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Dec 2017
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Bürgerkompetenz Projektmanagement: schafft sich das Berufsbild ab?

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Blogparade zur PM Welt 2018:
"Projektleiter 2030 – längst abgeschafft oder Schaltzentrale der digitalen (Projekt-)Welt?"


Ziele definieren und mit gegebenen Mitteln erreichen, das muss ein Schüler schon können. Mitarbeiter vieler Unternehmen sollen zudem noch agil, schlank und selbstorganisiert arbeiten. Zwangsläufig, denn es drohen die bösen D's: Digitalisierung und Disruption! Was bedeutet es, wenn Berufseinsteiger wirklich schon die Grundlagen des Projektmanagements beherrschen? Was bedeutet es, wenn die Arbeit jedes Mitarbeiters projektorientiert gestaltet ist? Vielleicht dass es den Projektmanager als Berufsbild nicht mehr geben wird.

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Ist Projektifizierung schlimm?

"Mach es zu Deinem Projekt!" ist ein Slogan, mit dem ein Baumarkt vor einigen Jahren prominent Werbung gemacht hat. Gleichzeitig wird die sogenannte "Projektifizierung der Gesellschaft" beklagt. Mit diesem Begriff wird wie eine Krankheit beschrieben, dass inzwischen alles und jedes noch so kleine Vorhaben als "Projekt" bezeichnet wird.

Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Appell an die Heimwerker und dem gesellschaftlichen Phänomen besteht wohl kaum, dennoch weisen beide auf einen wichtigen Trend hin: Grundlagen des Projektmanagements etablieren sich als bürgerliche Alltagskompetenz.

Der Begriff "Projektifizierung" ist vielleicht zu Unrecht negativ belegt und könnte auch Ausdruck eines ganz normalen Wandels der Gesellschaft sein. Das Denken in abgegrenzten Vorhaben, Liefergegenständen und Verständnis für die klassischen Dimensionen des Projektmanagements – Zeit, Kosten, Leistung – wird Allgemeinwissen. Jeder ist schließlich Projektmanager seines eigenen Lebens.

Schüler als Projektmanager

Ferne Zukunftsvision? Keineswegs. Schon heute haben bayerische Elftklässler "P-Seminare" in ihrem Lehrplan, wobei "P" natürlich für Projekt steht. Kulturministerien und Bildungspolitiker haben erkannt, dass das Arbeiten in Projekten nicht nur Lehrmethode sein kann, sondern auch grundlegende Kompetenz des Schulabgängers sein muss. Das Magische Dreieck? Stakeholder und Risiken? Solche Begriffe gehören zum Standardvokabular zukünftiger Berufseinsteiger, in vielen Fällen ist es das schon heute.

Das kann die spätere Ausbildung im Projektmanagement grundlegend ändern. Hatten bisher Hochschulabgänger ihren ersten Kontakt mit Projektmanagement in einem Grundlagentraining, nachdem sie mehrere Jahre Fachkarriere gemacht haben, so sind jetzt immer mehr Berufseinsteiger Anfang Zwanzig schon auf einem soliden Basislevel im Projektmanagement, und das unabhängig davon, ob sie für eine Verwendung als Projektleiter designiert werden oder nicht. Diese Junior-Professionals in Unternehmen sind selbstbewusst und vorgebildet im Projektmanagement, sie kommen mit erster praktischer Erfahrung und nicht mehr als Einsteiger mit Bedarf für Begriffsdefinitionen.

Projektmanagement ist in den Schulen angekommen

Bild 1: Projektmanagement ist in den Schulen und Hochschulen angekommen. Immer mehr Berufsanfänger beherrschen Grundlagen des Projektmanagements und haben schon erste Erfahrungen darin gesammelt.

Der Ausbildungsbedarf von Unternehmen ändert sich

Auch Unternehmen stellen ihre Ausbildungskonzepte gründlich auf den Prüfstand: Wie lange darf eine Ausbildung für Projektmanager dauern? Welche Inhalte sind überhaupt wichtig? Was muss der Teilnehmer im Kurs lernen und was kann er bei Bedarf im Internet besser finden? Und müssen PM-Trainings immer ganze Tage lang dauern oder geht das nicht auch per E-Learning?

Zusammen mit dem brachialen Streben vieler Unternehmen nach – wie auch immer gearteter – Agilität kann dieser Trend sich noch viel radikaler auswirken: Einen voll ausgebildeten und zertifizierten Projektmanager braucht vielleicht niemand mehr. Projektmanagement ist schließlich auf dem Weg zur allgemeinen Bürgerkompetenz. Was ein Mitarbeiter für seine Aufgaben gerade benötigt, kann modular und individuell nachgeschult werden.

Was sagt die Forschung?

Bei der Suche nach einem zeitgemäßen Modell für die Ausbildung im Projektmanagement könnte nun die Forschung helfen: Welche Form und welche Dauer machen Sinn? Welche Voraussetzungen braucht ein Teilnehmer, was sind die Erfolgsfaktoren für PM-Ausbildung und wie können sie gemessen werden? Doch leider ist die Evidenz zur Didaktik und sogar zum Nutzen von PM-Training sehr dünn. Nur wenige Studien beschäftigen sich überhaupt mit solchen Fragen.

Kanadische Forscher haben mit einer recht kleinen und sicher nicht repräsentativen Studie drei Bereiche herausgearbeitet, die für die Ausbildung im Projektmanagement zukünftig stärker berücksichtigt werden müssen

  • Kritisches Denken für den Umgang mit Komplexität
  • Weiche Parameter des Projektmanagements, besonders interpersonelle Skills und Leadership im Gegensatz zu bloß technischen Skills
  • Vorbereitung von Projektmanagern um im Umfeld von realen Projekten zu arbeiten

Die Aussage ist dabei nicht, dass technische Kompetenzen des Projektmanagements (z.B. Methoden für Planung, Überwachung, Steuerung) überflüssig werden. Die Autoren zeigen aber Dimensionen auf, in denen das Training von Projektmanagern weiterentwickelt werden muss – doch dabei scheint es sich um allgemeine Führungskompetenzen zu handeln und keine, die spezifisch der Domäne der Projektmanagementlehre zugerechnet werden können.

Die Rolle der Schulen und Hochschulen

Wenn Schulen und Universitäten heute auch Ausbildung im Projektmanagement anbieten, drängen sie damit nicht in einen neuen Markt, werden vielmehr schlicht ihrer berufsvorbereitenden Aufgaben gerecht. Eine Lücke, die bisher Unternehmen auf eigene Kosten schlossen.

Heute sind Hochschulen ein ernstzunehmender Sektor für Ausbildung im Projektmanagement. Das bringt die Wahl, ob man ein Zertifikat der großen Fachgesellschaften anstrebt oder gleich einen Master in Projektmanagement macht? Die Auswahl dieser Studienangebote ist inzwischen unüberschaubar.

Während Schulen die Notwendigkeit von Projektmanagement als Arbeitsmethode und explizitem Unterrichtsinhalt lange gar nicht gesehen haben, entstand an Universitäten ein Wildwuchs an Lehrangeboten. Dafür mitverantwortlich sind wohl zwei Merkmale der deutschen Hochschullandschaft, die eigentlich Garanten für deren Qualität sein sollten: Einerseits die Freiheit der Lehre und andererseits der Zwang zu hoher Fachspezialisierung während einer akademischen Karriere.

Erstere führt dazu, dass es einem Hochschullehrer überlassen bleibt, wie er seine Vorlesung gestaltet und mit welchen Inhalten er den grob vorgegebenen Rahmen für sein Lehrfach füllt. Zudem erfordern die akademischen Karrierepfade bis zur Professur eine tiefgehende Konzentration auf sehr spezifische Fachthemen. Das steht meistens im Gegensatz zum generalistischen und interdisziplinären Ansatz des Projektmanagements.

Häufig entsteht so auch eine massive Latenz zwischen praktischer Erfahrung und Lehrtätigkeit. Planungstechniken können zwar noch theoretisch erschlossen und vermittelt werden, Führungskompetenzen lassen sich jedoch nur durch Erfahrungen entwickeln. Diese konzeptionelle Herausforderung an Lehre und Lehrpersonal haben Hochschulen ebenso wie Schulen.

Wildwuchs an den Hochschulen in der Projektmanagementlehre

Bild 2: An Hochschulen herrscht noch Wildwuchs in der Projektmanagementlehre.

Die Rolle der Fachgesellschaften

An den Fachgesellschaften für Projektmanagement gehen diese Entwicklungen ebenfalls nicht spurlos vorüber. Die Zeiten, in denen sie ihr Profil in der Rolle als Hüter der Methodenlehre und Terminologie, Buchvertriebe oder als Prüfinstitute prägen konnten, sind vorbei.

Heute müssen sie ihren Zweck, den Auftrag und die Wirkungsfelder weiterdenken, um gesellschaftlich relevant und attraktiv für Mitglieder zu sein. Ihre Zielgruppe können nicht mehr nur Projektmanager im engeren Sinn sein. Auch bei den Inhalten geht es nun darum, Antworten für "Management in und um Projekte" zu liefern.

Darin liegt ein feiner Unterschied: Die Betonung der Wortkomposition "Projektmanagement" geht von Projekt auf Management. So löst sich manche gedankliche Beschränkung auf die Abwicklung von Einzelvorhaben, die nicht mehr zeitgemäß ist. Vielfalt, Andersartigkeit und Gegensätzlichkeit sind Kennzeichen moderner Projekte, diese müssen auch die Fachgesellschaften auszeichnen.

Die Politik sagt: Projektmanagement für alle!

Die Gesellschaft projektifiziert sich und das ist auch gut so – jedenfalls wenn damit eine Professionalisierung einhergeht. Aber muss denn wirklich jeder Bürger Projektmanagement können? Oder geht die Forderung vielleicht zu weit?

Bereits 2006 formulierten Europaparlament und Rat dazu eine klare Antwort, indem sie acht Schlüsselkompetenzen als Europäischen Referenzrahmen definierten, an dem sich die Mitgliedstaaten bei den Zielen der Grund- und Ausbildung junger Menschen orientieren sollen. Fähigkeiten, die alle Schulabgänger in Europa haben sollen. Neben mathematischen Grundkenntnissen, Sprach-, Sozial und Computerkompetenz findet sich dort auch Projektmanagement:

"An Fähigkeiten gefordert ist aktives Projektmanagement (wozu beispielsweise die Fähigkeit zur Planung und Organisation, zum Management, zur Führung und Delegation, Analyse, Kommunikation, Einsatzbesprechung, Beurteilung und Aufzeichnung gehört), erfolgreiches Auftreten und Verhandeln sowie die Fähigkeit, sowohl eigenständig als auch im Team zu arbeiten." (Empfehlung des Europäischen Parlamentes und des Rates 2006/962/EG)

Warum beschäftigt sich das Europaparlament überhaupt mit Projektmanagement? Vielleicht weil aus größerer Flughöhe eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung sichtbar wird, denn "Schlüsselkompetenzen sind diejenigen Kompetenzen, die alle Menschen für ihre persönliche Entfaltung, soziale Integration, Bürgersinn und Beschäftigung benötigen (...), da jede von ihnen zu einem erfolgreichen Leben in einer Wissensgesellschaft beitragen kann." (ebenda)

Abschaffung eines Berufsbilds?

Projektmanagement ist eine junge Disziplin, kaum 100 Jahre ist es her, dass in den Produktionshallen des Nordostens der USA die grundlegenden Planungs- und Führungskonzepte entwickelt wurden, die heute das "klassische" Projektmanagement kennzeichnen.

Vor etwa 60 Jahren keimten neue Ansätze an Fließbändern in Japan, von denen wir viele heute als "agil" wiederfinden. Vor 40 Jahren wurde die Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement gegründet. Und heute, 98 Jahre nach dem Tod von Henry Gantt, sehen wir eine Disziplin, die sich ständig neu erfindet und professionalisiert.

Schafft sich der Projektmanager nun wirklich ab? Nein, sicher nicht. Projektmanagement ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und in der Herzkammer der Wirtschaft. Dort wird es aufgesogen, absorbiert und rasant weiterentwickelt.

Schneller als alte Strukturen, Denkmuster, Rollenmodelle, Ausbildungskonzepte und Organisationen gerade darauf reagieren können. Doch im Kern geht es immer um Kreativität, Verstand, Mut und die Fähigkeit, neue Ideen zu realisieren und Bestehendes zu verbessern. Diese Kompetenzen sind heute wertvoller denn je. Trotz – oder gerade wegen der beiden D's.

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