08
Apr 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Industrie 4.0: Mehrwert oder bloß Mehrkosten?

Man muss kein Gegner des technologischen Fortschritts per se sein, um festzustellen, dass es in den vergangenen Jahren einige Hypes gab, die hohe Kosten, aber kaum Mehrwert erbracht haben. Oftmals bekämpfen in diesem Kontext neue Heilmittel die Symptome anstatt der Ursache. Wenn Sie einen möglichen Handlungsbedarf in Sachen Industrie 4.0 für Ihr Unternehmen identifizieren wollen, müssen Sie deshalb drei Dinge tun:

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  • den tatsächlichen Bedarf abwägen
  • den Mehrwert bewerten
  • Chancen und Gefahren erkennen

Große Informationsdefizite

Wie etwa das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Thema Industrie 4.0 promotet, ist meiner Meinung nach schon faszinierend. Sehen Sie hierzu exemplarisch die "Bundestagsrede zu Industrie 4.0 und Smart Services" von Bundesministerin Prof. Dr. Johanna Wanka. Für alle, die nicht zehn Minuten ihres Lebens investieren wollen, sich diese Rede anzuhören, hier das komprimierte Fazit:

  • Es wird viel gesprochen, aber nichts gesagt
  • Hunderte Millionen Euro an Fördergeldern werden für unkonkrete Ziele eingesetzt

Meiner Meinung nach sollte dabei die entscheidende Frage lauten: Welchen Mehrwert soll diese 4. Industrielle Revolution bringen? Um diese grundlegende Frage zu beantworten, muss man zunächst eine andere stellen. Nämlich: Welches Problem soll Industrie 4.0 eigentlich lösen?

Wie viel Aufrüstung ist wirklich nötig?

Die Antwort erschließt sich in logischen Schritten:

  1. Vergessen Sie den Hype. Kramen Sie stattdessen den, in der Öffentlichkeit oft vernachlässigten, gesunden Menschenverstand hervor.
  2. Definieren Sie für Ihr Unternehmen folgende Punkte:
  • Brauchen wir wirklich eine Echtzeit-Computerisierung unserer gesamten Produktionsabläufe?
  • Ist es nötig das Internet dafür zu nutzen, dass externe Partner bis in unsere Produktion hineinsehen?
  • Reicht womöglich die Digitalisierung im Intranet vollkommen aus, um die eigenen Prozesse intern besser zu steuern?

Über BDE (Betriebsdatenerfassung) sind Unternehmen schon seit vielen Jahren mit ihren Maschinen z.B. direkt an den ERP-Systemen angeschlossen, und können so bspw. Prozesszeiten, -Parameter oder Störungen ermitteln. Maschinen haben die Möglichkeit, Störungen an die Hersteller zu melden, und können remote instandgesetzt werden. Auftragsdaten und Belege sind mittels EDI (electronic data interchange) in Echtzeit mit Kunden und Lieferanten austauschbar. All das ist seit langem ohne große Investitionen möglich.

Brauchen wir wirklich mehr Technologie und Komplexität, oder nutzen wir einfach zu wenig vom bereits Vorhandenen?

Wenig Problemlösung, viel Problemschaffung

Die oftmals dargestellte Vision der Industrie-4.0-Befürworter zeigt hingegen einen komplett vernetzten Betrieb, an dem Lieferanten und Kunden die Prozesse sowie die aktuellen Produktionsstände einsehen können. Doch löst das wirklich unsere Probleme? Oder schafft es nicht vielmehr neue?

Prof. Günther Schuh von der RWTH Aachen brachte nach Meinung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften e.V. "die Hoffnung der Ingenieure in Sachen Industrie 4.0 auf den Punkt", als er Ende 2014 in einem Workshop sinngemäß sagte: "Bislang weiß etwa ein Autohersteller nicht, ob die vom Zulieferer bestellten Teile auch tatsächlich pünktlich eintreffen. Der Grund: Der Zulieferer kann das selbst nicht zuverlässig bestimmen. Mit einer ständig durchanalysierten Linie (..). dürfte das der Vergangenheit angehören."

Ist das praxisbezogen? Eher nicht. Natürlich kann ein Lieferant auch mal in Lieferrückstand geraten. Doch gerade in der Automobilindustrie ist heute eine Liefertreue über 98% keine Seltenheit. Selbst ohne neue, größere Probleme aus der Welt der High-Tech, stünde der enorme Aufwand für die restlichen – ohnehin unerreichbaren – 2 % nicht in gesunder Relation zum Nutzen!

Wo ist der Mehrwert?

Wer bereits innerhalb einer Supply-Chain tätig ist und mit Materialbeschaffung und Produktion Erfahrung hat, sollte sich heute schon Gedanken machen, welches Problem er mit dem "Internet der Dinge" lösen möchte. Wir haben mit 5S, Lean, Six Sigma und TPS in der Produktion ausreichend erfolgreiche Methoden, welche viele Probleme lösen können, bei denen Industrie 4.0 als Heilsbringer angepriesen wird.

Mit mehr High-Tech hingegen potenzieren wir die Störanfälligkeit des Gesamtsystems. Mehr IT und Software = mehr Bugs, Updates und Upgrades, sowie steigende Kosten für die IT- und Produktions-Infrastruktur. Der erhoffte Mehrwert (Umsatz- oder Gewinnwachstum) bleibt oftmals trotz vorausgehender Investitions- und Amortisationsplanungen leider aus. Kommt Ihnen dies nicht auch bekannt vor?

Wenn Sie möchten, dass Ihr Unternehmen innerhalb kürzester Zeit echtes Wachstum erlebt, dann sollten Sie sich nicht nur damit beschäftigen, welche Methode und Technologie Sie zum Einsatz bringen wollen, sondern an welchem Prozess des Unternehmens Sie dies tun! Denn eines ist sicher: Mit der Technologie-Gießkanne durch das ganze Unternehmen zu marschieren und die neuen Methoden (konsequent) in allen Unternehmensbereichen zu implementieren ist fatal und wird nicht zum erhofften Erfolg führen. Aber ganz sicher Investitionen mit Folgekosten verursachen!

Technische Innovationen – Wann der Einsatz wirklich Sinn macht

Gestatten Sie mir eine Frage: Leben wir im High-Tech-Wahn von iPhones, iPads und den darin integrierten AssistentInnen – bei aller Erleichterung, die sie bieten – wirklich unbeschwerter? Natürlich können einzelne Tätigkeiten, wie Internetrecherche, Terminplanungen, Mails lesen, Flug- oder Hotelbuchungen durch Unterstützung der APPs effizienter gestaltet werden. Sind wir aber deshalb ganzheitlich effizienter geworden? Nüchtern betrachtet eher nicht, bedenkt man, dass wir dadurch nicht weniger Stress bzw. nicht viel mehr Zeit zur Verfügung haben.

Zurück zu Unternehmen: Technischer Fortschritt und moderne Systeme sind nur dann eine große Hilfe, wenn sie richtig eingesetzt werden. Deshalb gilt es, das Bewusstsein zu schärfen, um den tatsächlichen Nutzen kritisch zu hinterfragen:

  • Identifizieren Sie den Flaschenhals bzw. den Engpass in Ihrer GESAMT-Organisation.
  • Bewerten Sie Produktion oder Logistik-Prozess nicht ohne Kontext, sondern vom Kunden durch Ihre eigene Organisation bis hin zum Lieferanten zurück.
  • Treffen Sie auf Basis dessen die Entscheidung, ob eine Investition in Industrie 4.0 oder auch in andere technische Innovationen diesen Flaschenhals entlastet und für das gesamte Unternehmen einen Mehrwert erzielt.
  • Nur wenn Sie ganzheitlich und nicht nur lokal (in einem einzelnen Unternehmensbereich) ein Problem lösen, werden Sie innerhalb kürzester Zeit ein positives Ergebnis erhalten.
  • Und um Himmels Willen... Stellen Sie so oft Sie können folgende Frage: "Was bringt's?". Damit der gesunde Menschenverstand nicht wegen neumodischer Trends verkümmert!


Weitere Anregungen zur Schaffung von Mehrwert finden Sie in folgendem Video zur Impulsrede für das "Management Innovation Camp 2016" in Essen (29.01.2016):

Bisher gibt es 2 Kommentare
Ich stimme Ihrem Bericht vollkommen zu, vor allem der Frage: „Was bringt’s?“. Nichts desto trotzt sehe ich Industrie 4.0 noch ein wenig „bigger“ als es in 99% der Artikel beschrieben wird. Hier liest man meisten „nur“ was von -digitalisierter Produktion-, -kommunikation der Maschinen in der Fertigung-, -digitaliserter Supply-Chain- usw. Und wie Sie richtig geschrieben haben, haben wir das ja zum Teil bereits seit einigen Zeiten im Einsatz. Der Blick über den Tellerrad wäre ja zum einen eine Erhebung von Daten wie z.B. was mit einem Produkt nach der Auslieferung bzw. Gewährleistung bis zum Lebensende passiert oder welche Dienstleistung zu welcher Langzeitveränderung geführt hat und zum Anderen, das zusätzliche einbringen von tangierenden Daten und Trends und dessen sinnvolle Vernetzung um neue Geschäftsmodelle zu generieren. Ein Beispiel für die Datenerhebung nach der Auslieferung: Was macht mein Kunde mit meinem gekauften PKW. Verleiht er diesen? Vermietet er diesen? Baut er etwas Zusätzliches ein? Warum?. Und noch ein weiterführendes Beispiel zu tangierenden Daten / Trend für neue Geschäftsmodell: Möchte er den PKW auch als Hotelzimmer? Oder ins Handschuhfach eine Kochplatte? Oder sollte der PKW zusammenklappbar sein?
Meiner Meinung nach stecken die größten Chancen im Thema Industrie 4.0 darin, wenn man es schafft, Brachen-fremde Daten mit den eigenen zu verknüpfen um evtl. neue Geschäftsmodelle aus den absurdesten Kombinationen zu generieren.
Genau daraus sind bereits etliche Plattformen, die sich zwischen den Herstellern der Produkte und den Endkunden drängen (Airbnb, Uber, BalBlaCar usw.) entstanden.
vor 23 Wochen 4 Tagen Martin Kritzenberger
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Lieber Herr Kritzenberger,
Sie liegen vollkommen richtig damit, dass das Potential von I4.0 aktuell noch völlig unterschätzt wird. In Deutschland wird durch Verbände und Politik sehr stark auf Produktionsverfahren und Maschinenbau fokussiert.
Meiner Meinung nach liegt das auch am Ursprung mit der Bezeichnung "Industrie" in der 4. Evolutionsstufe. Daher fallen die Endprodukte und der Nutzen für die Konsumenten sehr leicht unter den Tisch. Tesla macht es aktuell vor mit "Das erste Auto der Welt, welches nach dem Kauf besser wird" durch Apps und Vernetzung wird das Internet für die Weiterentwicklung genutzt. So wurden bspw. Sicherheitsfeatures für Autonomes Fahren kurzerhand nach Missbrauch (Fahrer setzt sich auf den Rücksitz und lässt das Model S autonom im Straßenverkehr fahren - auf YouTube zu sehen) mittels Update eingespielt. Kein Schreiben an die Kunden, kein Termin in der Werkstatt - nur die Meldung: "Wir haben gerade Ihr Auto sicherer gemacht."
Das Potential ist enorm - aber ich werde nicht Müde immer wieder daran zu erinnern, bei jeder neuen Idee die Frage zu stellen: "Was macht das für einen Sinn, und hat der Kunde wirklich einen Mehrwert dadurch?" So kann sichergestellt werden, dass man keinen Hype folgt, sondern wirklichen Nutzen stiftet.
Ihr Fuat Akar
www.prozessreich.de
vor 15 Wochen 3 Tagen mail@prozessreich.de
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