30
Jun 2017
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Soziale Projekte als Nepals neue Lebensader

Nepal ist ein faszinierendes Land am Fuß des Himalaya-Gebirges. Durch seine Geografie ist Nepal besonders beliebt bei Bergsteigern, andererseits wird es besonders häufig von schweren Erdbeben bedroht, wie zuletzt im April 2015. Durch die internationale Hilfe kommen Milliarden ins Land, trotzdem gehört Nepal zu den ärmsten Ländern der Erde. Ich bin der Ansicht, dass die Art, wie die Hilfsgelder verwaltet werden, ein wichtiger Grund für diese Misere ist und möchte anhand eines Beispiels aufzeigen, welche Alternativen es dazu gibt.

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Überforderte Regierung, kulturelle Hemmnisse & Erdbeben

Gründe für die Armut in Nepal gibt es viele. Die Regierung ist auch kaum in der Lage, die vielfältigen Herausforderungen und Probleme des Landes in den Griff zu bekommen. Das beginnt bei der Ausbildung und geht bis zur Erhebung von Zöllen. Viele Infrastrukturprojekte dauern – oft aus unerfindlichen Gründen – Jahre, weshalb der tägliche Verkehr in der Hauptstadt Kathmandu regelmäßig im Chaos versinkt.

Viele gut ausgebildete Fachkräfte verlassen das Land, um im Ausland Geld für die Familie zu verdienen. Dieser "brain drain" bremst die Entwicklung des Landes. Weitere Hemmschuhe sind die überkommene gesellschaftliche Kastenstruktur sowie kulturelle Ausprägungen, wie z.B. das Prinzip, auf Anweisungen der Älteren zu warten und ein Mangel an Eigeninitiative.

Tempelanlage in Kathmandu

Bild 1: Nepal ist reich an kulturellen Schätzen, z.B. diese Tempelanlage in Kathmandu.
© Reinhard Wagner

Geld ist da – aber kaum PM Know-how

Andererseits profitiert Nepal massiv von Wohltätigkeits- und Entwicklungshilfeorganisationen, die Milliarden ins Land pumpen (zum Vergleich: der Haushalt von Nepal betrug im letzten Jahr nur etwas mehr als fünf Milliarden US-Dollar!) Groß war die Hilfsbereitschaft insbesondere nach dem verheerenden Erdbeben im April 2015, bei dem mehr als 9.000 Menschen ums Leben kamen und mehrere Millionen Nepalesen obdachlos wurden.

Mit den Hilfen gehen aber auch große Probleme einher: So kommen viele Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen ins Land, die Projekte initiieren und überwachen, dabei allerdings oft nur an der Oberfläche wirken, da ihnen das Verständnis für die nepalesische Kultur und spezifischen Kontextfaktoren fehlt. Es hat sich in Nepal zudem eine ganze Industrie auf die Abarbeitung internationaler Hilfsprojekte spezialisiert. So stehen ungefähr 400 ausländischen Hilfsorganisationen mehr als 400.000 inländische NGOs gegenüber – ein Verhältnis von 1 zu 1.000!

Rund um Hilfsprojekte ist eine ganze Industrie entstanden

Diese Industrie arbeitet wie folgt: Die internationale Hilfsorganisation (kurz iNGO genannt) vergibt ein Projekt an eine größere NGO in Nepal, diese vergibt einen (großen) Teil weiter an eine andere inländische NGO, diese vergibt davon wieder einen Teil und so weiter und so fort. Im Endeffekt werden die Hilfsgelder unter den NGOs aufgeteilt, bei den Bedürftigen kommt relativ wenig an.

In den letzten beiden Jahren konnte ich mit mehreren Hundert MitarbeiterInnen von nepalesischen NGOs arbeiten und war entsetzt, wie wenig Projektmanagement Know-how diese besitzen. Das wichtigste Ziel einer NGO ist es, einen möglichst großen Teil des Gesamtbudgets zu bekommen; dann werden fleißig Berichte geschrieben –und auf die nachhaltige Wirkung der Hilfe wird nur selten geachtet. Das sorgt zwar für Beschäftigung in den NGOs, verbessert die allgemeine Lage der Bevölkerung jedoch nur teilweise und fördert die Abhängigkeit von ausländischen Geld- und Know-how-Gebern.

Soziale Projekte, ein "blinder Fleck" im Projektmanagement

Das Projektmanagement hat sich seit seiner Entwicklung in den 1950ern vor allem auf das Engineering und die Projekte in der Industrie fokussiert. Soziale Projekte standen eher selten oder gar nicht im Fokus der Disziplin. Glücklicherweise rückt das Management von sozialen Projekten wieder stärker in den Fokus, u.a. durch die Auslobung von Awards (vgl. IPMA Achievement-Awards oder die Verbreitung von Standards und Regelwerken für das Management von Hilfsprojekten, wie z.B. das Logical Framework oder die Impact Evaluation der Weltbank.

Wie erfolgreich und innovativ Projekte im sozialen Sektor sein können, und dass wir auch in der Industrie noch davon lernen können, möchte ich an einem konkreten Beispiel aufzeigen. Das Projekt wird aus England und der Schweiz finanziell gefördert und zielt auf die Ausbildung und Beschäftigung von Menschen, um deren Existenz möglichst nachhaltig sichern zu können.

Praxisbeispiel für ein nachhaltiges Hilfsprojekt

Nach dem Erdbeben 2015 wurden viele Häusern in und um Kathmandu herum völlig zerstört. Ein Ziel des Projekts war, einen Teil dieser Häuser durch das Projekt wiederaufzubauen. Dies allein ist sicher nicht innovativ, das Aufbauen sollte aber durch ein innovatives Modell geschehen, das gleich mehrere übergeordnete, strategische Zielsetzungen verfolgte:

  1. Es wurde ein Konzept für einen Train-the-Trainer entwickelt, bei dem erdbebensichere Bauweisen an qualifizierte Trainer vermittelt werden, die ihr Wissen dann nach anerkannten Qualifizierungsmaßstäben vermitteln sollten.
  2. Mehr als 7.500 Arbeiter wurden im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen auf den Hausbau vorbereitet, darunter vor allem Maurer und Holzbautechniker. Diese wurden allerdings nicht nur ausgebildet, sondern anschließend auch an Arbeitgeber im Umkreis vermittelt. Ziel war also Beschäftigung (mindestens 6 Monate nach Abschluß der Ausbildung), nicht nur die Qualifizierung.
  3. Die Erfolgsmessung im Rahmen des Projekts sollte nicht nur auf Papier dokumentiert, sondern elektronisch erfasst, per Mobilfunk von der Baustelle in eine zentrale Datenbank übertragen und von da aus zentral überwacht werden. Damit ist Erfolgsmessung in Echtzeit und ohne Aufwand möglich.

Durch das Projekt werden also mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Überdies erfolgt die Bezahlung der beteiligten Partner nach einem strengen, erfolgsbasiertes Abrechnungsmodell:

  • 25% des Auftragswerts wurde nach Unterzeichnung des Vertrags für die Erarbeitung von Konzepten und
  • weitere 25% wurden nach erfolgter Ausbildung bezahlt.
  • Die restlichen 50% des Auftragswerts wurden erst nach der Überprüfung der Beschäftigung durch die iNGO ausgeschüttet.

Überdies wurde die Bezahlung noch an die Förderung besonders schwer vermittelbarer Volksgruppen ("Unberührbare") gekoppelt. Im Fokus der sozialen Projekte steht also der "Impact", d.h. die längerfristigen Effekte und Beiträge des Projekts für die übergeordneten, strategischen Ziele. Ein Modell, das auch für die industrielle Anwendung von Projekten interessant ist, wie ich finde.

Soziale Projekte als Katalysator für gesellschaftliche Entwicklung

In diesem Jahr hat die IPMA einen Gold-Award in der Kategorie "Soziale Projekte, Entwicklung der Gesellschaft" an die "Federation of Women Entrepreneurs Associations of Nepal" vergeben. Diese Gesellschaft hat sich der folgenden Mission verschrieben: "Our Mission is to promote women entrepreneurship through advocacy, networking, information dissemination, capacity building and promotion of women entrepreneurs throughout the country."

Bei dem durch die IPMA ausgezeichneten Projekt handelte es sich um eine sogenannte "Business Clinic", die Frauen auf ihre Rolle als Kleinunternehmerinnen vorbereitet (u.a. durch Schulungen und die Vorbereitung eines Webshops), um so den Schritt in die Selbständigkeit zu schaffen. Das ist in Nepal besonders sinnvoll, weil ein Großteil der Männer im Ausland ist, um dort Geld zu verdienen. Viele Frauen trauen sich nicht, ihr Leben bzw. das ihrer Familie selbst in die Hand zu nehmen, um unabhängiger von den Überweisungen ihrer Männer zu werden. Das Projekt wurde von der ILO International Labor Organization der UNO gefördert und von der FWEAN mit sehr großem Engagement umgesetzt.

Überreichung des IPMA Achievement Award in Gold

Bild 2: Gruppenbild von der Überreichung des IPMA Achievement Award in Gold an die Federation of Women Entrepreneurs Association of Nepal FWEAN.
© Reinhard Wagner

Nach dem Erdbeben in Nepal haben Freiwillige der IPMA Geld über eine Fundraising-Plattform gesammelt, um ein Projekt in Nepal zu unterstützen und so die Situation der Notleidenden zu lindern. Anlässlich eines Besuchs in Kathmandu konnte ich in Augenschein nehmen, was aus dem Projekt geworden ist. So wurden, in enger Absprache mit Verantwortlichen aus den vom Erdbeben am stärksten betroffenen Gebieten, notleidenden Frauen ausgewählt, die eine Ausbildung im Nähen von Kleidungsstücken sowie eine Unterweisung für das Verkaufen der Waren übers Internet erhielten.

Nach der Ausbildung und der Einrichtung eines eigens für die Produkte der Frauen eingerichteten Ladens konnten wir gemeinsam kurz vor Weihnachten die Einweihung feiern. In Gesprächen mit den Frauen konnte ich mich davon überzeugen, dass diese stolz auf das Erreichte sind und eine neue Zukunft durch die Ausbildung und vor allem auch die Ermutigung zur Selbständigkeit für sich sehen.

Überreichung des IPMA Achievement Award in Gold

Bild 3: Die Ausbildung von Näherinnen im Rahmen eines von der IPMA geförderten sozialen Projekts.
© Reinhard Wagner

Hilfe zur Selbsthilfe

Mir macht es große Freude, mit meinem Know-how soziale Projekte dabei zu unterstützen, ihre gesteckten Ziele besser zu erreichen, die erhoffte langfristige Wirkung ("impact") zu erzielen und dabei insbesondere darauf zu achten, dass die Unterstützung eine Hilfe zur Selbsthilfe ist, und nicht in eine Abhängigkeit führt.

In der IPMA wird gerade ein Konzept mit dem Namen "Coaching for Development" entwickelt, das auf die Hilfe zur Selbsthilfe mittels Projektmanagement Know-how abzielt. Andere Organisationen, wie z.B. Project Managers without Borders verfolgen ähnliche Ziele (siehe dazu auch das Interview mit der Gründerin Deanna Landers). Das ist aus meiner Sicht eine erfreuliche Entwicklung und verdient mehr Aufmerksamkeit in der Projektmanagement-Community.

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