06
Mar 2015
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Hör mir zu!

Ich habe einen guten Freund, wir kennen uns seit einer Südamerika-Reise. Der hört mir einfach nicht zu!

Manchmal haben wir in längeren Projekten miteinander zu tun, jede Woche ist dann einmal Jour fixe. Und immer sagt er: "Aber bitte nur eine halbe Stunde, ich hab grad keine Zeit!" Dann komme ich in sein Büro und schaffe es maximal bis zum zweiten Satz – dann fällt er mir ins Wort und hört nicht auf zu reden! Kennen Sie auch?

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Was soll man mit solchen Kumpels, Vorgesetzten, Kunden… anfangen? Wie kriegt man die gebremst, ohne dass es hässlich wird?

Ich sage kaum zwei Sätze zum Projektstatus, da schimpft er schon über zwei verzögerte Arbeitspakete, macht seiner Unlust über unseren Auftraggeber Luft, erzählt mir von seinem Ärger mit einem säumigen Lieferanten und was er alles stemmen, organisieren und geradebiegen muss – und überhaupt, wenn er nicht wäre, würde das ganze Projekt sowieso binnen zwei Tagen auseinanderfallen.

Vom Bus überrollt

Ich bin, seit wir uns kennen, aus ich-weiß-nicht-wie-vielen Meetings rausgegangen und dachte: Bus! Voll erwischt! Nie wieder mach ich sowas mit! Und beim nächsten Mal hat mich der Bus wieder überrollt. Irgendwann brachte ich mir den Elevator Pitch bei – aber nach dem 1. Stock warf er mich aus dem Lift.

Die harte Wahrheit

Eine extreme These der Kommunikationsforschung lautet: Es gibt gar keine Probleme. Probleme sind Illusion. Jedes Sachproblem lässt sich nach dieser These auf ein oder mehrere Kommunikationsprobleme, Verständigungspathologien oder Sprachmuster zurückführen. Oder wie ein befreundeter Familientherapeut sagt: "Wenn die Leute vernünftig miteinander reden könnten und wollten, gäbe es keine Scheidungen."

Ich war verzweifelt. Ich bin es nicht mehr. Ich weiß nicht, wie Sie solche Verbal-Tsunamis stoppen, aber was schätzen Sie, was mir einfiel? Irgendwann ließ ich die üblichen 29 Minuten Artikulationslawine über mich ergehen, aber in der 30. Minute, quasi beim Rausgehen, Mantel und Tasche schon in der Hand, die andere Hand zum Gruß erhoben, sagte ich zu ihm: "Übrigens, in diesem Punkt schlage ich vor, dass wir es so und so machen."

Er kam gar nicht dazu, etwas zu erwidern, weil er schon jemand anderen zutextete. Ich ging raus, in mein Büro und schickte ihm eine Gesprächsnotiz, "um zusammenzufassen, was wir vereinbart haben". Seither mache ich das immer so. Und wissen Sie was? Ich glaube, insgeheim ist er froh, dass er einen hat, der ihm heikle Entscheidungen abnimmt und dem er vertrauen kann. So sind wir beide zufrieden.



Dieser Beitrag ist im Blog "Unter vier Augen" von Klaus Schuster erschienen.

Bisher gibt es 1 Kommentar
Anschaulich dargestellt mit wirksamen Abschluss - ja, das könnte funktionieren!
Toller Beitrag!
vor 1 Jahr 28 Wochen Dr. Johann Stiebellehner
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