Shainin-Methode zur Problemformulierung (Homing-In)

Die Shainin-Methodik (Homing-In-Technik) untersucht die Leistungsfähigkeit von Prozessen und Produkten elegant und zielführend, um Störgrößen sowie Ursachen für schlechte Qualität schnell zu identifizieren und abzustellen. Sie umfasst eine Reihe einfacher und mit geringem Aufwand durchführbarer Methoden, die insbesondere eine kontinuierliche Verbesserung von Prozessen und Produkten erlauben.

Shainin-Methode zur Problemformulierung (Homing In)

Shainin-Methode zur Problemformulierung (Homing-In)

Die Shainin-Methodik (Homing-In-Technik) untersucht die Leistungsfähigkeit von Prozessen und Produkten elegant und zielführend, um Störgrößen sowie Ursachen für schlechte Qualität schnell zu identifizieren und abzustellen. Sie umfasst eine Reihe einfacher und mit geringem Aufwand durchführbarer Methoden, die insbesondere eine kontinuierliche Verbesserung von Prozessen und Produkten erlauben.

Shainin-Methode zur Problemformulierung (Homing In)

Einsatzmöglichkeiten

Die strukturierte Vorgehensweise von Shainin dient einer schnellen, zielgerichteten Untersuchung und Identifikation von Ursachen für abweichende Performance und Qualität. Typische Einsatzmöglichkeiten sind unter anderem:

  • Analyse der Ursachen für Beanstandungen bei Qualitätsprüfungen und für Reklamationen
  • Identifikation von Ursachen für Qualitätsabweichungen im Produktionsprozess
  • Aufdecken schädlicher externer Einflüsse durch Lieferketten oder Umfeldfaktoren,
  • Zeitliche Einordnung von Problemen und Vorkommnissen
  • Feststellen von Mustern, die mit dem Auftreten von unerwünschten Ereignissen korrelieren
  • Unterstützung des Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses

Je nach Umfang, Größe und Komplexität des zu untersuchenden Produkts kann die Methode von einzelnen Personen oder im Team angewandt werden.

Ergebnisse
  • Multi-Vari-Chart mit Zeitreihen der Zielgrößen zur Identifikation von Streuungsmustern 

  • Liste möglicher Kategorien von ursächlichen Einflussfaktoren für systematische Abweichungen 

  • Plan zur weiteren Eingrenzung möglicher Fehlerursachen mit ausgewählten Methoden, um den betrachteten Prozess bzw. das betrachtete Produkt weiter zu analysieren 

  • Handlungsempfehlungen für weitergehende Optimierungsmaßnahmen 

Vorteile
Durch die systematische und fokussierte Problemformulierung kann die nachfolgende Untersuchung der Einflussfaktoren ebenfalls systematischer und strukturierter erfolgen.
Durch die aufeinander aufbauenden Methoden der Problemformulierung und Untersuchung (vgl. Bild 1) können Ursachen schneller und sicherer identifiziert werden. Die Fehlersuche erfordert dadurch deutlich geringeren Aufwand, sodass Qualitätskosten gesenkt werden.
Durch die effektivere und effizientere Herangehensweise bei der Ursachenidentifikation können die die Mitarbeiter:innen ihren Fokus auf die systematische Untersuchung und Optimierung richten.
Zeit, Budget, Mitarbeitereinsatz und Umfang der Untersuchungen können besser abgeschätzt werden, sodass sich die Planungssicherheit für Qualitätsaufgaben erhöht.
Grenzen, Risiken, Nachteile
Der Shainin-Methodenbaukasten gibt keine Garantie für die Behebung der analysierten Ursachen. Auch wenn die Kernursachen identifiziert werden, können die Optimierungsmaßnahmen dennoch im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Betrachtung weniger attraktiv erscheinen.
Es besteht die Gefahr, dass die Begeisterung über einen beobachteten Zusammenhang bei den Teilnehmenden den Eindruck erweckt, bereits die ausschlaggebende Ursache gefunden zu haben. Diese oftmals narrativen, ersten Erkenntnisse in den Untersuchungen sollten deshalb systematisch verifiziert werden, damit die einzuleitenden Veränderungen auch nachhaltig sein können. Ansonsten treten dieselben Probleme möglicherweise immer wieder auf.
Voraussetzungen
  • Stellen Sie sicher, dass die Notwendigkeit einer Verbesserung gegeben ist. Beachten Sie dabei, dass unterschiedliche Sichtweisen auf den Prozess oder das Produkt bestehen können. Verschiedene Interessengruppen wie Controller, Produktmanagement, Wiederverkäufer oder Marketing haben z.T. konkurrierende Perspektiven.
  • Die Techniken von Shainin können ausgezeichnet mit weiteren Werkzeugen des Qualitätsmanagements verwendet werden, ersetzen diese jedoch nicht (z.B. anschließende Prozessbewertungen mittels Prozesskennzahlen).
  • Um abweichende Qualität in Prozessen und Produkten zu untersuchen, müssen deren Performance oder Qualität abgestuft beurteilbar sein.
  • Um die Fehlerbilder und Fehlfunktionen sicher beurteilen zu können, fordert Shainin, dass deren Beurteilung fein abgestuft messbar oder unterteilbar sind, um prozess- und systembedingte sowie statistische Schwankungen unterscheiden zu können.
  • Shainin hielt seine Methoden so durchgängig und einfach wie möglich, damit die Problemlösenden diese möglichst einfach und fehlerfrei anwenden können. Dennoch erfordert eine gute Anwendung eine intensive Einarbeitung in die ineinandergreifenden Methoden und Werkzeuge von Shainin.
Qualifizierung

Die Moderation von Problemlösungsworkshops sollte von Personen ausgeführt werden, die Erfahrung und Spaß am Moderieren haben. Generell sind ergänzende Kenntnisse aus dem Bereich von SixSigma von Vorteil.

Für die Anwendung der Methode sind grundsätzlich keine erweiterten mathematischen oder statistischen Kenntnisse erforderlich, da Shainin seine Methodiken so einfach wie möglich hielt. Dennoch ist eine Einarbeitung in die Techniken von Shainin bzw. die angrenzenden und ergänzenden Techniken aus dem Qualitätsmanagement sehr hilfreich, wenn nicht sogar sehr zu empfehlen.

Insbesondere bei der Problemformulierung ist es oft hilfreich, sich von einem:einer erfahrenen Trainer:in oder Consultant begleiten zu lassen, besonders dann, wenn es sich um ältere, festgefahrene Probleme handelt, zu denen schon viele Optimierungsansätze durchgeführt wurden. Eine externe:r Berater:in verfügt über eine breite Palette von Methoden und Werkzeugen sowie Erfahrung in der strukturierten Problem-Abarbeitung / Lösung, sodass er:sie wertvolle neue Impulse in den Prozess einbringen kann. Zudem ist er:sie als Unabhängige:r in der Regel neutraler dem Problem gegenüber eingestellt und kann faktenbasiert und emotionsfreier in der Problemformulierung und Lösungsfindung unterstützen.

Benötigte Informationen
  • Projekt- oder Aufgabendefinition (z.B. Business Case oder Toyota-A3-Report)
  • Briefing über verschiedene Stakeholder-Perspektiven (z.B. Produktionsleitung, Vertrieb, Support, Marketing)
  • Aufbereitete Hintergrundinformationen zu Reklamationen, Auftreten, Entwicklungsunterlagen oder vorangegangenen Problemlösungsansätzen
  • Erfasste Daten (Zeitreihen) und weitere Informationen über das zeitliche Auftreten (z.B. zyklisch, sporadisch)
  • Soweit vorhanden: Qualitätsaufzeichnungen, die es erlauben, Rückschlüsse zu ziehen
Benötigte Hilfsmittel

Shainin wollte mit seinen Methoden so verständlich und aufbauend wie möglich arbeiten. Deshalb hat er sich zum Beginn der Untersuchung auf wenige grundlegende Zeitreihen Einteilungen festgelegt, die einfach von Hand oder mit einem Tabellenkalkulationsprogramm erstellbar sind.

  • Moderationsfläche (Flipchart, Whiteboard, Moderationswand) Haftnotizen, Stifte
  • Tabellenkalkulationsprogramm oder spezifische Statistiksoftware, die das Shainin-Methodenset unterstützt

Für die anschließende Betrachtung der zeitlichen Einordnung des Problems reichen in der Regel Papier und Stift aus.

Herkunft

Dorian Shainin (1914-2000) entwickelte mehr als 20 Methoden für den Bereich Produktzuverlässigkeit und Qualitätstechnik, die unter dem Oberbegriff "Shainin System" zusammengefasst werden. Sein Ziel war es, dadurch beständig die Verbesserung von Qualität und Zuverlässigkeit zu sichern (Klein, Bernhard: Versuchsplanung – DoE. Einführung in die Taguchi/Shainin-Methode, 2014; Steiner, Stefan H.; MacKay, R. Jock and Ramberg, John S.: An Overview of the Shainin System™ for Quality).

Im Gegensatz zu Taguchi Gen’ichi (*1924 – † 2012) entwickelte Shainin vor allem Methoden, die in der Problemformulierungsphase die wichtigsten Ursachen für Produkt und Prozessschwankungen möglichst schnell identifizieren. Taguchi konzentrierte sich darauf, diese Einflüsse möglichst zielgerichtet zu untersuchen. Beide Methodiken stehen nicht in Konflikt zueinander, sondern können sehr erfolgreich kombiniert werden.

Die Methoden von Shainin bieten eine Vielfalt von Ansatzpunkten für Prozess- und Produkt-optimierung. Shainin entwarf sie so, dass sie ineinandergreifend Probleme zielgerichtet und mit minimalem Aufwand analysieren. Sind die relevanten Komponenten für schlechte Performance oder Qualität identifiziert so unterstützt Shainin mit weiteren Methoden, um immer detaillierter die Kernprobleme oder Schlüsselvariablen zu erfassen. Im Idealfall können diese im Anschluss mit weiteren Werkzeugen abgestellt oder optimiert werden.

Zu Shainins Hauptschaffenszeit standen noch keine Computer allgemein zur Verfügung, weshalb er viele seiner Methoden so entwarf, dass sie ohne Software-Unterstützung durchgeführt werden können. Dennoch sind seine Werkzeuge auch heute noch hilfreich und sehr zielführend, weswegen viele seiner Methoden in Software-Anwendungen eingesetzt werden.

Durchführung: Schritt für Schritt

Die Performance von Prozessen und Produkten ist stets eine Momentaufnahme und unterliegt stetigem Wettbewerb. Wer sich nicht kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert, wird bald den gestiegenen Anforderungen des Marktes nicht mehr genügen. Dies betrifft genauso die intern gemessene Qualität von Prozessen: Sind diese nicht optimal, gefährdet dies den wirtschaftlichen Erfolg.

Einer erfolgreichen Prozessoptimierung geht immer eine gute Problemformulierung voran. Diese versucht, alle maßgeblichen Einflussfaktoren und Zielgrößen eines Prozesses zu identifizieren und zu gewichten. Shainin etablierte mit seinem Konzept der "Red X" bzw. dem Prinzip der "wenigen wichtigen und der vielen unbedeutenden Einflussgrößen" ("the vital few and trivial many") eine Methode, die dem Pareto-Prinzip ähnelt. Mittels dieser Methode kann strukturiert eine Vorauswahl der wichtigsten Einflussgrößen auf eine Zielgröße hin erfasst werden. Ist dies geschehen, können weitere Methoden aus dem Shainin-Werkzeugkasten (Bild 6) eingesetzt werden, um je nach Problemstellung die Ursachensuche zu optimieren.

Bild 1 zeigt Zusammenhänge und mögliche Abläufe für die Anwendung der Shainin-Methodik auf. In dieser Methodenbeschreibung werden die ersten Schritte bis zum Einsatz der ersten Methoden zur Identifikation von Fehlerursachen dargestellt.

 

Einordnung der Methode Streuungskarten in die Shainin-Methodik
Bild 1: Einordnung der Methode Streuungskarten in die Shainin-Methodik

 

Der Einstieg in die eigentliche Problemformulierung erfolgt mit Zeitreihendiagrammen in "Schritt 4: Analysieren Sie Zeitreihen und Streuungskarten!". Aus typischen Verlaufsmustern in den Streuungskarten werden Rückschlüsse auf die Art der Einflussfaktoren gezogen.

Dies liefert wertvolle Einsichten in die Art des Problemauftretens. Anschließend werden Schritt für Schritt mit weiteren Methoden die möglichen Ursachen eingeengt bis schließlich die Kernursachen identifiziert sind.

Die folgenden Schritte beschreiben die grundsätzliche Herangehensweise, um mit den Methoden von Shainin (und weiteren Methoden des Qualitätsmanagements) konkrete Qualitätsprobleme zu lösen oder einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu unterstützen. Da sowohl die möglichen Anwendungsfälle als auch die zur Verfügung stehenden Werkzeuge und Methoden sehr vielfältig sind, können im Folgenden nur der Rahmen des Vorgehens beschrieben und Optionen für konkrete Maßnahmen aufgezeigt werden.

Schritt 1: Klären Sie Auftrag und Zielvorstellung!

Die Anwendung der Shainin-Methodik setzt einen (Projekt-)Auftrag voraus, da sie längerfristig umgesetzt wird und Ressourcen benötigt. Entwerfen Sie gemeinsam mit Ihrem Team, Sponsor und Auftraggeber einen übersichtlichen, auf das Wesentliche beschränkten Business Case, um die Notwendigkeit Ihres Unterfangens zu unterstreichen. Methodische Alternativen sind der Toyota A3 Report oder der Project Canvas. Leitgedanken hierfür sind unter anderem:

  • Verschaffen Sie sich einen Überblick über Ihr / Projekt Ihre Aufgabe
  • Definieren Sie Ihre Ziele und den Zweck Ihres Unterfangens
  • Beschreiben Sie den Nutzen für Ihre Organisation
  • Adressieren Sie die Risiken, um diese frühestmöglich zu überwachen
  • Grenzen Sie Ihr Unterfangen ab. Was ist Teil der Aufgabe und was nicht?
  • Wer ist in Ihrem Team und wer hat welche Aufgabe, Rolle?
  • Wie überprüfen Sie Ihren Erfolg? Wie ist er messbar?

Sie können z.B. die Methoden Business Case, Project Canvas oder A3-Report verwenden, um Ihren Auftrag zu spezifizieren und abzusichern.

Praxistipps ...

Aufgabengebiete

Download PDFDownload PDF

Jetzt Feedback geben und mitdiskutieren!

Wir würden uns über Ihre Bewertung und/oder einen Kommentar freuen ‒ nur so können wir Ihnen in Zukunft noch bessere Inhalte liefern.

Diese Funktion steht nur eingeloggten Nutzern zur Verfügung.
0 Kommentare anzeigen & selbst mitreden!
Gesamt
Bewertungen 2
Kommentare 0