12
Sep 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Großbauprojekte – kann das wirklich nur die Schweiz?

BER – Wiener Krankenhaus Nord – Gotthard-Basistunnel: Beim Blick auf derzeitige Prestigebauprojekte entsteht der Eindruck, dass die Schweizer den Nachbarstaaten der DACH-Region in Sachen Bauplanung und Projektmanagement einen Schritt voraus sind.

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Rund um den Bau des BER Flughafens in Berlin ist es momentan eher ruhig – erst im Oktober sollen laut Berliner Tagesspiegel wichtige Genehmigungen erteilt werden, die endgültig darüber Aufschluss geben, ob der geplante Eröffnungstermin im Juni 2017 gehalten werden kann.

Prestigeverlust 1: Flughafen BER

Ein kleiner Rückblick auf das skandalgeprägte Großprojekt: 2006 setzte man in der deutschen Hauptstadt den Spatenstich für den "modernsten Flughafen Europas", der ursprünglich 2011 eröffnet werden sollte. Die offiziellen Projektkosten stiegen seit Baubeginn von 2 Milliarden Euro auf 5,4 Milliarden Euro. Aktuell liegt das Milliardenprojekt scheinbar auf Kurs: Anfang August hatte die Europäische Kommission das Finanzierungspaket der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) abgesegnet (Pressemitteilung der FBB).

Prestigeverlust 2: Wiener Hightech-Krankenhaus

Kaum läuft's in Berlin nach Plan, wartet die österreichische Hauptstadt mit einem Projektskandal auf: Das Prestigeprojekt "Krankenhaus Nord" in Wien scheint aktuell (mal wieder) nicht ganz rund zu laufen, wie das Internetportal DiePresse.com berichtet. Das sich im Bau befindliche Hightech-Krankenhaus, das zum "modernsten Hightech-Spital Europas" werden soll, macht aktuell Schlagzeilen, weil für die moderne Haustechnik nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung stehe. Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) habe die Einschulung des technischen Personals verschlafen. Da der Normalbetrieb des Krankenhaus Nord bereits Ende 2017 aufgenommen werden soll, sei es für die entsprechenden Schulungen bereits zu spät. Der Einsatz von externem Technikpersonal dürfte die Projektkosten nochmals in die Höhe schrauben. Der KAV dementiert diese Meldungen.

Das fehlende Technikpersonal ist nicht die einzige Turbulenz des Großbauprojekts. Erst im Februar 2016 wurde die Projektsteuerung abgelöst – für ein Krankenhaus, das ursprünglich bereits 2012 in Teilbetrieb hätte gehen sollen und laut DiePresse.com über die Jahre hinweg Kostensteigerungen von bislang ca. 25% aufwies. Die Projektkosten bezifferte der KAV im Februar auf rund eine Milliarde Euro.

Ich frage mich, worauf diese stetigen Verzögerungen und Kostensteigerungen nicht nur bei den beiden angesprochenen Großprojekten zurückzuführen sind.

Zauberformel "Erst planen, dann bauen" als Schlüssel zum Erfolg

Ein Beitrag im Projekt Magazin, der den Endbericht der Reformkommission "Großprojekte" des Bundes unter die Lupe nimmt, nennt eine frühzeitige, fundierte und detaillierte Projektplanung mit Risikomanagement sowie konstantes Projektcontrolling als entscheidende Faktoren für einen Projekterfolg.

In diesem Beitrag bringt Klaus Grewe, Senior Project Manager, der als Projektkoordinator der Olympischen Spiele 2012 in London bekannt wurde, den Leitspruch der Reformkommission "Erst planen, dann bauen" folgendermaßen auf den Punkt: "Es muss sich nur das Denken etablieren, dass ein Teil der Kosten, die durch unnötige Verlängerungen und Störungen von Projekten bei mangelnder Planung entstehen, bereits in die Planung gesteckt werden. Es muss die Bereitschaft herrschen, wesentlich mehr Geld für die Planung zu investieren, auch wenn das "teure" Ergebnis einen Abbruch des Projekts ergibt."

Wie es mir scheint, wurde dieses Denken beim Baubeginn des BER so nicht angewandt. Mit einer Projektplanung, die z.B. in den Projektkosten auch ein explizites Risikobudget enthält, hätte der Flughafenbau wohl exakter kalkuliert und überraschende Kostensteigerungen zumindest deutlich abgemindert werden können.

Prestigegewinn: Die Schweiz zeigt wie's geht

Dass erfolgreiches Projektmanagement bei Großbauprojekten durchaus möglich ist, haben die Schweizer bewiesen. Beim Bau des Gotthard-Basistunnel tauchten keine Skandale auf. Im Gegenteil, das Megaprojekt liegt mit den Projektkosten von gut 12 Milliarden Franken zwar klar über der prognostizierten Summe von rund 8 Milliarden Franken und es gab auch Bauverzögerungen, aber die Schweizer konnten rasch gegensteuern. Das lag laut tagesschau.de u.a. daran, dass es in allen Bauphasen große Transparenz und strenge öffentliche Kontrolle durch einen Parlamentsausschuss gab. So blieben die Kosten seit 2008 im Plan. Nach einer Verzögerung durch im Jahr 2007 nötig gewordene Änderungen konnten die Beteiligten den neu anvisierten Endtermin 2017 sogar um ein Jahr unterbieten.

Was denken Sie können wir in Deutschland von den Schweizern in Sachen Bauprojektmanagement noch lernen? Ist ein strikteres Projekt-Controlling der richtige Weg oder halten Sie bereits die Projektplanung für unzureichend?

Und natürlich: Inwiefern können solche Maßnahmen dazu beitragen, dass die in Schieflage geratenen Prestigeprojekte wie der BER und das Wiener Krankenhaus Nord doch noch in diesem Jahrzehnt erfolgreich abgeschlossen werden können?

Quellen und weiterführende Informationen:

Bericht in "Der Tagesspiegel"; Pressemitteilung der FBB; Bericht in DiePresse.com; Bericht auf tagesschau.de

Bisher gibt es 1 Kommentar
Das ist soweit wohl richtig, aber ein weiterer Aspekt sollte nicht außer Acht gelassen werden: Durch die Beteiligungsdemokratie der Schweiz müssen Großprojekte sorgfältig vorgeplant und plausibel erläutert werden. Die Entscheidungsphase dauert dadurch zwar länger, aber so erst entsteht die so wichtige Transparenz und in der Umsetzungsphase geht es dann zügig voran. Denn das beste Projektmanagement nützt herzlich wenig, wenn die Rahmenbedingungen von vornherein nicht stimmen.
vor 1 Woche 1 Tag Hartmut Baden
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