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May 2017
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Wie Russland sein Projektmanagement professionalisiert

Als Referent nahm ich kürzlich an der Internationalen Konferenz "Projektmanagement in der Staatlichen Verwaltung" in Uljanovsk teil. Die Auswahl der Redner und ihre Vorträge offenbarte ein hohes fachliches Niveau des Projektmanagements in Russland. Im Folgenden schildere ich Ihnen meine Eindrücke von der hoch professionell vorbereitet und durchgeführten Konferenz sowie meine Schlussfolgerungen daraus zum allgemeinen Stand des PM im Land.

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Meine Teilnahme an der Konferenz erfolgte im Rahmen der Partnerschaft zwischen der gastgebenden Corporate University Uljanovsk und der afw Wirtschaftsakademie Bad Harzburg (siehe Kasten für weitere Infos). Als mich der Geschäftsführer der afw, Axel Schaper fragte, ob ich die afw auf der Konferenz vertreten würde, musste ich nicht lange überlegen.

afw Bad Harzburg: Deutsches PM-Studium für russische Führungskräfte

Die afw Wirtschaftsakademie Bad Harzburg sieht ihre Aufgabe seit 1961 darin, Führungs- und Führungsnachwuchskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung mittels Fernstudiengängen und Seminaren mit modernen Methoden der Menschenführung und Betriebsorganisation vertraut zu machen.

Sie verfügt seit mehreren Jahren über gute Verbindungen zu einigen Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen in der Russischen Föderation und anderen osteuropäischen Staaten. Im Rahmen dieser Verbindungen wird seit 2015 über die Universität Uljanovsk das in Deutschland staatlich zugelassene Fernstudium "Projektmanager/in" für Führungs(nachwuchs)kräfte und Mitarbeiter aus Wirtschaft und Verwaltung der Region auf Russisch durchgeführt.

55 Teilnehmer absolvierten 2016 das Fernstudium in Uljanovsk, inklusive einem Fachseminar in Bad Harzburg sowie Konsultationen in deutschen Unternehmen. Für 2017 rechnet die Corporate University Uljanovsk mit ca. 100 Teinehmern. Neben dem Ausbau des Fernstudiums sind zusätzliche Seminare zu Führung und Organisation für das laufende Jahr bereits in der Planung.

Die Konferenz

Die Konferenz stand unter der Schirmherrschaft des Gouverneurs der Region, S. Morosov. In den Plenarbeiträgen der Konferenz wurden durch Vertreter staatlicher Einrichtungen, Universitäten und Projektoffices vor allem best practices des Projektmanagements in den verschiedenen Regionen und Ländern, Fragen der Zertifizierung sowie Schlussfolgerungen für langfristige Strategien behandelt. Die Auswahl der Vorträge und ihr Inhalt offenbarten sehr interessante Einblicke in das hohe fachliche Niveau und die Entwicklung des Projektmanagements in Russland. Vorbereitung und Durchführung der Konferenz erfolgten absolut professionell, begleitet von der bekannten russischen Gastfreundschaft.

Stadtansicht von Uljanowsk

Bild 1: Uljanowsk liegt an der Wolga und hat über 600.000 Einwohner. Es zählt zu den fünf erfolgreichsten Produktionsstandorten in Russland. Trotz Wirtschaftsflaute in Russland floriert die Region (für weitere Infos siehe www.regionen-russland.de)
© Berserkerus, via Wikimedia Commons

Staatliche PM-Offensive zeigt Wirkung

Mehrere Vorträge beschäftigten sich damit, wie die russische Regierung das Projektmanagement systematisch und vehement fördert. Zwei zentrale Maßnahmen möchte ich kurz vorstellen: Der Ministerpräsident Medvedyev erließ im vergangenen Oktober eine Verordnung zur Organisation des Projektmanagements. Gemäß dieser sollen Projektmanagement-Methoden und Instrumente im Rahmen der Modernisierung der staatlichen Verwaltung eingesetzt werden (Vorträge A. Pavlov, A. Schtschetin, eine Übersicht aller Beiträge finden Sie am Ende des Beitrags, die Redaktion)

Sowohl diese Verordnung, als auch das schon länger bestehende "Präsidentenprogramm zur Vorbereitung von Führungskadern" haben eine Welle von Qualifizierungsmaßnahmen in den Strukturen der öffentlichen Verwaltung ausgelöst. Die Konferenz zeigte, wie diese beiden Maßnahmen das staatliche Projektmanagement voranbringen, z.B. bei Großprojekten und dem Risikomanagement.

Nationales Normenwerk für PM

Russland verfügt über ein nationales Normenwerk für das Projektmanagement (Vortag J. Kim). Darüber hinaus erfolgen Zertifizierungen nach IPMA und PMI. Eine darin führende Organisation ist SOWNET (Vortrag A. Tovb). SOWNET veröffentlicht mehrmals im Jahr ein eigenes Journal mit Beiträgen zum Projektmanagement.

Mit dem Wettbewerb "ProjektOlymp" wurde ein Programm zur Bewertung und Auszeichnung für die Qualität von Projekten geschaffen. Mehrere Assessoren dieses Wettbewerbs referierten über die Ausrichtung und den Ablauf. Ich beobachtete mehrere Übereinstimmungen mit dem "Deutschen Project Excellence Award" der GPM Gesellschaft für Projektmanagement (siehe Award-Webseite). Eine zentrale Organisation veranstaltet jährlich einen Wettbewerb, für den sich Unternehmen mit besonderen Leistungen im Projektmanagement bewerben können. Die Bewertung erfolgt durch besonders qualifizierte Assessoren auf der Grundlage von Kriterien, denen Punkteskalen zugeordnet sind.

Agilität kein Fremdwort

Die beiden Master-Classes zeigten, dass der Einsatz von agilen Methoden in Studium und Praxis nachhaltig gefördert wird. Offensichtlich eröffnet die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung, z.B. durch rationelle IT-Strukturen, ein großes Betätigungsfeld für agile Verfahren.

Konferenzsaal im Lenin-Memorial Uljanovsk

Bild 2: Blick in den Konferenzsaal im "Lenin-Memorial" Uljanovsk. Mehr als 300 Vertreter von Unternehmen, staatlichen Verwaltungen und Organisationen nahmen an der zweitägigen Konferenz teil.
© Peter Ozegowski

Ein Schwerpunktthema stellte die Organisation von Großprojekten auf regionaler und kommunaler Ebene über Portfolio- und Programmmanagement sowie Projekt Offices dar: Insgesamt drei Beiträge (A. Lyakin, Stadt Moskau, J. Schalajeva, Projekte für Regierungsorgane und D. Duisenovna, Staatlicher Sektor Kasachstans) beschäftigten sich vornehmlich mit der politischen, wirtschaftlichen und sozial-ökonomischen Zielsetzung der Projekte sowie deren Bewertung.

Die große Bedeutung eines Risikomanagements würdigten mehrere Referenten. Besonders anschaulich gelang dies dem Franzosen Vincent Morchain, der das Risikomanagement für ein Projekt zur Lizenzvergabe für die Lkw-Produktion über dessen gesamte Lebenszeit darstellte.

Das Interesse der Teilnehmer für meinen Vortrag hat mich gefreut. Die Tatsache, dass ich als Botschafter einer Partner-Institution kam, wird daran sicherlich Anteil gehabt haben. Aber auch mein Thema, die Anforderungen an die Menschen im Projektmanagement, ihre Führung und Ausbildung unter den Bedingungen der Weiterentwicklung des Projektmanagements, traf offenbar einen Nerv. Kein Wunder: Vier von fünf Führungskräften in Russland sehen in mangelnder Qualifizierung der Kader das größte Risiko für erfolgreiche Projekte (so J. Kim in seinem Vortrag).

Offen für Neues & Experimente

Die Berichte der Referenten verdeutlichten nachdrücklich, dass Wirtschaft und Verwaltung von der auf höchster Ebene angestoßenen Professionalisierung des Projektmanagements profitieren. Die russischen Projektmanager beschränken sich dabei nicht nur auf das klassische Projektmanagement, sondern arbeiten intensiv daran, Ihre Vorgehensweise um neue Methoden und agile Verfahren zu ergänzen.

Wann und wie die vielen interessanten Vorhaben zur Entwicklung des Projektmanagements sich im Widerstreit mit den immer noch verfestigten hierarchischen Strukturen in Russland durchsetzen werden, bleibt ein spannender Prozess. Meine Zuversicht für dessen Erfolg gründet sich vor allem auf die sichtbare Entwicklung einer jungen, dynamischen Generation von Fachleuten, die mit ihrem Wissensdurst und ihrer Aktivität den Prozess vorantreiben wird.

Was mich auch bewegte, war die hohe Erwartungshaltung meiner russischen Partner für alles, was "made in germany" ist. Die bevorzugte Niederlassung deutscher Unternehmen, aber vielleicht auch historisch kulturelle Verbindungen (Stichwort Wolgadeutsche) unterstützen dieses Interesse.

Allerdings ist Deutsch als erste Fremdsprache an den Schulen seit einiger Zeit vom Englisch verdrängt. Fachliteratur wird in englischer Sprache angeboten. Ein Online-Fachmagazin von der Qualität des Projekt Magazins gibt es nach meiner Kenntnis im russischen Sprachraum nicht. Das Bestreben für Weiterbildung und Zertifizierung im internationalen Projektmanagement ist hoch. Dabei stehen IPMA, PMI, und PRINCE2 im Wettbewerb.

Mein Fazit: Der Besuch der Konferenz hat uns bestärkt und geholfen, weitere Schritte zur Entwicklung der Zusammenarbeit mit der Corporate University Uljanovsk im Rahmen des Fernstudiums der afw Bad Harzburg zu unternehmen. Es wird sich für alle Beteiligten lohnen.

Programm der Konferenz "Projektmanagement in der Staatlichen Verwaltung" in Uljanovsk

Vorträge

  • Andrey Lyakin, Leiter des Projektbüros für Wirtschaftspolitik und Entwicklung der Stadt Moskau
    Thema: "Projektbüros in staatlichen und kommunalen Behörden"
  • Dinara Duisenovna, Dekanin der Hochschule für Staatspolitik und Recht Almati, Kasachstan
    Thema: "Projektmanagement im staatlichen Sektor Kasachstans"
  • Alexander Tovb, Vorstandsvorsitzender der Assoziation des Projektmanagements SOWNET, Vertreter Russlands in der IPMA, Moskau; Andrey Schtschetin, Expertenrat der Assoziation SOWNET, Gruppe Sberbank, Block Informationstechnologien, Moskau
    Thema: "Nationale Fachstandards und Zertifizierung im Bereich des Projektmanagements. Verfahrensweisen. Praxis. Ziele"
  • Juriy Kim, Generaldirektor der autonomen nichtkommerziellen Organisation "Bewertungs- und Entwicklungszentrums für Projektmanagement", Mitglied der AG für russische Standards des Projektmanagements, Moskau
    Thema: "Prinzipien zur Zertifizierung im Bereich Projektmanagement"
  • Alexander Kaltykov, Vizepräsident SOVNET, Vorsitzender des Expertenrats der Industrie- und Handelskammer Woronesh
    Thema: "Was muss man unbedingt tun, um genau fehl am Ort zu sein. Typische Fehler im Projektmanagement aus Sicht erfahrener Fachleute"
  • Wladimir Lieberson, Vizepräsident für spezielle Projekte, Gründer und Vorstandsmitglied der Abteilung Moskau des "Project Management Institut", Autor von "Grundlagen des Projektmanagements" und mehr als 100 Publikationen in Russland und USA
    Thema: "Optimierung des Portfolios bei Investitionsprojekten"
  • Vincent Morchain, Vizepräsident der GmbH RenoTraksWostok, Projektleiter, Berater für Business und Projektmanagement, Frankreich
    Thema: "Bewertung und Management von Risiken über den gesamten Lebenszyklus eines Projekts"
  • Peter Ozegowski, Berater der afw Wirtschaftsakademie Bad Harzburg für Qualifizierung von Führungskräften und Projektmanagement, Autor des Fernstudiums "Projektmanagement"
    Thema: "Aspekte der Entwicklung des Projektmanagements. Anforderungen an Führung und Ausbildung"
  • Julia Schalajeva, Kommerzielle Direktorin der Company Advanta Consulting
    Thema: "Projektmanagement für Regierungsorgane"
  • Alexander Pavlov, Leiter der Schule für Projektmanagement (Moskau), Dozent der Akademie für Wirtschaft und Staatsdienst Russland beim Präsidenten der Russischen Föderation, Mitautor der Nationalen Standards der RF für Projekt-, Programm- und Portfoliomanagement
    Thema: "Innovationsmanagement im Projektmanagement"

Master Classes

  • "Systeme und Methoden des Projektmanagements"
    Leitung: Artemiy Anzupov, Leiter der Einführung des Projektmanagement bei der Regierung des Leningrader Gebietes, Zertifizierter Berater für die Einführung agiler Methoden im Projektmanagement
  • "Grundlegende Instrumente des Projektmanagement in staatlichen Organisationen"
    Leitung: Julia Polischtschuk

Die Symposien der Master Classes wurden moderiert durch Wladimir Lieberson.

Die Folien der wichtigsten Beiträge finden Sie hier.

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