01
Sep 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Mentale Selbstoptimierung: Bitte mit Vorsicht genießen

Selbstoptimierung – ein Thema, das mir momentan überall begegnet. Meist in Form von Fitness-Trackern, Finanz-Apps und Selbstmanagement-Ratgebern. Zuletzt in Form eines Artikels von Michaela Brohm auf Spektrum.de darüber, was Selbstoptimierung mit unserer Motivation anstellt. Brohm stellt fest, dass sich Selbstoptimierungs-Maßnahmen gut für Aktivitäten eignen, für die wir keine große Leidenschaft empfinden. Je mehr wir eine bestimmte Tätigkeit mögen, ja vielleicht sogar lieben, desto eher führen Selbstoptimierungsmaßnahmen aus ihrer Sicht jedoch zu Demotivation. Eine interessante These, wie ich finde. Immerhin dachte ich, dass man sich mit Selbstoptimierungs-Apps oder Verlaufskurven bei der Stange und damit die Motivation aufrecht (er-)halten will.

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Forsight sieht Selbstoptimierung als Zukunftstrend

Überrascht hat mich bei den vielen Beiträgen zum Thema Selbstoptimierung jedoch, dass nur selten über die Selbstoptimierung der mentalen Fähigkeiten diskutiert wird. Ist es doch einer von 60 Trends, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung und das VDI Technologiezentrum schon im Foresight-Bericht des vergangenen Jahres für 2030 prognostiziert und einer, der meiner Meinung nach das Potenzial hat, den Leistungsdruck auf die Gesellschaft weiter zu erhöhen.

Spätestens beim Leistungsgedanken sind Sie, liebe Projektmanagerinnen und Projektmanager, mir eingefallen. Klar ist eine optimale Leistungsfähigkeit nicht nur für Sie ein Thema, aber insbesondere im Projektmanagement geht es doch darum, alle Prozesse möglichst schlank bzw. effizient zu halten, Ressourcen optimal einzuplanen und Risiken zu erkennen, bevor sich das Ziel in Gefahr befindet. Warum diese Ansätze also nicht auch nutzen, um die mentale Leistungsfähigkeit zu steigern und damit persönliche und berufliche Ziele zu erreichen?

Wann wird Selbstoptimierung zum Selbstbetrug?

Ich frage mich trotz des nachvollziehbaren Ansinnens, ob es gut ist, meine mentalen Fähigkeiten zu optimieren und ob deren Perfektionierung mir wirklich bei der Erreichung meiner Ziele hilft. Sicher ist nichts Verkehrtes daran, wenn man zum Beispiel Meditationsübungen macht, um die Konzentration zu schärfen oder verborgenen Wünschen nachzuspüren. Allerdings denke ich, dass Selbstoptimierung auch zum Selbstbetrug führen kann. Wenn ich merke, dass ich allzu schnell wütend werde, resigniert oder erschöpft bin: Sollte ich nicht dann eher den Mut haben, zu erkennen, dass ich körperliche wie mentale Grenzen habe anstatt zu versuchen, mich selbst immer weiter zu optimieren?

Klar kann ich Grenzen mal überschreiten. Ich halte es sogar für eine wichtige Erfahrung, zu wissen, was noch machbar ist und was nicht. Aber dauerhaft mit einer Vielzahl an Trainings, Apps und Brain-Food vorhandene Grenzen ausweiten? Das ist aus meiner Sicht gefährlich. Was ist, wenn ich trotz oder wegen dieser Maßnahmen an neu gezogene Grenzen stoße? Droht ein Super-Burnout?

Und ich frage mich, warum der Trend zur ständigen Selbstverbesserung für 2030 immer noch prognostiziert wird, wenn sich schon jetzt so viele Gestresste Entschleunigung und mehr Gelassenheit wünschen. Die beiden letztgenannten Begriffe stehen für mich eigentlich klar im Kontrast zur Selbstoptimierung. Entschleunigung und Gelassenheit bedeuten für mich zum Beispiel, wieder achtsamer zu sein mit mir selbst, der Umwelt und den Mitmenschen und rechtzeitig die Bremse zu ziehen, wenn mir alles zu viel wird.

Mit Selbstoptimierung zu noch mehr Leistungsdruck?

Um beim Beispiel zu bleiben: Achtsamkeits- oder Gelassenheitsübungen stehen jedoch auch bei Selbstoptimierungsprogrammen für mentale Fähigkeiten ganz weit oben. Hier verschwimmt eine Grenze, die die Gefahr birgt, dass ich zunächst für das Wohlbefinden, später aber nur noch zur Leistungssteigerung Maßnahmen ergreife. Machen dies immer mehr Berufstätige so, wird der Leistungsdruck weiter steigen anstatt zu fallen. Und die, die sich die Maßnahmen nicht leisten können oder wollen, werden irgendwann nicht mehr mithalten können. Ist dies das richtige Ziel?

Was halten Sie von diesem prognostizierten Trend? Begegnet er Ihnen schon im Projektalltag? Ich bin auf Ihre Kommentare gespannt!

Bisher gibt es 1 Kommentar
Die Gefahr besteht tatsächlich, dass Achtsamkeit von der Selbstoptimierungswelle aufgesaugt wird. Achtsamkeit wir dann etwas, was man auch noch können müsste, die Achtsamkeitsübung etwas, wozu man auch noch Zeit haben müsste. Achtsamkeit also, als ein weiterer Grund mehr, sich minderwertig zu fühlen, weil man die - bei all dem vorhandenen Stress - nicht auch noch bewältigen kann. Wie ironisch! Bleibt zu wünschen, dass möglichst viele Menschen nicht nur einen 2 Stunden Crash-Kurs machen, sondern sich ein klassisches 8-Wochen-Training gönnen. Dort haben sie die Chance zu erkenne, dass Achtsamkeit kein neues Tool ist, sondern eine Haltung. Ein Haltung die befähigt, zu erkennen, was uns nicht gut tut und dann nicht "leider" darauf zu verzichten, sondern mit Freude und Überzeugung. - Der Ausstieg aus dem Hamsterrad befindet sich nie dort, wo man ihn vermutet.
vor 1 Woche 3 Tagen A.Hunziker
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