Werte- und Entwicklungsquadrat

Ärger und Konflikte sind Chancen für persönliches Wachstum. Auf fragwürdige Verhaltensweisen des Gegenübers reagieren wir oft mit Ablehnung und Verurteilung. Dahinter steckt meist Neid – und dahinter sogar Bewunderung. Denn auch in einem negativ bewerteten Verhalten liegt immer eine bewundernswerte Stärke verborgen, die allerdings kaum zu sehen ist. Mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat kommen wir uns selbst auf die Schliche und erkennen sowohl die positiven Eigenschaften des anderen als auch unsere eigenen blinden Flecken. Zugleich können wir die Konfliktsituation einer konstruktiven Lösung zuführen.

Werte- und Entwicklungsquadrat

Werte- und Entwicklungsquadrat

Ärger und Konflikte sind Chancen für persönliches Wachstum. Auf fragwürdige Verhaltensweisen des Gegenübers reagieren wir oft mit Ablehnung und Verurteilung. Dahinter steckt meist Neid – und dahinter sogar Bewunderung. Denn auch in einem negativ bewerteten Verhalten liegt immer eine bewundernswerte Stärke verborgen, die allerdings kaum zu sehen ist. Mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat kommen wir uns selbst auf die Schliche und erkennen sowohl die positiven Eigenschaften des anderen als auch unsere eigenen blinden Flecken. Zugleich können wir die Konfliktsituation einer konstruktiven Lösung zuführen.

Werte- und Entwicklungsquadrat

Einsatzmöglichkeiten

Die Methode können Sie überall da einsetzen, wo Sie sich über das Sozial- und / oder Kommunikationsverhalten Ihrer Mitmenschen ärgern. Einige Beispielsituationen sind:

  • im Dialog, wenn jemand die Augen verdreht, die Nase rümpft oder Sie mit Reizformulierungen versorgt
  • im Meeting, wenn jemand zu spät kommt, Sie unterbricht oder teilnahmslos aus dem Fenster schaut, wenn Sie sprechen
  • bei einem Vortrag, wenn bestimmte Zuhörer*innen alles besser wissen, auf dem eigenen Smartphone herumtippen oder sich lautstark mit dem Nachbarn unterhalten

 

Ergebnisse
  • Sie urteilen nicht mehr (nur) über das Gegenüber, sondern erkennen in seinem unerwünschten Verhalten eine verborgene Kompetenz.
  • Sie nehmen zudem wahr, was die andere Person braucht bzw. was ihr fehlt. Sie entwickeln somit Grundlagen für ein späteres Feedback für sie bzw. ihn.
  • Sie erkennen, dass hinter Ihrer Ablehnung des anderen eine Form von Neid oder sogar Bewunderung steckt
  • Im besten Fall erkennen Sie, dass der andere ein Spiegel ist – und zwar ein doppelter: Zum einen spiegelt er Ihnen, was Sie an sich auch nicht mögen; zum anderen, was Sie sich auch (etwas mehr) bei sich wünschen.
Vorteile
Die Methode wirkt immer und überall, unabhängig von Person, Anlass und Ort.
Was auf den ersten Blick als lästig erscheint, wird auf den zweiten Blick Chance zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung.
Das Werte- und Entwicklungsquadrat ist für viele die nachhaltigste und fundierteste Methode zur Analyse und Lösung von Konfliktsituationen.
Grenzen, Risiken, Nachteile
Anfangs ruft das Anwenden des Werte- und Entwicklungsquadrats i.d.R. großen inneren Widerstand hervor, weil die Methode von Ihnen verlangt, Ihr Urteil nicht nur aufzulösen, sondern sogar umzukehren. Der andere ist nicht nur nicht böse, er ist sogar (für etwas) gut. Dieser Perspektivwechsel verlangt viel Flexibilität und Selbstreflexion.
Die Methode vollständig umzusetzen braucht Zeit, die nicht immer zur Verfügung steht – zumindest nicht im Moment des überwältigenden Ärgers. Daher kann die Methode manchmal nur anteilig umgesetzt werden, was aber bereits deeskalierend wirkt.
Der Preis der Methode besteht darin, dass das eigene, teils aufgehübschte Selbstbild revidiert oder zumindest relativiert werden muss. Dieser Einschnitt ist vielfach schmerzhaft und viele Menschen vermeiden diese Erkenntnis, die im ersten Moment schmerzt, auf lange Sicht jedoch befreit.
Voraussetzungen
  • Die Methode gelingt nur, wenn Sie prinzipiell bereit sind, ehrlich auf das eigene Selbst zu blicken. Sie benötigen hierzu die Gelassenheit und Bereitschaft, gedanklich zuzulassen, dass der Ärger über den anderen mehr mit Ihnen zu tun haben könnte, als Ihnen lieb ist.
  • Sie benötigen ein differenziertes bzw. dialektisches Denken mit der Erkenntnis, dass in jedem Übel Schönheit steckt. Mit anderen Worten: Das Übel ist nur übel, weil es zu viel von dem Schönen verstellt bzw. das Schöne sich verselbständigt hat.
  • Sie benötigen die Fähigkeit, die im unerwünschten Verhalten das Anderen verborgene Kompetenz zu erkennen und zu benennen.
Qualifizierung

Es braucht keinerlei Aus- oder Fortbildungen, um die Methode anwenden zu können. Es braucht allein das Verständnis, dass hinter jedem unerwünschten Verhalten eine Kompetenz verborgen ist und eine sprachliche Fähigkeit, die Kompetenz zu benennen. Wer über beides verfügt, kann das Werte- und Entwicklungsquadrat sofort anwenden.

Benötigte Informationen
  • Beobachtung des unerwünschten Verhaltens des Anderen
  • Erkenntnisse aus der Selbstreflexion
Benötigte Hilfsmittel

Sie benötigen lediglich die eigene Wahrnehmung (primär das Sehen und das Hören) und den analytischen Verstand, der hinter das Verhalten schauen und die Kompetenz entdecken bzw. auspacken kann.

Herkunft

Das Modell geht zurück auf das von Nicolai Hartmann stammende Wertequadrat. Es wurde von Friedemann Schulz von Thun für die Belange der zwischenmenschlichen Kommunikation genutzt sowie mit dem Entwicklungsgedanken verbunden und dann Werte- und Entwicklungsquadrat genannt (Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden: Fragen und Antworten, 10. Aufl. 2007). Ich habe die Anwendung des Werte- und Entwicklungsquadrats auf die Vermeidung und Bewältigung von Konflikten und spannungsgeladenen Situationen übertragen (Karch, Philipp: Was mich ärgert, entscheide ich: Konflikte klug bewältigen, 2019)

Durchführung: Schritt für Schritt

Websession:
Ärger minimieren mit dem Entwicklungsquadrat.
In nur wenigen Sekunden neue Blickwinkel einnehmen

 

 

Erfahrungsaustausch und Diskussion mit dem Autor Philipp Karch
Freitag, 9.10.2020 um 13.00 Uhr online (Teilnahme kostenfrei)

Weitere Informationen und kostenlose Anmeldung



Das Werte- und Entwicklungsquadrat bietet sich immer dann an, wenn Sie über jemanden schlecht geurteilt haben. Dies erkennen Sie daran, dass Sie negativ besetzte Begriffe bzw. Reizformulierungen verwenden. Dabei kann es sich gleichermaßen um Adjektive, Verben oder Substantive handeln. Typische Formulierungen, ob ausgesprochen oder nur gedacht, lauten: "Wie kann der nur so arrogant sein?" oder "Typisch, dass die wieder so trödelt!" oder "Was für ein Trickser!"

Die hier beschriebene Verwendung des Werte- und Entwicklungsquadrats setzt genau bei einem solch negativ assoziierten Begriff an und führt Sie Schritt für Schritt zu einer doppelten Erkenntnis:

  1. Hinter der Abwertung des anderen steckt entweder eigene Abwertung oder Neid auf den anderen.
  2. Der Andere ist somit ein "kostenloser und kostenfreier Persönlichkeitsentwicklungshelfer". Mit anderen Worten (Erklärung s.u.): Ein "Arsch-Engel"!

Das Werte- und Entwicklungsquadrat

Die Methode öffnet Ihnen die Augen dafür, dass in jeder noch so ablehnungswürdigen Verhaltensweise des Gegenübers eine bewundernswerte Stärke verborgen liegt, auch wenn sie selten auf den ersten Blick zu sehen ist. Grundlage des hier beschriebenen Vorgehens bildet das Werte- und Entwicklungsquadrat, wie es Schulz von Thun (siehe Abschnitt "Herkunft") beschreibt. Schauen wir uns deshalb zunächst die Grundlagen des Werte- und Entwicklungsquadrats an, bevor wir damit arbeiten. Bild 1 skizziert dieses Quadrat mit seinen vier Ecken:

  • die positive Eigenschaft (Tugend), z.B. Mut (links oben)
  • die übertriebene, entwertete Tugend, z.B. Leichtsinn (links unten)
  • die zur positiven Eigenschaft gehörige, ausgleichende Eigenschaft (Schwestertugend), z.B. Vorsicht (rechts oben)
  • die übertriebene, entwertete Schwestertugend, z.B. extreme Ängstlichkeit (rechts unten)
Skizzierte Darstellung des Werte- und Entwicklungsquadrats
Bild 1: Skizzierte Darstellung des Werte- und Entwicklungsquadrats

Tugend, Schwestertugend und ihre Übertreibungen

Das Modell basiert auf der Annahme, dass jeglichem Verhalten eine Kompetenz zu Grunde liegt. Ob "gutes" Verhalten oder "böses" Verhalten, kein Verhalten ist ohne Kompetenz möglich. Der Unterschied zwischen einem guten Verhalten und einem korrespondierenden bösen Verhalten besteht allein im Ausmaß der gezeigten Kompetenz. Ist die Kompetenz "normal" entwickelt bzw. günstig, so sprechen wir von einer Tugend (siehe Bild 1, Kästchen links bzw. rechts oben).

Wird die Kompetenz nun zu stark entwickelt bzw. gezeigt, so wird sie "übertrieben". Übertrieben im Sinne von "zu viel des Guten". Wer also zu viel von einer Tugend zeigt, optimiert sie zu stark. Dadurch wird sie von anderen als störend erlebt und somit entwertet.

Die zweite Annahme ist, dass Tugenden paarweise auftreten können. Zu jeder Tugend gibt es eine konträre Schwestertugend; beide Tugenden stehen in einem Spannungsverhältnis, für das eine Balance zu finden ist.

Das "zu viel des Guten" gilt für die Schwestertugend genauso, d.h. auch sie kann durch Übertreiben entwertet werden.

Die Kunst besteht darin, die beiden Tugenden in einer Balance zu halten. Sie heißen Schwestertugenden, weil sie sich gegenseitig brauchen, um im Gleichklang zu bleiben. Fehlt eine der beiden, fehlt ein Korrektiv für die andere und die eine verselbständigt sich in ein Zuviel. Wer also auf einer der beiden Seiten ein Zuviel zeigt, dem fehlt auf der anderen Seite die konträre Schwestertugend.

"Authentizität" ist z.B. gut, aber zu viel davon (also allzu große Offenheit im falschen Augenblick und im ungeeigneten Kontext) lässt diesen Wert zu einem Unwert verkommen. Schulz von Thun bezeichnet diesen Effekt als "übertreibende Entwertung" oder "Überoptimierung". Also braucht Authentizität einen Wertegegenspieler, eine Schwestertugend, um nicht zu naiver Unverblümtheit zu missraten. Diese Aufgabe übernimmt die Diplomatie. Wird die Schwestertugend Diplomatie hingegen "überoptimiert", so droht eine "manipulierende Fassadenhaftigkeit" (Bild 2). Ziel ist, statt einer eindimensionalen Spitzenleistung (also immer nur 100% Authentizität) die Gegensätze zu integrieren und dynamisch Balance zu halten.

Werte- und Entwicklungsquadrat am Beispiel Naive Unverblümtheit
Bild 2: Werte- und Entwicklungsquadrat am Beispiel Naive Unverblümtheit

Die Spannung zwischen den Werten ermöglicht persönliche Entwicklung

Wir halten fest: Im Zusammenleben entfalten Werte bzw. Kompetenzen nur dann eine konstruktive Wirkung, wenn sie in ausgehaltener Spannung zu einem Gegenwert gelebt und verwirklicht werden – zu einer "komplementären Schwestertugend", die geeignet ist, einer übertreibenden Entwertung des in Rede stehenden Wertes entgegenzusteuern.

Die Kenntnis dieser Zusammenhänge ermöglicht es uns, Ansätze für die eigene Persönlichkeitsentwicklung zu identifizieren, die zugleich unseren Ärger auflösen bzw. dem Konflikt neue Perspektiven verleihen. Tabelle 1 zeigt mit Leitfragen für die Reflexion und einem einfachen Beispiel das Prinzip dafür auf.

Konzept

Leitfragen

Beispiel

Hinter jedem unerwünschten Verhalten steckt eine verborgene Kompetenz.

Welche positive Eigenschaft bewundere ich gerade bei meinem Gegenüber?

Welche überoptimierte lehne ich auch bei mir ab?

 

Die unverblümte Kritik an meiner Leistung ist authentisch. Ich würde auch gerne oft authentischer meine Meinung sagen.

Oder: Ich stoße manchmal Leute vor den Kopf, wenn ich spontan meine Meinung sage

Hinter Ärger verbirgt sich Neid, vielleicht sogar Bewunderung. Wer dies erkennt, kann übertriebene Stärken besser nachvollziehen und die verurteilende Haltung auflösen.

Ärgere ich mich in Wahrheit nicht auch über meine Ohnmacht, gerade nichts tun zu können?

Welche Schwestertugend ergänzt die entdeckte positive Eigenschaft?

Authentizität braucht Diplomatie als Schwestertugend, um nicht zu naiver Unverblümtheit zu verkommen.

Diplomatie hat eine solche Funktion. Wird Diplomatie hingegen "überoptimiert", so droht Fassadenhaftigkeit.

Es gilt die Balance zu finden zwischen den Schwestertugenden. Übertriebene Tugenden weisen den Weg zur Weiterentwicklung.

Wie kann ich die entdeckten Tugenden einsetzen, um mich selbst weiterzuentwickeln und die Situation aufzulösen?

Anstatt unverblümt zu reagieren, suche ich für meine Reaktion selbst die Balance zwischen Authentizität und Diplomatie.

Nur Sie können sich ärgern!

Grundsätzlich gilt: Niemand kann uns ärgern! Andere Menschen können uns nur Ärger-Angebote machen. Letztlich entscheiden wir in jedem Augenblick –bewusst oder unbewusst – ob wir das Angebot annehmen oder ablehnen. Dieser Grundsatz – allein ich entscheide, wem oder was ich Macht über mich gebe – ist zentral für die weiteren Überlegungen.

Wie wir sehen werden, gilt dieser Grundsatz auch für das Werte- und Entwicklungsquadrat. Ob ich mich über (vermeintliche) Arroganz ärgere oder nicht, liegt allein an mir. Doch es kommt noch besser: Der oder die andere ist in Wirklichkeit gar nicht arrogant, sondern nur in meiner Bewertung.

Beispiel: Die misslungene Projekt-Präsentation

Stellen wir uns folgendes Beispiel vor: Sie haben sich Mühe gegeben. Ihre Chefin wollte eine Präsentation über die strategische Bedeutung Ihres Projekts mit aussagekräftigen Kennzahlen. Und die hat sie bekommen. Eine richtig gute, wie Sie dachten. Leider sieht sie das wohl anders: zusammengekniffene Augen, angespannte Körperhaltung und das bekannte Seufzen. Sie ahnen, gleich wird sich (mal wieder) ein Gewitter entladen. Und richtig, schon poltert sie los. Schweigend lassen Sie die Tirade über sich ergehen. Nachdem sie fertig ist, ziehen Sie mit hängenden Schultern von dannen. Mal wieder. Auf dem Rückweg in Ihr Büro holen Ihre beliebtesten Ärgergedanken Sie ein:

  • Wie kann man nur so penibel, so perfektionistisch sein?
  • Wie kann man nur so cholerisch, so aggressiv sein?

Sie haben das Gefühl, dass Sie es Ihrer Chefin nie recht machen können und Sie immer einstecken müssen. Wie sollen Sie jemals mit ihr und ihrem Verhalten klarkommen? Doch vielleicht ist das zu kurz gedacht, vielleicht haben Sie bei Ihrer Bewertung etwas Wichtiges übersehen? Womöglich birgt ihr Verhalten bei genauerem Hinsehen auch positive Aspekte? Antworten auf diese Fragen gibt Ihnen das Werte- und Entwicklungsquadrat.

Praxistipps ...

Fachartikel zur Methode

Wann haben Sie sich zuletzt richtig geärgert? War das im direkten Gespräch? Wie Sie künftig konstruktiv mit Ärger und Konflikten in Gesprächen umgehen, erklärt Philipp Karch in seinem Beitrag anhand von fünf Schritten.

Aufgabengebiete

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