17
Jun 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Zentralamerika – eine Region emanzipiert sich

Die als Zentralamerika bezeichnete Region bildet die Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika und grenzt im Nord-Westen an Mexiko und im Süd-Osten an Kolumbien. Sie umfasst die Länder Belize, Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua und Panama. Auf zwei Reisen in diesem sowie im vergangenen Jahr konnte ich mir ein Bild von der politischen und wirtschaftlichen Situation sowie dem Stand des Projektmanagements in der Region machen.

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Meine Vorkenntnisse waren eher gering, die Reisen haben allerdings ein starkes Interesse bei mir geweckt. Es gibt nicht nur kulturell vieles zu lernen, sondern auch im Projektmanagement sind interessante Entwicklungen zu verzeichnen, die ich im Folgenden skizzieren möchte.

Die Situation in den Ländern Zentralamerikas ist wirtschaftlich prekär, politisch durch Instabilität gekennzeichnet und von einer starken Abhängigkeit bzw. Einflussnahme durch die USA geprägt. Auch das Projektmanagement ist in den Ländern Zentralamerikas noch relativ unterentwickelt und US-amerikanisch geprägt. So bauen die vereinzelt vorhandenen Bildungsangebote an Universitäten und größeren Unternehmen weitgehend auf dem amerikanischen PMBOK auf und fokussieren die Methodik der Projektabwicklung.

Emanzipation vom großen Nachbarn – auch beim Projektmanagement

Seit einigen Jahren jedoch emanzipieren sich die Länder Zentralamerikas vom Einfluss der USA und übernehmen Verantwortung für die Entwicklung ihrer Region. So wurde z.B. 1991 das Zentralamerikanische Integrationssystem (spanisch "Sistema de la Integración Centroamericana", SICA) von Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua und Panama gegründet. SICA soll die Integration Zentralamerikas vorantreiben und Friedens, Freiheit, Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung fördern.

Die Emanzipation wirkt sich auch auf das Projektmanagement in Zentralamerika aus: In Costa Rica, Guatemala und Panama haben sich vor ca. fünf Jahren eigenständige nationale Projektmanagement-Gesellschaften gegründet, die sich der IPMA angeschlossen haben, und über die Methodik des PMBOK hinaus auf die umfassenderen Kompetenzen der IPMA Competence Baseline (ICB) setzen. Mit Unterstützung der SICA sollen im nächsten Jahr auch Projektmanagement-Gesellschaften in Belize, El Salvador, Honduras und Nicaragua entstehen.

Die Weichen hierfür sind bereits gestellt. Die Länder Zentralamerikas werden durch das LATNET – den Zusammenschluss aller latein-amerikanischen Länder sowie Spanien, Italien und Portugal – der IPMA unterstützt. Die Unterstützung besteht aus spanisch-sprachigen Schulungsangeboten sowie zentral organisierten Zertifizierungen auf Basis der ICB.

Chancen in der Region

Größere wirtschaftliche Unabhängigkeit erhoffen sich die Staaten der Region durch den Ausbau der Energiegewinnung (z.B. in Costa Rica) und den Aufbau industrieller Produktion (u.a. Textilien, Elektrogeräte und Nahrungsmittel). Auch in den Auf- bzw. Ausbau der nationalen Infrastruktur (u.a. Straßen, Gebäude und Elektrizität) investieren viele Staaten, was oft in Form Projekten geschieht (siehe Übersicht zu Bauprojekten in Zentralamerika).

Unternehmen, wie z.B. die Siemens AG, haben die Region für sich entdeckt und benötigen entsprechend ausgebildetes Personal vor Ort (z.B. für ein Milliardenprojekt in Costa Rica). Andere Unternehmen werden diesem Beispiel sicher folgen. Insofern wird der Bedarf an professionellem Projektpersonal zukünftig ansteigen.

Auch für die Umsetzung von Regierungs- und Hilfsprogrammen ist professionelles Projektmanagement gefragt. Hierbei gilt es, die verfügbaren Mittel möglichst nachhaltig in den Projekten einzusetzen und die Entwicklung der Projektmanagement-Methodik voranzutreiben. Es gibt also viel zu tun. Vielleicht eröffnet sich hier für einschlägige Dienstleister aus Deutschland ein interessantes Betätigungsfeld.

Kanalprojekte

Internationale Aufmerksamkeit erhält die Region momentan besonders wegen Ihrer zwei großen Kanalprojekte, daher möchte ich auf diese hier noch eingehen. Beim Ausbau des Panamakanals handelt es sich um ein echtes Leuchtturm-Projekt für die Region. Die Planungen für die Erweiterung begannen vor zehn Jahren, mit dem Ziel, dass der Kanal mehr und größere Schiffe bewältigen kann. Die Eröffnung ist aktuell für den 26. Juni des laufenden Jahres vorgesehen, ein Jahr später als ursprünglich geplant. Auch die ursprünglich geschätzten Kosten von fünf Milliarden US-Dollar dürften deutlich höher ausfallen.

Ob sich die Kosten für den Bau rentieren, hängt auch von dem geplanten Kanalneubau durch Nicaragua ab. Die Bauarbeiten für "El Gran Canal" haben allerdings noch nicht begonnen. Ein chinesisches Konsortium soll den Bau mit einer Länge von 278 Kilometern realisieren. Sich von den USA zu emanzipieren stellt auch bei diesem Projekt eine Motivationsquelle dar: Die Regierung in Nicaragua will sich mit dem Kanalbau die Unterstützung Chinas sichern und sich so unabhängiger von den USA machen.

Die hierfür genehmigten Kosten von 1,3 Milliarden US-Dollar erscheinen mir als viel zu gering; da es sich um einen Neubau handelt, wird das Projekt mit großer Wahrscheinlichkeit teurer als der Ausbau des Panamakanals. Zudem bemängeln Umweltschützer die ökologischen Folgen eines Kanalbaus von der Mündung des Río Punta Gordabis zur Mündung des Río Brito an der Karibikküste, der die Ozeanriesen zukünftig u.a. durch zwei Seen leiten würde.

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