08
Aug 2014
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Hat Projektmanagement etwas mit Zauberei zu tun?

Meine Antwort und wahrscheinlich die aller anderen, die professionell im Projektmanagement-Geschäft unterwegs sind: Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil: Projektmanagement ist ein System von rationalen Methoden und Vorgehensweisen, die jeder verstehen, erlernen und anwenden kann. Projektmanagement ist nicht Zauberei, sondern Wissenschaft.

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Dann bin ich aber bezüglich einer Antwort auf obige Frage vorübergehend irritiert gewesen. Die Irritation ging von einer Rückmeldung aus, die ich nach einem PM-Training für eine große deutsche Forschungseinrichtung (über 750 MA, zum großen Teil Wissenschaftler) erhalten habe. Die zuständige Personalentwicklerin und Teilnehmerin am Training begann ihre Rückmeldung mit dem Satz: "Für mich ist Projektmanagement hier entzaubert worden…"

Für einen, der in seinem Studium auch Philosophie im Nebenfach studiert hat und u.a. mit den Idealen der deutschen Aufklärung infiziert wurde, klingt das grundsätzlich gar nicht schlecht. Zu meinem Erstaunen war die Einschätzung der Teilnehmerin nicht einhellig positiv.

Projekte mit gesundem Menschenverstand

Die einen waren tendenziell enttäuscht, weil ihnen die Hoffnung genommen wurde, es gäbe die ultimative PM-Methode mit der alle Probleme in der Projektpraxis gelöst werden könnten. Anderen war ein Stein vom Herzen gefallen, sie sahen nicht mehr einen kaum zu bewältigenden Berg von Projektmanagement-Wissen vor sich, den sie erst überwinden müssten, bevor sie überhaupt erfolgreich Projekte stemmen könnten. Sie fühlten sich ermutigt, ihre "Projekte mit dem gesunden Menschenverstand anzugehen" (Zitat eines Seminarteilnehmers).

Die bei mir durch die unterschiedlichen Rückmeldungen ausgelöste Irritation verlangte Aufklärung: Was hat es denn mit "Zauberei" auf sich und was war der Hintergrund in diesem Unternehmen.

Die Anwendung geheimer Formeln

Wenn etwas entzaubert wurde, musste es vorher bewusst oder unbewusst als "Zauber" betrachtet worden sein. Zauberer mit ihrer Zauberei haben Konjunktur, wenn sich die Menschen in ihrer Lebens- und Arbeitswelt Bedingungen ausgesetzt fühlen, von denen sie glauben, diese nicht mehr (so einfach) beherrschen zu können. Dann sind Zauberer (Magier, Schamanen...) gefragt, die über vertieftes Wissen und über verborgene Zusammenhänge verfügen. Einem Zauberer wird zugeschrieben, geheime Formeln richtig anwenden zu können und dabei Effekte in der Welt zu erzielen, die die "normalen" Menschen nicht erreichen können.

M.E. passt das zu der Situation in dem beauftragenden Unternehmen (leider haben sich mir diese Zusammenhänge erst im Nachhinein erschlossen).

Hauptinitiatoren für das PM-Training waren eine junge Projektleiterin und deren Vorgesetzte aus der Rechtsabteilung. Die Projektleiterin war Anfängerin im Projektgeschäft, von Haus aus Juristin mit einem Hang zum eher formalen Denken und sicher keine begnadete Kommunikatorin und Gestalterin sozialer Beziehungen. Sie sollte Verantwortung für ein Großprojekt übernehmen und war gegen einen alternativen Projektleiter aus dem wissenschaftlichen Bereiche "durchgedrückt" worden. Bei dem Projektauftrag handelte es sich um eine sehr umfangreiche, mehr als 10 Jahre laufende Langzeitstudie. Das Projektumfeld war durch viele, ausgesprochen mächtige Stakeholder mit ganz unterschiedlichen Interessen geprägt.

Schon in der Vorphase waren die zu erwartenden Auseinandersetzungen zwischen den Projektbeteiligten überdeutlich spürbar. Die unausgesprochene Erwartung bestand jetzt darin, dass in einem PM-Training ein mächtiges Universal-Tool vermittelt wird, mit dem so viel "zwingende" (Zitat im Seminar) Klarheit in das Projekt gebracht wird, dass sich alle Beteiligten diesen Strukturen unterordnen müssen. Diese Hoffnung konnte ich mit meinem Projektmanagement-Training jedenfalls nicht erfüllen.

Was geht uns das an…?

Jetzt könnte man sagen, was haben wir als PM-Experten damit zu tun? Das ist das Problem der Leute, die an Zauberei glauben. Natürlich: Projektmanagement ist eher klare Methodik, sicher keine Zauberei. Aber ich erlebe immer wieder PM-Experten (und Gruppen von PM-Experten), bei denen es zum guten Ton gehört, sich mit möglichst elaborierter Norm-Begrifflichkeit und wissenschaftlich wirkenden Modellen zu positionieren, um Eindruck beim geneigten Publikum zu schinden.

Je weniger nachvollziehbar wissenschaftliche Methoden, Verfahren und Ergebnisse für den Nicht-Wissenschaftler (Nicht-Eingeweihten) sind, desto mehr nähern sie sich der Zauberei. Je mehr die Menschen der Wissenschaft in diesem Sinn zutrauen, desto mehr nähert es sich der Magie an. Nicht umsonst spricht man auch von der "Wissenschaftsgläubigkeit".

Auch im Projektmanagement wird meiner Meinung nach vieles komplizierter und aufwändiger "verkauft", als es sein muss. Dann besteht immer die Gefahr, dass es wie eine Zauberformel wirkt.

Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen

Ich hätte das vorher nie mit den Worten formuliert, aber es ist durchaus mein Anliegen, das Projektmanagement zu entzaubern – auch, wenn mich das vielleicht einen Folgeauftrag kostet. Bei der Vermittlung von PM-Kompetenz gilt für mich die alte Formel KISS: Keep it simple and smart.

Zum Abschluss noch ein tiefer Griff in die alte Studienkiste – Immanuel Kants Verständnis von Aufklärung richtet sich gegen "das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Hilfe eines anderen zu bedienen" und er fordert: "Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Ich denke, das kann man auch auf das PM-Geschäft übertragen.

Bisher gibt es 1 Kommentar
Sehr treffend, aber ich finde "Wissenschaft" für Projektmanagement, ja sogar für Programmmanagemnt zu hoch gegriffen, eher "solides Handwerk" angemessen. Wie dort gibt es Fertigkeiten, Werkzeuge und Wissen über den "Werkstoff". Und wie dort gibt es Lehrlinge, Gesellen und Meister - und manchmal auch Korypheen und Künstler. Aber es ist, hier wie dort, neben vielleicht etwas Begabung v.a. in den Social Skills, angesichts der großen Portion gesunden Menschenverstands, die oftmals schon den gordischen Knoten durchschlagen kann, in der Hauptsache eine Frage der Erfahrung im Umgang mit dem Handwerkszeug, das das Ergebnis und den Unterschied macht.
Und da liegt für mich auch die Hoffnung: Dass sich die für Projekte verantwortlichen Manager dieses einfachen Zusammenhangs und des großen daraus zu ziehenden Nutzens bewusst werden, statt sich der Mystik billiger, aber schlechter Projektmanager auszuliefern und an ein Schiksal oder Selbstheilung schlechter Projekte zu glauben. Dann hätte das sinnlose Geld-Verbrennen mal ein Ende...
vor 2 Jahre 2 Wochen Henning Zeumer
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