Eine Kraft, die stets Gutes will, doch Böses schafft

Zur (Un)Kultur angetrieben: Wie Sie falsche Motivatoren erkennen & entmachten

Die Antreiber, falsche Motivatoren, wirken nicht nur in jedem einzelnen von uns, sondern prägen auch so manche Unternehmenskultur – der Begriff "betriebsblind" bekommt da eine ganz neue Dimension. Ralf-Rüdiger Faßbender erläutert, wie Sie herausfinden, ob Ihr Unternehmen von einem oder mehreren Antreibern befallen ist und zeigt Wege auf, um diese zurückzudrängen.
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Das Projekt nähert sich dem Ende. Zumindest ist das Datenbanksystem umgestellt und wird im Unternehmen eingesetzt. Als Projektleiter planen Sie nun den letzten Schritt: Den Projektabschluss. Rückschau und Feedback auf das Geleistete und die Dokumentation des Wissens und der gewonnenen Erkenntnisse.

Ich weiß nicht, liebe Leserinnen und Leser, wie es Ihnen geht, wenn Sie diese letzte Phase Ihres Projekts starten wollen; ich jedenfalls höre oder lese in 80% aller Fälle die immer gleich begründeten Absagen, wenn ich Auftraggeber, Projektteam und -beteiligte einlade, ihr Wissen und ihre Erkenntnisse schriftlich niederzulegen oder in Abschlusstreffen – inkl. Feiern – auszutauschen (siehe Kasten).

"Lessons Learned: Nein danke!" Die 5 beliebtesten Gründe, um Projektabschlusstreffen abzusagen
  1. "Sorry, da fehlt uns wirklich die Zeit, wir müssten schon längst in anderen Projekten viel weiter sein. Da hält deine Doku nur auf."
  2. "Also für eine vernünftige Dokumentation fehlt uns doch jede Grundausstattung. Wir haben keine vernünftige Bibliothek, wo wir das ganze Wissen gut verschlagwortet ablegen können und erst recht fehlt uns eine Suchfunktion, mit der man mit einer Frage jederzeit alles findet. Da wir das nicht haben, brauchen wir mit der Doku gar nicht erst anzufangen."
  3. "Wir sind zwar vom Projekt alle sehr erschöpft und sind auch schon wieder in anderen Projekten. Aber klar, das muss auf jeden Fall noch sein! Wir haben ja auch schon ganz viel im Projekt nebenbei dokumentiert. Wenn du willst, setze ich mich im Urlaub mal hin, trage das alles zusammen, und wenn ich damit fertig bin, können wir die Doku bereitstellen und auch nochmal eine Klausur machen." (Was nie geschieht ...)
  4. "Bevor wir nicht alle Wünsche erfüllt haben, kann das Projekt auch nicht fertig sein. Dr. X und Abteilungsleiterin Y sind unzufrieden, weil wir ihre zusätzlichen Wünsche noch nicht mal angegangen sind. Bevor wir damit nicht fertig sind, sollten wir lieber vorsichtig sein, von einem Projektende zu sprechen. Sonst bekommen wir noch Ärger."
  5. "Doku? Wozu das denn? Es ist doch alles nochmal gut gegangen. Ok, wir sind nur geradeso pünktlich fertig geworden und alles wurde ein bisschen teurer... Aber so laufen Projekte nun mal. Da muss man durch. Die Leute sollen ihre Sachen im System ablegen, dafür ist es da. Verschone uns mit einem Treffen. Da werden doch nur Befindlichkeiten ausgetauscht."

Wenn mich solche Absagen nicht nur von einem der Eingeladenen erreichen, sondern gleich von mehreren, und ich auf persönliches Nachfragen dann wieder von mehreren Kollegen zu hören bekomme: "Das ist bei uns halt so, das wird sich auch nicht ändern", "das ist die Realität in der Arbeitswelt", "Projektmanagement ist halt auch viel Theorie. Willkommen im Leben", dann bestätigt sich mir mein Eindruck, dass hier Antreiber im System stecken.

Antreiber begegnen uns in Projekten auf drei Ebenen:

  1. Als Verhaltensmuster bei einzelnen Personen,
  2. im Projektteam und
  3. in der gesamten Organisation.

Im meinem vorangegangenen Beitrag (siehe "Erlaubnis zum Projekterfolg – falsche Motivatoren erkennen und ausbremsen", Projekt Magazin 24/2017) befasse ich mich mit den Antreibern bei Auftraggebern, Projektleitung und Teammitgliedern. Auf den folgenden Seiten stelle ich Ihnen vor, wie Antreiber in der Kultur eines Projektteams oder einer ganzen Organisation wirken. Die Antreiber bedingen und verstärken sich gegenseitig. Und in dem Maße, in dem sie das tun, behindern sie das Projekt und bringen es schließlich zum Scheitern.

Die besondere Tücke der Antreiber: Sie entfalten ihre größte Wirkung im Stress. In diesem Zustand befindet sich das Gehirn im Überlebens- oder Fluchtmodus. Denken oder gar reflektiertes Handeln sind in diesem Modus so gut wie unmöglich. Stattdessen bedient man sich automatisch der üblichen Muster, die oft mit den in der eigenen Organisation wirkenden Verhaltensweisen übereinstimmen. Da Projekte häufig in Stress ausarten, sind sie besonders gefährdet, Opfer von Antreibern zu werden.

Kollektiver Stress löst Antreiber in der gesamten Organisation aus

Forschungsergebnisse aus der Organisationspsychologie belegen zunehmend, dass es eine "kollektive Emotion" gibt, d.h. ein "Phänomen ähnlicher oder identischer emotionaler Reaktionen in Gruppen und Unternehmen. […] Derartige kollektive Emotionen sind wegen ihres Ausmaß an Aktivierung und Antrieb (!) bei vielen Beteiligten ein wesentliches Moment von Energie im Unternehmen." (Bruch, Vogel; S. 178f.).

Beispiel: Verliert ein Unternehmen deutlich an Marktanteilen oder strukturiert zu häufig um – möglicherweise ohne wahrnehmbaren Erfolg – ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eine kollektive Verunsicherung entsteht. In meiner Vergangenheit bei diversen Rundfunkunternehmen konnte ich z.B. beobachten, wie ein ganzer Sender – vom Topmanagement bis zur Redaktionsassistentin – völlig entmutigt auf die großen Erfolge der Konkurrenz starrte.

Immer wieder hatten wir versucht, deren Erfolg etwas entgegenzusetzen, es wollte nicht funktionieren. Dem Selbstzweifel folgten kollektive Selbstvorwürfe und in der letzten Stufe wütende Anklagen gegen die "arroganten Blender" der Konkurrenz mit ihrem "niveaulosen Programm". Solcher Stress in der gesamten Organisation löst deren vorherrschenden Antreiber aus: In unserem Fall noch mehr Anbiederung an das Publikum, bis hin zum Aufgeben der eigenen Identität. Wir taten alles, um es dem Publikum recht zu machen.

Insofern kann es ein Projekt retten, die "kollektive Emotion" zu erkennen, die dem ebenso kollektiven Antreiber des Teams und der Organisation zu Grunde liegt. Zunächst, um ihm angemessen zu begegnen, und drauf aufbauend durch Erlaubnisse zum konstruktives Arbeiten zurückzukehren.

Was sind Antreiber und wie bilden wir sie aus?

In der Entwicklung von Persönlichkeiten entstehen Antreiber in der Kindheit. Der Psychologe und Volkswirt Günther Mohr beschreibt das so: "Sie stellen eine Form der Problemlösung dar, die aus einer Misserfolgserfahrung resultiert" (Mohr, 2017). Es sind Lösungsversuche des Kindes, um von den Eltern doch noch Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren.

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