Professionelle Aufwandschätzung

Teil 2: Schätzrisiken mittelfristig reduzieren
Mit einer zunehmenden Verschärfung des Wettbewerbs nimmt auch die Bedeutung einer professionellen Aufwandschätzung zu, da die geringen finanziellen Spielräume es nicht mehr erlauben, Schätzprobleme einfach durch Risikozuschläge bei der Kalkulation auszugleichen. Im zweiten und letzten Teil dieser Artikelfolge erläutert Dr. Achim Kindler vier zusätzliche Maßnahmen, um die Schätzergebnisse mittelfristig weiter zu verbessern. Darüber hinaus zeigt er, mit welcher Kritik Sie rechnen müssen, wenn Sie die beschriebenen Maßnahmen im eigenen Unternehmen umsetzen, und wie Sie darauf reagieren können.

Diese Artikelfolge zeigt, wie sich die Ergebnisse der Aufwandschätzung verbessern und die Schätzrisiken reduzieren lassen. Im ersten Teil wurden Optimierungsmaßnahmen vorgestellt, die kurzfristig umsetzbar sind und schnell wirksame Maßnahmen zur Risikoreduzierung darstellen. Dieser zweite und letzte Teil beschreibt, mit welchen mittelfristig umsetzbaren Maßnahmen sich das Schätzergebnis zusätzlich verbessern lässt. Falls Sie planen, die vorgestellten Maßnahmen in Ihrem Unternehmen umzusetzen, sollten Sie auch auf Kritik vorbereitet sein. Mit welchen Fragen und Bedenken Sie rechnen müssen, und wie Sie darauf reagieren können, erfahren Sie ebenfalls in diesem Artikel.

Auf Basis eigener Erfahrungen seit Ende der 80er Jahre und einer Vielzahl von Vorträgen, Gesprächen und Diskussionen mit Projektverantwortlichen möchte ich Ihnen ergänzend zu den in Teil 1 gezeigten Optimierungsmöglichkeiten vier weitere Maßnahmen zur Reduzierung von Schätzrisiken vorstellen, die zwar kurzfristig eingeleitet werden können, jedoch erst mittelfristig wirken:

  • Auswahl und Anpassung geeigneter Methoden und Verfahren
  • Standardisierung
  • Erfahrungsdaten sammeln
  • PM-Spezialisierung und -Professionalisierung

1. Auswahl und Anpassung geeigneter Methoden und Verfahren

Im Prinzip basieren alle Methoden und Verfahren auf einem Vergleich. Wenn wir allerdings keine Erfahrungen mit ähnlichen Projekten haben, wie das z.B. bei Projekten mit hohem Innovationsgrad der Fall ist, fällt es uns schwer, eine verlässliche Aufwandschätzung abzugeben.

Bild 1: Übersicht über ausgewählte Methoden und Verfahren zur Aufwandschätzung von Projekten.

Im Gegensatz zu Schätzgleichungen, die den voraussichtlichen Aufwand anhand von Parametern bestimmen und eine entsprechend große Datenbasis voraussetzen - bei COCOMO (COnstructive COst MOdel) sind es z.B. 63 im einzelnen charakterisierte Projekte -, dominiert in vielen Organisationen nach wie vor die erfahrungsabhängige Expertenschätzung. Die erzielbare Schätzqualität hängt dabei entscheidend von den Erfahrungen der Schätzenden sowie von der Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit der Schätzung ab.

Wenn Sie Schätzmethoden und Verfahren festlegen, sollten Sie die vorhandene Projektvielfalt berücksichtigen (Bild 2). Versuchen Sie nicht, alle verschiedenen Projekte durch eine einzige, möglichst kurze und undifferenzierte Regelung abzudecken. Zumindest nicht, wenn ein höherer Detaillierungsgrad gewünscht wird, um z.B. mit definierten und vergleichbaren Kennzahlen bzw. Metriken zu arbeiten und Templates nutzen zu können.

Bild 2: Beispiele verschiedener Projektarten.

Darüber hinaus ist es wichtig, die

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