20
Jun 2014
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Dreiecke mit Schlagseite

"Statiker sind Feiglinge!" Mit dieser Erkenntnis wurde ich bereits im Studium konfrontiert. Genauer gesagt im zugehörigen Praktikum auf dem Bau, als ein Stahlbau-Geselle vorschlug, nur drei Verbundanker statt der geplanten vier zu montieren. Später würden die so befestigten Stirnplatten ohnehin nicht mehr zu sehen sein und genügend Sicherheit sei ja immer noch drin. Mit drei statt vier würde man noch wie geplant zum Ende der Woche fertig werden.

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An dieser Stelle kann die Erörterung der statistischen Verteilung von Materialeigenschaften und Belastungen in der Baustatik oder des Teilsicherheitskonzepts europäischer Baunormen ausgespart werden. Aus Projektmanagement-Sicht ist vielmehr das berüchtigte magische Dreieck interessanter. Einmal festgezurrt, kann nicht einfach nur eine der drei Größen Leistung, Termine und Kosten verändert werden, ohne dass nicht auch eine andere Größe beeinflusst würde. Allerdings hat dieses Dreieck häufig Schlagseite.

Je nach Projektumgebung wird oft eine der Größen bevorzugt geopfert. Bei den Stahlträgern dann eben die Leistung, bevor der Termin leidet (die Bauleitung, nebenbei, sah das anders). Auch wer ein Produkt rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft platzieren möchte, wird im Zweifel eher mehr Kosten in Kauf nehmen oder – falls möglich – einige Funktionen in die zweite Generation verschieben. Wer einen Flughafen baut, der ab dem Start in allen wesentlichen Punkten schlicht funktionieren muss, nimmt notgedrungen eher höhere Kosten und spätere Termine in Kauf.

Die erste Regel des Dreiecks: Man redet nicht über das Dreieck!

Schwierig wird es meist, wenn die Entscheidung unbewusst erfolgt. Nicht selten wird der Zusammenhang nicht einmal thematisiert, alle drei Ecken des Dreiecks gelten als fest und es darf nicht daran gerüttelt werden. Wenn sich dann Änderungen ergeben, etwa höhere Kosten, muss gegengesteuert werden, ohne dass sich ansonsten etwas ändert. Ein Ding der Unmöglichkeit – da ist es naheliegend, die Änderung dort zu verstecken, wo sie weniger ins Auge fällt.

Das typischste Artefakt des Projektmanagements ist der Balkenplan. Häufig in einer Software erfasst sowie mit Meilensteinen versehen, die seit langem in keinem Statusbericht fehlen und deren Termine sich eingebrannt haben. Dann ist es naheliegend, die Termine als maßgebend zu nehmen, wenn das Dreieck nicht thematisiert werden darf. So entfallen Leistungen eben klammheimlich – oder werden soweit möglich in geringerer Qualität gefertigt, beispielsweise durch reduzierte Software-Tests.

In einem PM-Softwareauswahl-Projekt stießen wir z.B. im Zuge der Anforderungserhebung auf zwei weitere interessante Projekte: Eines befasste sich mit neuen Controlling-Prozessen in dem stark projektorientierten Unternehmen, ein anderes betraf ein neues PM-Konzept im englischen Mutterkonzern. Plötzlich waren neue Fragen zu klären, denn die zur Erreichung des Projektziels erforderliche Leistung hatte sich geändert. Mit dem Blick auf die bei der Geschäftsführung wohlbekannten Termine – schon die Projektfreigabe war verzögert erfolgt, was den Terminplan nicht geändert hatte – drängte die Projektleitung zunächst darauf, diese Themen auszuklammern.

Änderungen als fester Bestandteil des Projekts

Manche Methoden der Projektplanung geben Änderungen ausdrücklich mehr Raum. Scrum gibt zwar ebenfalls feste Zeiträume vor, thematisiert aber unter anderem über das Backlog deutlich, dass die Leistung dann auch anpassbar sein muss. PRINCE2 fordert ausdrücklich dazu auf, beim Übergang zwischen Phasen die Planung zu aktualisieren und die Rechtfertigung des Projekts erneut zu prüfen – was auch Änderungen am Inhalt bedeuten kann. In Projekten, die nach diesen Methoden arbeiten, nehme ich regelmäßig eine andere Einstellung zu Änderungen wahr: Man rechnet mit ihnen und ist vorbereitet, sie angemessen in die Projektplanung zu integrieren. Sie sind keine Störung im Projektablauf, sondern elementarer Bestandteil.

Natürlich ist auch mit klassischen Balkenplänen eine revolvierende Planung möglich – das Konzept ist nicht neu. Irgendwie verführen die gängigen Terminpläne und auch die Tools aber offenbar dazu, "präzise zu planen". Projektplaner sollten sich fragen, ob ihr Projekt klar durchzuplanen ist oder in gewissem Umfang zu den "ill-structured Problems" zählt, die Herbert A. Simon beschrieben hat und die sich zu Projektbeginn noch gar nicht klar fassen lassen. Wer auf Software setzt, könnte sich eine Abfrage konfigurieren. Etwa "Sind Sie sicher?", falls man schon heute einen einwöchigen Vorgang für 2016 einplant. Und eine Balkenplandarstellung entwerfen, bei der die noch weit in der Zukunft liegenden Vorgänge im Nebel verschwinden.

Bisher gibt es 7 Kommentare
So wie das Betätigungsfeld “Projektmanagement” in den letzten Jahren immer anspruchsvoller und komplexer wurde, so stiegen und steigen auch stetig die Anforderungen an den Projektmanager, der für das ausbalancieren der konkurierenden Projektanforderungen zuständig ist.
Dementsprechend spricht man heute eher von den 6 konkurierenden Einschränkungen (“six competing constraints”). Das Modell des "magischen Dreiecks" ("triple constraints") ist ein Stück weit überholt.
Wenn also eine der Einschränkungen verändert wird, so wirkt sich dies auf eine oder auch mehrere der anderen Einschränkungen aus.
Wenn beispielsweise der Umfang des Projekts zunimmt (hoffentlich gesteuert), muss es in der Regel auch eine Erhöhung der Menge an Zeit und/oder eine Erhöhung der Kosten geben.
Der vom PMI aufgelegte PMBOK Guide (aktuell in der 5. Edition) sagt hierzu folgendes:

Das Leiten eines Projekts umfasst in der Regel Folgendes:

• Ausgleichen der konkurrierenden Projekteinschränkungen, einschließlich, aber nicht darauf beschränkt:
○ Inhalt und Umfang,
○ Qualität,
○ Terminplanung,
○ Budget,
○ Ressourcen und
○ Risiken
Die spezifischen Merkmale und Umstände des Projekts können die Einschränkungen beeinflussen, auf die sich das Projektmanagementteam konzentrieren muss.
Die Beziehungen zwischen diesen Faktoren wirken sich so aus, dass bei Änderung eines Faktors mindestens ein weiterer Faktor beeinflusst wird. Wenn z. B. der Terminplan gekürzt wird, muss oft das Budget erhöht
werden, um weitere Ressourcen hinzuzufügen, um den gleichen Arbeitsumfang innerhalb eines kürzeren Zeitraums zu erledigen. Falls das Budget nicht erhöht werden kann, können ggf. der Inhalt- und Umfang des Projekts oder die angestrebte Qualität reduziert werden, um das Endergebnis des Projekts schneller und innerhalb desselben Budgetrahmens zu liefern. Projektstakeholder haben möglicherweise unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Faktoren die wichtigsten sind. Dies stellt eine noch größere Herausforderung dar. Eine Änderung der Projektanforderungen oder -ziele kann zusätzliche Risiken verursachen. Um ein Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen, ist es erforderlich, dass das Projektteam in der Lage ist, die vorliegende
Situation einzuschätzen, die Anforderungen abzuwägen und proaktive Kommunikation mit den Stakeholdern zu pflegen. …” (PMBoK Guide 5. Ed. dt. Übersetzung)
Bspw. bei hochqualifizierten Menschen als Ressourcen, macht es Sinn, sie als eine eindeutige Einschränkung zu sehen, da nur sehr wenige die gleiche Qualifikation vorweisen und diese Ressource daher nicht beliebig "verfielfältigbar"ist.
Vom magischen Dreieck zum magischen "Hexagon" ...
vor 2 Jahre 14 Wochen Markus Klein

Vielen Dank für Ihr Feedback! Ich stimme Ihnen zu, dass man das "Magische Dreieck" noch deutlich differenzieren müsste, wenn man danach ein Projekt steuern wollte. Als überholt würde ich dieses Modell allerdings deswegen nicht bezeichnen wollen.


Entscheidend ist für mich bei einem Modell immer, welches Ziel man damit verfolgt. Auch ein Hexagon deckt ja bei weitem noch nicht alle relevanten Faktoren ab (Stakeholder-Zufriedenheit nur als ein Beispiel, Wissensaufbau, ...). In diesem Fall ging es mir darum, die oft unbewusste Fokussierung auf eine oder wenige Dimensionen zu thematisieren und den Glauben, veränderliche Projekte exakt bis zum Ende durchplanen zu können. Deswegen das Dreieck. Da erschien mir die Schlagseite deutlicher.


Ihr Zitat aus dem PMBoK beschreibt, wie ich finde, sehr anschaulich die Abhängigkeiten - je mehr Dimensionen also berücksichtigt werden (vom Dreieck über das Hexagon bis zu den einzelnen Elementen der ICB), desto schwieriger wird es vermutlich, die Planung vorausschauend zu machen. Auch im Hexagon dürfte der Fokus selbst bei schlecht definierbaren Organisationsprojekten allzu oft auf den Terminen liegen. Daher danke für den Hinweis, tatsächlich macht das Hexagon deutlich, dass es noch viel mehr Dimensionen gibt, die man nicht unbewusst in die zweite Reihe stellen sollte.

vor 2 Jahre 14 Wochen mm.meyer
Das Magische Dreieck ist Realität!
Und an der Realität kommt man nicht vorbei!
Leider wissen dies nicht alle Projektbeteiligte (u.a. Auftraggeber) oder beherzigen es nicht (z.B. Projektleiter). Die Probleme (z.B. durch Change Requests), die man sich am Ende einhandelt, können schon am Anfang mit Blick auf das "Magische Dreieck" erkannt werden. Dann sollte eine
"realitätsgerechte" Entscheidung und Planung erfolgen.
vor 2 Jahre 14 Wochen Volker Pauling, pmtraining.de
Hallo Herr Meyer,
vielen Dank für Ihre Antwort.
Sie haben völlig recht, das magische Dreieck ist nicht überholt, da habe ich nicht die richtige Wortwahl getroffen. Vielmehr hat es sich weiterentwickelt bzw. erweitert um die o.g. Dimensionen.
Mein Kommentar resultiert ein Stück weit auch vor dem Hintergrund, das ich mich aktuell in der Vorbereitung zu einer PM Zertifizierung befinde. Und hier wird ganz klar auf die "six competing constraints" abgehoben (die Stakeholder/Customer Satisfaction liegt hierbei sozusagen "in der Mitte" des Hexagonss), d.h. man muss in der Zertifizierung bei Fragen nach den constraints höllisch aufpassen.
@Herrn Pauling:
Auch Ihnen vielen Dank für Ihren Beitrag.
Ich würde sogar behaupten, dass das "magische Hexagon" Realität ist! Dies darf ich aktuell mal wieder sehr schmerzlich in unserem derzeitigen Projekt feststellen.
In der Tat ist es sehr schwierig, Entscheidungsträgern die nicht das entsprechende PM-Verständnis mitbringen diese sich gegenseitig bedingenden Einschränkungen transparent zu machen.
Aber wie ich immer zu sagen pflege:
"Niemand hat behauptet, der Job wäre einfach!"
In diesem Sinne ... :)
vor 2 Jahre 14 Wochen Markus Klein
Hallo Herr Klein,
ja, Sie haben recht und gut ausgeführt, dass das "Magische Dreieck" mit nur drei Ecken etwas zu kurz greift. Aber um es wie Sie sagen 'Entscheidungsträgern die nicht das entsprechende PM-Verständnis mitbringen' nahezubringen, sind diese drei erst mal ausreichend.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Zertifizierung und viele Dinge,
die Sie dabei noch als Hilfe für Ihren PM-Alltag mitbekommen.
vor 2 Jahre 13 Wochen Volker Pauling, pmtraining.de
Ich finde das Magische Dreieck in erster Näherung sehr gut und halte es absolut nicht für überholt. Auch wenn das Dreieck im Laufe des Projekts schiefwinkelig werden mag, ist es absolut essentiell, Entscheidungsträgern immer wieder die Konsequenzen vor Augen zu halten, wenn Termine (vor)verlegt oder der Leistungskatalog erweitert wird. Schiefwinkelig wird es dann, wenn der Entscheidungsträger sich für eine "Ecke" entscheidet, ohne die anderen Ecken entsprechend nachzujustieren.
Sicher, die Realität sieht immer anders aus und auch Pläne sind dazu da verworfen zu werden, aber das Magische Dreieck ist ein hervorragendes Beispiel für eine sehr nützliche Denkschule. Je länger man an der Gleichschenkeligkeit festhalten kann, desto länger ist man als Projektleiter auf der sicheren Seite (finde ich).
vor 2 Jahre 13 Wochen Dr. Carsten Kettner
Hallo Herr Dr. Kettner,
Sie haben recht, das magische Dreieck ist nicht überholt (siehe auch meinen letzten Kommentar).
Vielmehr greift es in der heutigen Projektrealität zu kurz. Alles was Sie geschrieben haben ist natürlich zutreffend, gilt aber eben genau so auch für das oben skizzierte "magische Hexagon". Insofern hat sich das "magische Dreieck" quasi weiterentwickelt. Und das ist nach meiner persönlichen Erfahrung tatsächlich nicht nur Theorie sondern (manchmal leider) täglich erfahrene Praxis.
Natürlich kann man, gerade auch zur Vereinfachung und Veranschaulichung weiterhin das magische Dreieck heranziehen, denn es hat ja nichts von der von Ihnen beschriebenen Gültigkeit verloren.
Die Projektrealität ist aber heutzutage einfach doch sehr viel komplexer. Hinzukommt das man auch aus der Zertifizierungsperspektive (zumindest wenn man durch die PMI-Brille schaut) eben nicht mehr von den "triple constraints" sondern eben von den "six competing constraints" spricht bzw. diese auch zertifizierungsrelevant sind.
Beste Grüße!
vor 2 Jahre 13 Wochen Markus Klein
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