Weiße Salbe

Der Begriff "Weiße Salbe" wird für Ankündigungen und Aktionen verwendet, die nach außen hin als Steuerungsmaßnahmen wirken, auf den Projektablauf selbst aber keinen Einfluss haben. Das Symbol "Weiße Salbe" bezieht sich auf die Placebo-Anwendung von einfacher Hautcreme bei Kindern, die aufgrund eines Schrecks bei der Betreuungsperson Schutz suchen und eine Verletzung vorgeben, um Trost zu erhalten. Die weiße Salbe der Kindergärtnerin oder der Eltern heilt dabei nicht eine physische Verletzung, sondern den seelischen Schock.

In gleicher Weise hat auch die, vor allem in der Politik weit verbreitete, "Weiße Salbe" eine große Bedeutung, um blinden Aktionismus und Panikreaktionen zu vermeiden. Sie wird von Führungskräften und Projektmanagern eingesetzt, um Auftraggeber, Vorstände und Öffentlichkeit zu beruhigen und dem Projektteam die Chance zu geben, in Ruhe Krisensituationen zu meistern und Schadensbegrenzung zu betreiben.

Typische Formen der "Weißen Salbe" sind:

  • Offenes Bekenntnis zur kritischen Situation und ihre genaue Beschreibung
  • Darlegung, dass sich die kompetentesten Experten um die Lösung des Problems bemühen
  • Verweis auf die gesicherte vertragliche Basis
  • Verleugnung von Gefahren und Schäden
  • Appell an die Solidarität aller
Die Verleugnung des Problems und die Schuldzuweisung an andere bewähren sich nur in Ausnahmefällen. Gleichzeitig birgt die Anwendung "Weißer Salbe" hohe Risiken, da sie frühzeitige Maßnahmen anderer zur Schadensbegrenzung verhindert. Ein Extrembeispiel für den nicht verantwortungsvollen Umgang mit dieser Methode waren die verharmlosenden offiziellen Verlautbarungen aller Beteiligten bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Demgegenüber gehören die umfangreichen, vorbereiteten und leicht erkennbaren Anwendungen "weißer Salbe" bei von Anfang an unrealistisch geplanten Projekten (z.B. Einführung der Autobahnmaut in der BRD 2003) zum unverzichtbaren Bestandteil professionellen Projektmarketings.

Anmerkung zur Symbolik

Das Zutreffen der Symbolik wird besonders deutlich, wenn die obigen Aussagen am Beispiel des Trost suchenden Kindes konkretisiert werden:

  • "Oh, hast du dir weh getan, das ist aber schlimm!"
  • "Lass mal schauen, da kann ich dir sicher helfen!"
  • "Ja, da brauchen wir jetzt die Wundersalbe vom Onkel Doktor!"
  • "Siehst du, jetzt ist es schon viel besser und tut auch gar nicht mehr weh!"
  • "Bist ein tapferer/tapferes Junge/Mädchen, zeig mir mal, wo das passiert ist!"
Demgegenüber werden weder die Verleugnung des Problems ("Hast dir ja gar nicht weh getan!") oder die Schuldzuweisung ("Pass halt endlich mal auf!") den erforderliche Trost spenden.

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