Projektmanagement in der Wirtschaftsinformatik

Informationen zum Buch
Projektmanagement in der Wirtschaftsinformatik
Autor: Jenny, Bruno
ISBN: 3728127914
Verlag: vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich
Jahr: 2001
Ort: Zürich
Seitenanzahl: 576 Seiten
Medienart: geb.
Preis: 49,90 €
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Rezension von Dr. Georg Angermeier

Für eilige LeserInnen: Das Buch ist fast wie ein "Schweizer Taschenmesser" für Projektmanagement. Im Prinzip kommt man damit durch alle Projekte.

"Projektmanagement in der Wirtschaftsinformatik" von Bruno Jenny ist in der Schweiz quasi das Standardwerk über Projektmanagement für Informatiker. Dabei gibt sich der Titel fast zu bescheiden: Die Darstellung von Projektmanagement ist auch außerhalb der Wirtschaftsinformatik gültig. Gedankengang und Beispiele sind natürlich vollständig auf das Projektmanagement von elektronischen Informationssystemen ausgerichtet. Es ist damit sehr spezifisch für EDV-Projekte, aber insofern nicht branchenspezifisch, als Informationstechnologie überall eine immer größer werdende Rolle spielt.

Gerade vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass sich das Buch durch eine sehr hohe Treue zu den gültigen Normen im Projektmanagement auszeichnet - sowohl in der Begrifflichkeit als auch im Aufbau. Informatiker, die ihr Projektmanagement-Wissen aus Jennys Darstellung beziehen, werden sich mit Projektmanagern aller Branchen problemlos verständigen können.

Besonders angenehm ist in diesem Zusammenhang auch der sehr sorgfältige Umgang mit der Sprache und das Bemühen des Autors, dem Informatiker-Slang entgegenzuwirken - beispielsweise schreibt er stets von "Anwendern" und nie von "Usern". An solchen Feinheiten wird sehr schnell deutlich, dass der Autor seine Projekterfahrung nicht im modernen Elfenbeinturm (d.h. vor dem Monitor) erworben hat. Stil, Gedankengang, Schwerpunktsetzung und Beispiele sind geprägt von der langjährigen Tätigkeit des Autors als Geschäftsführer der SPOL AG, in der er für Versicherungen, Banken und die Öffentliche Hand Projekte durchführt. Die didaktische Qualität des Buchs stammt von seinem Engagement als Dozent und Prüfer an diversen Bildungsstätten.

Genug allgemeines, was steht nun wirklich drin?

Das Buch besteht aus vier Teilen, dem ersten Kapitel mit den systemtheoretischen Grundlagen, den Kapiteln 3 bis 5 mit der Darstellung des "eigentlichen" Projektmangements, dem Kapitel 6 mit dem Projektablauf und dem Anhang mit einigen ergänzenden Kurzdarstellungen.

Im ersten Kapitel beschreibt Jenny die theoretischen Grundlagen des Projektmanagement, zunächst Systemtheorie und Kybernetik, anschließend sehr ausführlich sein Konzept des "Informationssystem-Management". Im wesentlichen geht es dabei um den 4. Produktionsfaktor "Information", dessen Einbettung in das Unternehmen und die daraus resultierenden Konsequenzen für IT-Projekte.

Der Autor legt dieses Kapitel den Lesern besonders ans Herz, da es die Grundlagen für das Verständnis der weiteren Kapitel legt. Das ist durchaus richtig, aber vor allem Einsteigern wird sich die fundierte, aber doch abstrakte Darstellung nur schwer erschließen. Wer gerade die ersten Schritte im Projektmanagement macht, dem rate ich, das erste Kapitel zunächst nur zu überfliegen, aber immer wieder zu ihm zurückzukehren und es abschnittsweise auf dem Hintergrund der wachsenden Erfahrung intensiver durchzuarbeiten.

Projektmanagement-Profis (d.h. wer weiß, dass Projektmanagement beständiges Lernen bedeutet) empfehle ich dieses Buch in erster Linie wegen dieses Kapitels. Bruno Jenny präsentiert in ihm eine konsistente Darstellung des Projektmanagement aus der Sicht des Informatikers ohne Scheuklappen persönlicher Vorlieben oder branchenspezifischer Einschränkungen. Er leistet damit einen äußerst wertvollen Diskussionsbeitrag für die Frage nach dem Wesen des Projektmanagement, den man kennen sollte, auch wenn man ihm nicht immer zustimmt. Ich für meinen Teil halte z.B. die Darstellung des "sozio-technischen Regelkreismodells" für problematisch, da es die Reduktion von Führung auf schematische Abläufe suggerieren könnte.

In den folgenden 350 Seiten folgt ein Gewaltmarsch durch alle Themen des PM. Der Autor handelt von der Projektorganisation über Planen, Steuern, Überwachen bis hin zur Führung im Projektmanagement alles ab, was man gemeinhin unter "Projektmanagement" versteht. Durch die weitgehend vollständige, leider manchmal knappe Darstellung erhält das Buch den Charakter des Nachschlagewerks, in dem man alles findet und abklären kann, wo man vertieften Informationsbedarf hat. Die zahlreichen Literaturverweise helfen einem in diesem Fall. Dabei gibt es keine Oberflächlichkeiten, vielmehr merkt man immer wieder, dass der Autor gerne mehr geschrieben hätte, wenn es denn die Seitenzahl (resp. der Verlag) zugelassen hätte. Das Buch erhält dadurch eine selten anzutreffende Informationsdichte, kaum Redundanzen, verlangt aber nach voller Konzentration des Lesers.

Vor diesem Hintergrund erscheint es fast müßig auf fehlende Themen hinzuweisen. So wäre es schön gewesen, Hinweise und Einschätzung über Critical Chain, leichtgewichtige bzw. agile Prozesse und natürlich über Earned Value Management zu erhalten. Auch fehlt bei der - sehr guten - Darstellung von Vorgehensmodellen die Erwähnung von Hermes, V-Modell oder PRINCE 2. Aber irgendwo müssen Systemgrenzen gezogen werden und die waren leider bei Seite 549 erreicht.

Mir persönlich hat die Beschreibung der Projektmanagement-Techniken besonders gefallen, während mir das Kapitel "Projektführung" ein wenig zu emotionslos vorkam. Aber darüber muss sich jeder sein eigenes Urteil bilden.

Kommen wir zum letzten Kapitel des Buchs, das mit "Projektabwicklungs-Zyklus" überschrieben ist. Hier kann ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass auch "Projektabwicklung" oder "Projektablauf" genügt hätte, schließlich durchläuft man jedes Projekt nur einmal und nicht wie Sisyphos zyklisch immer wieder von vorn. Das war auch schon meine ganze Kritik daran, besonderes Lob gilt der ausführlichen Behandlung des Projektabschlusses. Obwohl das Kapitel am Schluss steht, empfehle ich Einsteigern, es als erstes zu lesen. Man erhält damit einen konkreten Eindruck davon, warum es beim Projektmanagement "überhaupt geht" und erhält vor allem das gute Gefühl der Orientierung in dem sehr umfangreichen Buch.

Der Anhang ist meiner Meinung nach wegen der Darstellung der systemischen Zieldefinition erwähnenswert. Mit dem "Systemwürfel" konnte ich nicht so viel anfangen und die Ablaufbeschreibung der Risikoanalyse bleibt ein wenig zusammenhanglos (wie sieht projektbegleitendes Risikomanagement aus?).

Definitionen, Abkürzungsverzeichnis, Literaturverzeichnis und ein gutes Stichwortverzeichnis demonstrieren, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch seine Aufbereitung von höchster Qualität ist.

"Projektmanagement in der Wirtschaftsinformatik" ist ein anspruchsvolles Buch, das sich dem Leser erst nach und nach erschließt. Gerade dies macht es besonders wertvoll, da es den Projektmanager von den ersten Schritten bis zur Professionalität begleitet. Für ein großes Grundlagenwerk bietet es ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis


Verlagstext

In den Unternehmungen verstärken sich die Tendenzen zu spezifischen Problemlösungen, unternehmenssichernden Innovationsschüben, projektbezogenen Wartungsaufträgen etc. Dies führt dazu, dass mehr und mehr Arbeitsvolumen für Projektaufgaben anfallen, die nach dem modernen Ansatz der evolutionären Vorgehensmodelle abgewickelt werden müssen. Daher wird auch das Bestreben, kompetente Führungskräfte für komplexe Projektleiteraufgaben freizustellen, immer grösser. Was früher nebenbei erledigt wurde, wird mehr und mehr zu einer vollprofessionellen Funktion, ja sogar zu einem mit umfassenden Kenntnissen belegten Beruf.

Was muss der Projektleiter beherrschen? Wo sollten seine Stärken zum Ausdruck kommen? Wie geht er mit zwischenmenschlichen Konflikten, Problemen oder Unstimmigkeiten um? Welches sind die Kommunikationsmittel, die er verwendet, um das Verständnis des Managements wie auch der Benutzerinnen und Benutzer zu fördern?

Neben der klassischen Abhandlung der Projektführungsthemen schafft dieses Buch den managementmässigen Bezug zum evolutionären Entwicklungsmodell, zum neuzeitlich gestalteten Konfigurations- und Change-/Änderungsmanagement sowie zu den praxisbezogenen Kontrolltechniken, welche die Basis für eine erfolgreiche Projektabwicklung bilden.



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