Studentensyndrom

Die Verwendung des Begriffs "Studentensyndrom" im Projektmanagement geht auf Eliyahu M. Goldratt zurück. Dieser beschreibt in seinem Lehr-Roman "Die Kritische Kette", dass alle Menschen dazu neigen, ihre Aufgaben so spät wie möglich zu beginnen. Er wählt hierzu das Beispiel des Studenten, der seine zu einem bestimmten Termin abzugebende Arbeit immer vor sich herschiebt. Erst kurz vor Abgabetermin beginnt er mit maximaler Leistung die Arbeit fertig zu stellen und gibt sie in der letzten Minute ab.

Übertragen auf die Abarbeitung von Arbeitspaketen in Projekten bedeutet das "Studentensyndrom", dass Mitarbeiter die ihnen übertragene Aufgaben nach den gesetzten Endterminen priorisieren und beginnen. Anstatt so schnell als möglich die Arbeit aufzunehmen, starten sie die Bearbeitung erst dann, wenn sie glauben, den Endtermin gerade eben noch einhalten zu können.

Dieses Verhalten führt dazu, dass jede Störung den Terminplan verzögert, da die in den einzelnen Vorgängen enthaltenen Zeitpuffer bereits aufgebraucht sind, bevor überhaupt mit der Arbeit begonnen wird.

In Verbindung mit dem Parkinsonschen Gesetz führt nach Goldratt das ""Studentensyndrom" dazu, dass Terminpläne von Projekten immer verzögert werden, aber niemals schneller ablaufen als geplant.

Kommentar

Die Beschreibung des Studentensyndroms in der Literatur des Critical Chain Project Managements erscheint sehr plakativ. Der Effekt, dass Arbeiten erst kurz vor dem gesetzten Endtermin aufgenommen werden, beruht meist darauf, dass andere Arbeiten mit früherem Endtermin zuerst erledigt werden müssen. Grund für die Verzögerungen durch verpätete Aufnahme der Arbeiten ist also nicht das mutwillige Aufschieben durch die Mitarbeiter, sondern die unzureichende Berücksichtigung der Ressourcenverfügbarkeit bei der Planung.

Dem trägt die Critical-Chain-Methode insofern Rechnung als sie fordert, Ressourcen sogar bewusst nicht auszulasten und Leerlaufzeiten in Kauf zu nehmen, nur damit übergebene Arbeiten unverzüglich begonnen werden können.

Dieses Vorgehen entspricht nicht traditioneller Arbeitsplanung und ist deshalb nur sehr schwer durchzusetzen. Zu hinterfragen ist zudem, ob das Studentensyndrom tatsächlich so existiert wie Goldratt es beschreibt. Insbesondere in Multiprojektumgebungen haben Ressourcen selten die Freiheit, selbst über den Beginn der Arbeitsaufnahme zu entscheiden, sondern müssen sich an den straffen vorgegebenen Terminplan halten.

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