eine Lanze für die Fachkompetenz, die er gleichberechtigt neben Persönlichkeit und Methodenkompetenz verortet (und bringt dafür seinen neu eingerichteten Blog einen Tag früher als geplant ans Netz).

Alex Kahl leitet selbst keine Projekte, für das gewünschte Praxiswissen stellt er zwei projekterfahrenen Kollegen fünf Fragen zu gelungenem Projektmanagement – ein schöner Abschluss für unser praxisaffines Medium.

Alles im Griff und trotzdem loslassen können

Wie mehrere Blogger bereits richtig anmerkten, haben wir die Fragestellung ganz bewusst zugespitzt und ein Stück weit provokant formuliert. Unser Ziel, möglichst viele Blogger dazu anzuregen "Farbe zu bekennen", haben wir erreicht und ich fand es spannend zu beobachten, wie sich die Diskussion entwickelte, wie Autoren die Anregungen und Argumente aus früheren Beiträgen aufgriffen und weiterdachten oder verwarfen.

Die Wichtigkeit von Methoden wurde kaum in Abrede gestellt. Häufiger wurde jedoch die Persönlichkeit thematisiert, verstanden als Sammlung von Stärken und Motiven, die den Projektleiter zur Interaktion, einer strukturierten Arbeitsweise und Selbstreflexion ermächtigen. Schade, dass sich keiner der Verbände beteiligt hat. Diese hätten vermutlich mehr Wert und Gewicht auf Methoden gelegt.

Bemerkenswert finde ich den hohen Stellenwert, den mehrere Autoren der Fähigkeit des Projektleiters zur Selbstreflexion, Offenheit und Flexibilität einräumen. Über das Thema Wertschätzung bewegte sich die Diskussion zur Rolle des Teams. Das Bild des (idealen) Projektleiters, das die Blogparade als Ganzes zeichnet, ist folglich das eines Teamplayers, der andere dazu befähigt, sich selbst zu führen. Dazu sollte er in der Lage sein, seinen Führungsstil und die Wahl seiner PM-Methoden an die Erfordernisse des Projekts sowie die Bedürfnisse des Teams auszurichten.

Agil vs. klassisch – (k)ein Nebenkriegsschauplatz

Auffallend häufig wurde die Thematik agil vs. klassisch bzw. Wasserfall aufgeworfen. Jedoch sehen die meisten Blogger hier keinen Gegensatz und empfehlen, die Vorgehensweise ebenfalls situativ zu wählen. Der Kampf zwischen "Agilen" und "Traditionalisten" ist offenbar ausgefochten.

Zurück zur PM Welt und unserem diesjährigen Motto: Die Vorstellung des Projektleiters, der zu jedem Zeitpunkt alles im Griff hat, ist überholt. Gute Projektleiter passen sich der Situation an. Sie kennen nicht nur die eigenen Stärken und Schwächen, sondern auch die eines jeden einzelnen Projektmitglieds und besitzen ein Gespür dafür, was Projekt und Projektgegenstand an Anforderungen sowie Herausforderungen stellen. Auch scheuen sie sich nicht, ihr Vorgehen und ihre Taktik, falls nötig, anzupassen.

Der Autor Daniel Vienken hat alles im Griff

Bild 1: Der Autor Daniel Vienken (li.) ist gerne am Ball – sucht wenn es drauf ankommt aber auch den Pass zum freien Mann.
© Cody Glenn - Sportsfile

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