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Dec 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Projektmanagement: Die Antwort auf Koreas Fragen

Südkorea ist ein faszinierendes Land im Spannungsfeld zwischen Jahrhunderte alter Tradition und modernen Technologien. 2016 habe ich das Land dreimal besucht. Anlass für den ersten Besuch war die Gründung einer koreanischen Projektmanagement-Gesellschaft, der zweite Besuch diente der Vermittlung von Projektmanagement-Kompetenzen aus internationaler bzw. deutscher Perspektive und der dritte Besuch stand im Zeichen der Sehnsucht vieler Südkoreaner nach Wiedervereinigung.

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Korea steht vor großen Herausforderungen, zu denen Projektmanagement aus meiner Sicht einen großen Beitrag leisten kann, z.B. beim Thema Wiedervereinigung. Aber auch die strauchelnde Wirtschaft würde von state-of-the-art Projektmanagement-Kompetenzen profitieren. Denn der Boom der vergangenen Jahre ist zum Erliegen gekommen, traditionelle Industrien wie z.B. der Schiffsbau verlieren an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Lähmend wirkt dabei die stark ausgeprägte Obrigkeitshörigkeit, die "Chaebols" (mächtige Familienunternehmen, wie z.B. Samsung) mit ihren guten Verbindungen in die Politik für sich nutzen. Doch viele Koreaner sind nicht länger bereit, dieses korruptionsanfällige System zu dulden, wie die anhaltenden Massenproteste gegen Präsidentin Park Geun Hye belegen.

Bild 1: Junge Koreanerin in traditioneller Kleidung posiert vor der Tempelanlage Changdeokgung.
Bildquelle: Reinhard Wagner

Verkrustete Strukturen

Die Wirtschaft in Südkorea hat sich nach der ersten gesellschaftlichen Öffnung Ende der 1980er zunächst sehr dynamisch entwickelt, die Olympischen Spiele 1988 werden als Auslöser eines koreanischen "Wirtschaftswunders" angesehen. Marken wie Samsung, LG oder Hyundai belegen die technologische Kompetenz des Landes am Han-Fluss. Auch die Kulturindustrie ist mittlerweile bedeutend, koreanische Soap Operas und Pop-Musik sind beliebt in ganz Asien und finden ein Millionen-Publikum.

Lähmend wirkt die bereits erwähnte beherrschende Stellung der Chaebols, die Innovation erschwert. Innerhalb dieser Organisationen herrschen in der Regel strikte Hierarchien, sodass junge kreative Köpfe, die neue und innovative Ansätze entwickeln wollen, mit ihren Ideen nur selten durchdringen. Eine parallele Projektorganisation könnte hier Abhilfe schaffen. Dazu später mehr.

Technologie top, Management ...

Zudem ist in Korea die Management-Kompetenz relativ schwach ausgeprägt, auch bezogen auf Projekte. Die Politik hat diese Schwäche erkannt. Der Wirtschaftsminister formulierte mir gegenüber unumwunden: "Unser Land ist hervorragend aufgestellt was die technologische Kompetenz anbelangt, allerdings mangelt es uns in vielen Wirtschaftszweigen an Projektmanagement-Kompetenz. Diese müssen wir uns aber aneignen, um unsere Position zu verteidigen."

Dies kann einerseits mit der starken Orientierung Koreas am Konfuzianismus zusammenhängen, der wenig Wert auf die Leistung des Einzelnen legt, andererseits kann es auch an der relativ starken Abschottung der Wirtschaft nach außen liegen, die in der Vergangenheit häufig als eine Stärke Südkoreas gesehen wurde.

Institutionalisierung des Projektmanagements

Seit etlichen Jahren gibt es in Südkorea ein PMI-Chapter, welches das Gedankengut und die Standards des PMI im Land verbreitet. Allerdings muss man, um in Korea Einfluss auf die Wirtschaft zu haben, eng mit der Regierung verbunden sein und das hat PMI nie geschafft.

2015 hat die Regierung die Gründung einer nationalen Projektmanagement-Gesellschaft angestoßen und bereitet derzeit eine gesetzliche Grundlage für Projektmanagement-Standards zur Qualifizierung und Zertifizierung vor, die wegweisend für die gesamte Wirtschaft sein sollen.

Unter Führung eines früheren Regierungssekretärs wurde deshalb eine eigene Projektmanagement-Gesellschaft mit dem Namen "IPMA Korea" gegründet, die Personen wie auch Organisationen fördern soll, um das Projektmanagement im Land voranzubringen.

Die IPMA hat diese Gesellschaft im Oktober 2016 als Mitglied aufgenommen. Die IPMA Korea bekennt sich zu den IPMA-Standards, plant jedoch, diese um eigene Sichtweisen zu ergänzen, um auch im Projektmanagement eine koreanische Identität auszubilden.

Zwischen Konfuzius und "Uncle Sam"

Bedingt durch den Einfluss amerikanischer Unternehmen in den vergangenen Jahren, verstehen viele Koreaner Projektmanagement als Prozess von der Initialisierung eines Projekts bis zu dessen Abschluß. Die Aufgabe des Projektmanagers sehen sie eher als koordinierend bzw. ausführend. Eine Führungsrolle schreiben sie ihm nicht zu, auch weil in Korea traditionell die Unternehmensleitung das Sagen hat und die Funktionen darunter "folgen". Eine kritische Auseinandersetzung mit den Anweisungen der Führungskräfte ist nicht erwünscht. (Auch das herrschende Senioritätsprinzip unterläuft den Führungsanspruch eines Projektmanagers.) Die Probleme bei Samsung mit dem Galaxy S7 können – zumindest teilweise – auf diese Kultur zurückgeführt werden.

Damit stehen Hierarchiedenken, zentrale Strukturen, Anweisung statt Verantwortungsdelegation und Konformität statt Querdenken einem modernen Projektmanagement diametral entgegen. Dies wurde mir bei meinem zweiten Besuch bewusst, als ich wichtige Prinzipien und Ansätze der IPMA-Standards (IPMA Individual Competence Baseline (IPMA ICB), IPMA Organisational Competence Baseline (IPMA OCB) und IPMA Project Excellence Baseline (IPMA PEB)) sowie deren praktische Anwendung erläuterte.

Die Kreativität der Jungen wird in der traditionellen Wirtschaft nicht wahrgenommen, geschweige denn gefördert. Die straffen Hierarchien lassen kaum Platz für Freiräume zum Ausprobieren, sodass Effektivität und Effizienz von vielen Projekten zu wünschen übrig lassen (Stichwort "frühes Scheitern"). Ein Projekt wird auch nicht als Chance zum Lernen erkannt (auch das Lernen an den Universitäten beschränkt sich weitgehend auf Vorlesungen im traditionellen Stil).

In meinen Trainings konnte ich dann auch erleben, dass im ersten interaktiven Workshop viele Koreaner nicht so richtig wussten, was ich von ihnen will. Sie waren es gewohnt, dass der Trainer ihnen die Lösungen vorgab. Nach und nach verstanden die Teilnehmer dann aber, dass sie Eigeninitiative entwickeln und selbständig nach Lösungen im Projekt suchen sollten. Am Ende hatte ich die Teilnehmer von den Vorteilen des IPMA-Ansatzes überzeugt. Sie schienen auch gewillt, dass zur Durchsetzung einer starken Projektleiterrolle notwendige Umdenken und Hinterfragen der herrschenden Kultur anzugehen. Ich beendete den Workshop mit dem Gefühl: "Ein Anfang ist gemacht."

Der Wunsch nach Wiedervereinigung als Chance für das PM

Eine große Chance für die Entwicklung des Projektmanagements bietet die nach wie vor große Sehnsucht nach Wiedervereinigung der beiden Koreas. Die Bereitschaft ist groß, von der deutschen Wiedervereinigung zu lernen, um sich so auf eine mögliche eigene Wiedervereinigung vorzubereiten. Ein entsprechend starkes Interesse fand mein Vortrag zur Entwicklung der deutschen Wiedervereinigung mit besonderem Blick auf Projektmanagement an der Universität für Nordkoreanische Studien in Seoul.

Bild 2: Gruppenfoto an der Universität für Nordkoreanische Studien in Seoul.
Bildquelle: Reinhard Wagner
Bild vergrößern

Der im Jahr 1990 unterzeichnete innerdeutsche Vertrag zur Wiedervereinigung nahm zwar schon erste Elemente einer Umsetzung im Sinne von Projektmanagement vorweg, z.B. durch die Treuhand und die massiven Investitionen im Sinne des Projekts "Deutsche Einheit", ein Masterplan für die Umsetzung der Wiedervereinigung fehlte allerdings. Vieles blieb Stückwerk, was vermutlich auch ein Grund dafür ist, warum die Kosten so hoch waren und die beiden deutschen Staaten immer noch nicht komplett zusammengewachsen sind.

Mit systematischen Transformations- sowie Projektmanagement könne, so meine zentrale Botschaft, die Voraussetzung für eine wirksame Wiedervereinigung in Korea geschaffen werden. Allerdings müssen dafür erst noch die politischen Weichen gestellt werden. Zu wünschen wäre es Korea jedenfalls.

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