Wie bewertet der andere das Problem?

Mit der Bahnsteigfrage Klarheit in Gesprächen erreichen

Diskussionen, Missverständnisse und fehlender Konsens: Allzu oft entwickelt sich ein Gespräch ganz anders, als wir es erwartet haben. Grund ist, dass wir irrtümlich davon ausgehen, unser Gesprächspartner würde ein Problem genauso sehen wie wir selbst. Gero Lomnitz zeigt Ihnen, wie Sie mit der "Bahnsteigfrage" solche Missverständnisse vermeiden.

In schwierigen Gesprächen mit Projektmitarbeitern kann es leicht zu Missverständnissen, nervenden Diskussionen oder sogar zum Streit kommen, weil zu Gesprächsbeginn nicht überprüft wird, ob beide Seiten die gleiche Sichtweise auf ein Problem haben. Denn allzu oft gehen wir unreflektiert genau davon aus – und liegen damit falsch, wie sich im Verlauf des Gesprächs herausstellt. Mit einer sehr einfachen Frage können Sie jedoch Missverständnisse und Spannungen vermeiden und schneller zum Ergebnis kommen. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie mit der sogenannten "Bahnsteigfrage" und Zahlen, Daten, Fakten (ZDF) in schwierigen Gesprächen schneller und gezielter zum Punkt kommen.

Bahnsteigfrage: Von welchen Annahmen gehe ich aus?

Wenn zwei Personen von Köln nach München im selben Zug reisen möchten, müssen sie sicher sein, dass sie auf demselben Bahnsteig stehen. Ansonsten könnte es passieren, dass der eine nach München, der andere aber irrtümlicherweise nach Düsseldorf fährt. Sie reisen ungewollt in verschiedene Richtungen – dumm gelaufen. Auf die Gesprächssituation übertragen ist die "Bahnsteigfrage" eine Filterfrage, um die Sichtweisen der Gesprächspartner zu Beginn abzugleichen. Sie kann verhindern, dass beide aneinander vorbeireden.

Beispiel

Ein Projektmitarbeiter, nennen wir ihn Robert, hat den vereinbarten Termin nicht eingehalten, was nicht zum ersten Mal vorgekommen ist. Die Verzögerung kann sich negativ auf das Projekt auswirken. Höchste Zeit für den Projektleiter, ein Gespräch mit Robert zu führen. Der Projektleiter schildert zu Beginn das Problem und fragt Robert dann direkt, welche Ursachen er für die Verzögerung sieht (Bild 1).

Bild 1: Ein Problem darzustellen und direkt nach den Ursachen zu fragen, erscheint logisch – die Logik basiert jedoch auf einem Denkfehler.

Wie bewertet der andere das Problem?

Das Problem darzustellen und dann nach den Ursachen zu fragen, erscheint logisch. Aber dieses Vorgehen basiert auf einer Annahme, die sich im Alltag als Fiktion erweisen kann. Sie lautet: "Robert weiß und akzeptiert, dass seine Unverbindlichkeit ein Problem für das Projekt darstellt". Doch woher weiß der Projektleiter, dass das stimmt? Woraus schließt er, dass die Zeitverzögerung für Robert ein Problem darstellt? Möglicherweise sieht Robert diese als ganz normal an und kann oder will die ganze Aufregung über solche Peanuts nicht verstehen?

Allzu oft gehen wir bei einem Problem in naiver Weise davon aus, der andere würde die eigene Sichtweise teilen. Dieser Denkfehler lässt sich durch die Bahnsteigfrage leicht vermeiden. In unserem Beispiel sollte der Projektleiter, statt direkt über die Ursachen für die Verzögerung zu sprechen, zunächst fragen, ob die Problembeschreibung für Robert nachvollziehbar ist und wie er das Problem bewertet (Bild 2).

Der Projektleiter erhält so Informationen über folgende Detailfragen:

  1. Kennt der andere das Problem überhaupt?
  2. Versteht er es?
  3. Wie bewertet er es?
  4. Sind die Sichtweisen kompatibel oder gibt es unterschiedliche Meinungen?

Mit den Antworten auf diese Fragen ist eine solide Grundlage für schwierige Gespräche geschaffen.

Bild 2: Die eingeschobene Bahnsteigfrage verhindert, dass beide

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