05
Oct 2018
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Frisch aus der Uni – fit fürs Projekt?

Während meiner Projektleitertätigkeit hatte ich gelegentlich die Möglichkeit, eine Werkstudentin oder einen Werkstudenten als Unterstützung ins Projekt zu holen. Meine Erfahrungen aus der Zeit um die Jahrtausendwende: Kenntnisse und Fähigkeiten in Bezug auf Projektmanagement waren nicht nur bei Werkstudenten sehr mager, auch frischgebackene Ingenieure oder Verfahrenstechnikerinnen brachten aus ihrem Studium kaum PM-Kenntnisse mit. Das ist allerdings schon reichlich lange her. Und – die Zeiten haben sich geändert!

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Mit der Übernahme eines Lehrauftrags an der HTW Berlin veränderte sich meine Perspektive und ich fragte mich: Was wird von den Absolventen erwartet, wenn Sie sich bewerben? Was müssen sie können, um den Anforderungen des Projektmanagements heutzutage und in Zukunft gerecht zu werden?

Was soll ein Absolvent heutzutage können?

Beim Vorbereiten meiner Vorlesungen befasste ich mich deshalb mit den Projektmanagementkompetenzen, die ich den Studierenden aus meiner Sicht unbedingt vermitteln sollte – und gleichermaßen mit den Erwartungen der Unternehmen an ihr zukünftiges Projektpersonal.

Keine leichte Aufgabenstellung in Anbetracht

  • der Internationalität und Komplexität von Projekten,
  • der zunehmenden Verbreitung agiler und hybrider Projektmanagementansätze neben den traditionellen Modellen
  • und der wachsenden Zahlenneuer B2B Modelle, für die in wertorientierten Projekten (auf Basis agiler Methoden) Auftraggeber und Auftragnehmer innovative Themen gemeinsam angehen. VUCA lässt grüßen…

Was sind die Projektmanagement-Kompetenzen des 21. Jahrhunderts?

Veröffentlichungen darüber, welche beruflichen Skills in Zukunft gefragt sein sollen, um für eine Karriere im digitalen Zeitalter gerüstet zu sein, finden sich im Internet wie Sand am Meer. Aktuelle Studien (wie etwa "Berufliche Fähigkeiten der Deutschen 2017 und 2027") betonen die wachsende Wichtigkeit von Soft Skills und nennen als neue Erfolgsfaktoren neben Wissensmanagement und Entrepreneurship vor allem funktionsübergreifendes Denken, Handeln und Kommunizieren in Kombination mit interkultureller Kompetenz.

Compliance, Selbstorganisation, Konflikt- und Problemlösungskompetenz sowie Anpassungsfähigkeit und Flexibilität werden in dem Kontext häufig ebenfalls angeführt (siehe dazu auch "Methode oder Persönlichkeit – ein Schnelldurchlauf durch unsere Blogparade"). Digitale Medienkompetenz ist dabei schon selbstverständlich. Eine Menge Holz, würde ich sagen. Wie sehen die gängigen PM-Standards die Anforderungen?

Ein Blick auf die ICB®4 Kompetenzelemente zeigt, dass aus den beiden Bereichen der "Persönlichen und sozialen Kompetenzen" sowie den sogenannten "Kontextkompetenzen" ebenso viele Kompetenzelemente angesiedelt sind wie den klassischen projektbezogenen "Technischen Kompetenzen" (siehe auch den Artikel "ICB4 – Erfolgreich Handeln im Projekt-, Programm- und Portfoliomanagement").

Im aktuellen PMBOK® 6th Edition wurde das "PMI Talent Triangle®" eingeführt, das aus den drei gleichberechtigten Bereichen "Technical Project Management", "Strategic and Business Management" und "Leadership" besteht (siehe auch den Artikel "Der PMBOK® Guide in der 6. Ausgabe"). Die Standards folgen also auch dem Trend, dass neben den Hard Skills (wie etwa Methodenwissen) die oben angeführten Soft Skills zunehmende Bedeutung im Projektmanagement genießen.

Wie weit sind die Hochschulen heute mit der Ausbildung im PM?

Informationen zum aktuellen Stand des Projektmanagements an deutschen Hochschulen fand ich in Claudia Stöhlers Fachaufsatz "Wie reagieren Hochschulen auf die Nachfrage von Absolventen mit Projektmanagement-Kompetenzen?" in der DNH 06-2017. Die Autorin zeigt auf, dass insbesondere die Fachhochschulen die Entwicklung von PM-Kompetenzen als wichtigen Baustein zur Ausbildung der nächsten Generation an Fach- und Führungskräften erkannt haben und die Lehre hierzu weiter ausbauen, wenngleich Projektmanagement offenbar nicht als zentrale Schlüsselkompetenz gesehen wird.

Einige Hochschulen bieten bereits aufeinander aufbauende Module für angewandte Wissenschaften an und zunehmend werden Studiengänge in Projektmanagement entwickelt. Hier setzen die Hochschulen in erster Linie auf kompetenzbasierte Lehre. Dazu kombinieren sie theoretische Vorlesungen zur Wissensvermittlung mit praxisorientierten Projektarbeiten, Planspielen und Fallstudien.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor bei der Realisierung studentischer Projekte ist die Kooperation mit Unternehmen zur Gestaltung von Projektarbeiten. Weitere aktuelle Bausteine für eine erfolgreiche Kompetenzentwicklung sind: Der Einsatz moderner Collaboration- und Projektmanagement-Tools in den studentischen Teams und die Integration unterschiedlichster Medien sowie interaktiver Lehrkonzepte.

PM an Hochschulen – und wohin geht die Reise?

Aktivitäten zur Weiterentwicklung der Lehre finden ebenfalls an verschiedenen Hochschulen statt – beispielsweise befasst sich der Arbeitskreis PM an Hochschulen der Hochschule München am 7. Dezember mit der Fragestellung "Welche interdisziplinären Besonderheiten der Wissensvermittlung im Projektmanagement ergeben sich für den wirtschafts- über die ingenieurwissenschaftlichen Fachbereiche bis hin zur Informatik?".

Das Buch "Projektmanagement lehren", ebenfalls von Claudia Stöhler (et al.), vertieft die Thematik für interessierte Lehrende und enthält einen ausgezeichneten Leitfaden für die Konzeption und Durchführung studentischer Projekte. Zusätzlich bietet die Autorin eine Website mit Planspielen für die Lehre. Auch die GPM-Initiative "STEP" zur Entwicklung interaktiver Weblösungen für Fallstudien exzellenter Projekte zeigt, dass intensiv an modernen Lehrkonzepten gearbeitet wird.

Projektmanagement-Lehre heute: Projektarbeit statt Theorie

Projektmanagement-Lehre heute: Aktiv Projekte durchführen anstatt nur in Vorlesungen sitzen

Nach welchen Standards wird gelehrt?

Das Lehrangebot an den Hochschulen umfasst die Standards der IPMA/GPM, PRINCE2 sowie des PMI. Hier ist wiederum zunächst die oben erwähnte GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V. zu nennen, deren Fachgruppe "Projektmanagement an Hochschulen" mit über 250 dort organisierten Hochschuldozenten nach eigener Angabe das größte Netzwerk ihrer Art ist. Auf ihrem vergangenen Treffen im Juli in Stralsund stand "Kompetenzorientiertes Prüfen" auf dem Programm; daneben fand ein reger Austausch über Vorlesungsformate und Studiengänge zu "Internationalem PM" sowie "Agilem und hybridem PM" statt. Interaktive Workshops, Projektarbeiten mit Kunden und bewährte Konzepte zur Kompetenzentwicklung der Studierenden wurden in der Runde, der ich erstmalig angehörte, ebenfalls diskutiert.

Das PMI unterstützt Lehrende bei der Planung eines Studiengangs oder einer Vorlesungsreihe: Dozenten können Vorschläge und Konzepte für einen kompetenzorientierten Lehrplan zum Projektmanagement entsprechend des PMI-Standards auf der Plattform pmiteach.org erhalten.

PM-Zertifizierung als Erfolgskontrolle

Was ich in PM-Studiengängen schon fast als selbstverständlich ansehe, wird erfreulicherweise auch bei modularen Vorlesungskonzepten zunehmend angeboten: eine begleitende PM-Zertifizierung. Die Bandbreite umfasst dabei das Zertifikat zum Scrum Master (etwa von Scrum.org) ebenso wie die in diesem Jahr neu eingeführte Level D Zertifizierung für Studierende bzw. das PMI CAPM-Zertifikat.

Die immer häufigere Anforderung an Berufsbewerber, zertifiziertes Know-how im Projektmanagement vorzuweisen, zeigt den Bedarf der Unternehmen deutlich auf. Auch bei der Ausschreibung von Studentenjobs wird durchaus nach Zertifikaten (etwa als Scrum Master) gefragt – und das nicht nur in der IT-Branche, sondern auch in der Kreativbranche und verschiedensten Industriezweigen. Die steigende Nachfrage von Studierenden nach Zertifizierungsmöglichkeiten während des Studiums kann als Antwort darauf gesehen werden, dass die Qualifizierung im Projektmanagement einen hohen Stellenwert besitzt.

Fit für die Zukunft!

Meine Verantwortung als Lehrende im Rahmen eines Projektmanagement-Studienganges sehe ich daher klar gegeben: Studierende sollen im Studium eine stufenweise Kompetenzentwicklung erfolgreich durchlaufen und sich damit optimal für ihre berufliche Karriere rüsten.

Diese Entwicklung innerhalb einer einzigen Vorlesungsreihe zu erwarten wäre übertrieben – jedoch kann auch hier Studierenden etwa durch die Durchführung studentischer Projekte aus meiner Sicht eine wertvolle Praxiserfahrung vermittelt werden, die für spätere berufliche Anforderungen im Projektmanagement eine gute Basis legt.

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