07
Aug 2015
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Wenn wir immer machen, was wir immer taten…

…werden wir immer bekommen, was wir immer schon bekamen! Kein neuer Spruch, aber immer wieder aktuell! Jeder von uns hat das wahrscheinlich schon mal erlebt: Da hat man (vermeintlich oder tatsächlich) eine gute, vielleicht glaubt man sogar supergute Idee, aber die stereotype Antwort derjenigen, die man darauf anspricht, ist: "Das machen wir aber schon seit 1987 anders…!", "Das haben schon ganz andere versucht und sind damit gescheitert….!", "Arbeiten Sie sich erst einmal richtig ein und dann sehen wir weiter…!"

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Alles mehr oder weniger Varianten des populären Satzes: "Das haben wir schon immer so gemacht."

Woher kommt das bloß, dass Menschen und/oder ganze menschliche Systeme wie Unternehmen, Parteien, Vereine und andere Organisationen so "stur" sein können?

Angestellt, um Veränderungen einzuleiten

Eine Kundin von mir brachte es auf vier Kündigungen während der Probezeit in zwei Jahren. Aufgrund ihrer hervorragenden Zeugnisse und ihrer exzellenten Ausbildung fand sie sofort wieder neue Jobs, wurde aber kurze Zeit später von denselben Menschen, die sie engagiert hatten, wieder gefeuert. Warum? Weil Sie tat, wozu sie eingestellt worden war!

Völlig verrückt? Nein! Was wie ein paradoxes Theater aussieht, ist systemisch betrachtet fast logisch, auch wenn es noch so seltsam wirkt. Systeme neigen zur Homöostase (s. auch Wikipedia), also zum Fließgleichgewicht. Alles, was stört, erregt die Aufmerksamkeit, wird auf Gefahrenpotenzial eingeschätzt und schließlich – als Gefahr erkannt – gebannt.

Wenn wir uns schon aufgrund äußerer Umstände verändern müssen, dann nur, um gleich zu bleiben – also um uns letztendlich nicht zu verändern. Klingt völlig paradox: Verändern nur, um der Nichtveränderung willen? Wer soll das verstehen? Hier ist ein fundamentales Missverständnis inbegriffen: Ich kann mein persönliches Verhalten verändern, ohne dass ich meine Persönlichkeit verändern muss. Ich verliere meine Identität nicht durch flexibles angemessenes Verhalten! Vielleicht ändert sich dadurch sogar auf Dauer meine "Persönlichkeit", aber ich verliere meine Identität nicht, ich erlebe mich trotzdem als Konstante.

Weil das gerade aber viele Menschen nicht glauben, sondern erwarten, dass sie bei stark verändertem Verhalten ihre Persönlichkeit, ihre Identität verlieren, schrecken Sie schließlich auch vor dringend notwendigen Verhaltensänderungen zurück und hoffen, dass es diesmal auch ohne geht. Und wir wissen ja alle: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Folge: Am Ende bleibt alles irgendwie beim Alten.

Wenn der Mut schnell verfliegt

Dazu mal ein Beispiel: Ein fachlich versierter Mittelständler hat sein Fach "von der Pieke auf" gelernt und sein Unternehmen selbst aufgebaut und ist damit seit 35 Jahren erfolgreich. Weil er so viel Erfahrung auch mit seinem speziellen Markt hat, sieht er eine Katastrophe auf sich zukommen: Die Welt ändert sich schneller als sein Unternehmen sich anpassen kann. Die Aufträge gehen schleichend zurück, Produkte und Methoden kommen nicht mehr nach. Selbst die Standard-Maschinen veralten. Sein Unternehmen droht noch bei voller Produktion in Vergessenheit zu geraten.

Unser Unternehmer fasst den Mut: Er nimmt Geld in die Hand, schafft eine neue Stelle und möchte sie mit einem ausgewiesenen Experten für Change Management und/oder Prozessoptimierung besetzen. Diese Person ist schnell gefunden. Doch was passiert nun? Alles, was er sich aufgebaut hat und was doch so lange ein Erfolg war – es ist ja nicht die erste Krise – gilt als überholt, "out", nicht überlebensfähig…

Nun melden sich nicht nur die "ewig Gestrigen" in seinem Unternehmen zu Wort, sondern auch der stolze und bisher so erfolgreiche Unternehmer in ihm selbst. Er bekommt plötzlich (eher unbewusst) Angst, sich ändern zu müssen und das womöglich nicht zu können oder seine Persönlichkeit "verbiegen" zu müssen. Und schon trägt er dazu bei, das System Unternehmen auf dem alten Stand stabil zu halten. Aus dem eigentlichen Fließgleichgewicht, das Systemen das Überleben sichert, wird eine regelrechte Erstarrung in bekannten und (früher mal) erfolgreichen Methoden und Prozessen.

Wie alle Beteiligten verwechselt der Unternehmer jetzt die Forderungen nach Veränderungen mit Kritik an seiner Person bzw. seiner "Persönlichkeit". Sein System schaltet auf Selbstverteidigung, stellt vermeintlich das Gleichgewicht wieder her, entlässt den Störenfried, der "offenbar seine Arbeit nicht macht" und trägt so dazu bei, den Tod seines Unternehmens zu beschleunigen, statt ihn zu verhindern.

Wir brauchen Störer, Nervensägen und Tabubrecher

Aber wie können wir erreichen, dass Menschen, die dazu beitragen ein bestehendes System zu stören, um neue Wege freizumachen, nicht als eine system-gefährdende Störung gleich wieder abgeschafft werden?

Wie können wir erreichen, dass ein System, das stolz auf seine Änderungsresistenz ist – die ihm bisher das Leben erleichtert, vielleicht sogar das Leben gerettet hat –, ohne totalen Selbstbild-Zusammenbruch erkennt, dass es sich um 180 Grad drehen muss, um noch festzustellen, wo "vorne" ist?

Überall geht es um den "War of talents". Oft ist es ein "War against talents", wie das Beispiel meiner Kundin zeigt. Die Bes(t)en, die er rief, wird der Zauberlehrling nicht mehr los. Die Angst schließlich zwingt ihn zu stoppen, was er eigentlich Gott sei Dank begonnen hatte.

Ich freue mich auf eine Diskussion über Wege aus diesem Dilemma.

Bisher gibt es 4 Kommentare
Vielen Dank für diesen Beitrag! "Das haben wir schon immer so gemacht" birgt wohl die größten Risiken für ein Projekt, da dieser Faktor sicherlich oft unterschätzt wird.
Veränderungen und Neuerungen werden aus meiner Sicht häufig sehr skeptisch und ängstlich beäugt. Positive Auswirkungen werden ausgeblendet und nur mögliche Komplikationen und Gefahren gesehen. Dabei vergisst man jedoch, dass auch das bestehende System nicht perfekt ist - nur hat man sich an dessen Unzulänglichkeiten gewöhnt.
Aus meiner Erfahrung heraus ist es wichtig, Veränderungen nicht zu ambitioniert oder gar radikal anzugehen. Veränderungen brauchen ihre Zeit - so oder so. Im Beispiel eines neuen Mitarbeiters halte ich es für sinnvoll, insbesondere die kulturellen Gegebenheiten eines Unternehmens für den Moment zu akzeptieren. Man schwimmt "einfach" im gewohnten Fluss mit, macht seine Beobachtungen und führt seine Neuerungen dann peu à peu ein. Wichtig dabei ist die echte Beteiligung und die an der Zielgruppe orientierte Information der von der Veränderung Betroffenen. Schonend und nachhaltig sozusagen...
Anders ausgedrückt: eine gewisse Portion Gleichmut im buddhistischen Sinn, Geduld und Vertrauen wäre aus meiner Sicht ein Ansatz, es doch anders machen zu können, als es immer schon gemacht wurde.
vor 1 Jahr 4 Wochen Christoph
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Lieber Christoph!
Danke! Von buddhistischem Gleichmut könnten wir einiges lernen. Jeder hat für das, was er tut gute Gründe und keiner mag es gegen seine Gefühlswelt anzugehen mit sachlich-fachlich noch so gut begründeten Veränderungen. Von irgendwelchen sofort durchschaubaren Notfällen einmal abgesehen. Aber um die geht es ja meistens gar nicht.
Dazu fällt mir die alte Geschichte mit dem Indianer ein: Er fliegt von Los Angeles nach New York und setzte sich dann meditierend auf das Rollfeld neben die geparkte Maschine. Danach gefragt, was das denn solle: "Mein Körper ist schon da, aber meine Seele noch nicht. Ich warte, bis sie nachgekommen ist".
Deswegen müssen wir in Veränderungsprozessen immer vor allem die Gefühlswelt, das Selbstbild aller Beteiligten berücksichtigen.
vor 1 Jahr 4 Wochen Heinz-Detlef Scheer
Hallo Herr Scheer,
sie treffen den Nagel auf den Kopf!
Wir können die Probleme nicht mit dem Geist lösen, der die Probleme verursacht. (Albert Einstein)
Es braucht ein neues Bewusstsein und eine neue Geistes-Haltung.
Geist = das richtige erkennen / Haltung: das richtige tun.
Ein Thema bei den Projektkulturtage im Europapark Rust.
http://www.adensio.de/pdf_downloads/Einladung_Projektkultur-Tag_Europapark_adensio_2015.pdf
Vielen Dank und freundliche Grüße aus Freiburg
Thomas Holzer
vor 1 Jahr 2 Wochen Thomas Holzer
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Hallo Herr Holzer!
Da sieht man mal wieder, dass die meisten guten Ideen schon einmal (oder zweimal...?) auf der Welt waren. Interessant finde ich die Frage, wie "wir" (also alle zusammen inkl. ich natürlich) es immer wieder schaffen, von vorne anfangen zu müssen, wo das meiste Gute schon in der Welt ist.
Schöne Woche!
Detlef Scheer
vor 1 Jahr 2 Wochen Heinz-Detlef Scheer
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