17
Oct 2014
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

"Im Trend" heißt noch lange nicht passend!

Welche Bedeutung haben in Ihrem Unternehmen agile Methoden im Projektmanagement?
Das fragten wir im Frühjahr unsere Mitglieder im Rahmen einer Umfrage. Das Ergebnis: 40,88% sehen eine steigende Bedeutung. 38,36% denken, dass die Bedeutung gleich bleibt. 5,66% tippen auf eine sinkende Bedeutung. Und 15% antworteten mit "weiß ich nicht".

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Was braucht es, um agile Methoden in einem Unternehmen einzusetzen?
Das wiederum fragten wir im Sommer im Rahmen einer Podiumsdiskussion beim pma quarterly Doris Gahn und Thomas Spielhofer, beides erfahrene Experten in der Anwendung von agilen Methoden. Ihre Antwort unisono: Vor allem eine veränderte Unternehmenskultur.

Muss alles vorgegeben sein?
DAS frage ich mich. Denn die Antworten auf unsere Umfrage, die Erkenntnisse aus der Podiumsdiskussion und meine eigenen Erfahrungen haben mich motiviert, das Thema agile Methoden in diesem Blog zu behandeln. Und das durchaus kritisch. Denn mir erschließt sich der derzeitige Hype nicht. So er überhaupt noch einer ist. Und nicht ohnedies die nächste heilsbringende Methode vor der Tür steht, mit der wir jetzt aber wirklich endlich alle Probleme und Projekte einfach lösen können.

Alles wirklich neu?

Nun aber ohne emotionalen Sarkasmus: Zweifelsohne sind agile Methoden für manche Projekte die passenden. Aber vieles von dem, was als Neuheit oder Verbesserung im Projektmanagement durch die Anwendung von agilen Methoden gepriesen wird, ist doch gar nicht neu oder nur auf agile Methoden zu beschränken.

Wer bitte hält mich z.B. davon ab, mit meinem Team tägliche Treffen und Absprachen zu vereinbaren, wenn ich bzw. mein Team das für richtig erachten? Vorausgesetzt man hat überhaupt noch "Vor Ort"-Teams und nicht nur virtuelle Teams in unterschiedlichen Zeitzonen… Wer untersagt mir regelmäßig die Lessons Learned zu besprechen und zu erfassen? Brauchen wir als selbständige Individuen für unser Tun wirklich alles genau vorgegeben und reglementiert? Ist es nicht viel wichtiger, dass wir generell - und speziell im Projektmanagement - aufmerksam durch die Welt gehen und erkennen, was für uns/die Situation/das Projekt das Richtige ist?

Ich bin überzeugt davon, dass gerade diese bewusste, situative Auswahl der relevanten Methoden professionelles und erfolgreiches Projektmanagement kennzeichnet. Und dass nicht alles von einer "höheren Instanz" genau vorgegeben sein muss!

Wie schnell schafft man Kulturveränderungen?

Auch stelle ich in Frage, ob es möglich und sinnvoll ist, für eine Projektmanagement-Methode eine Kulturveränderung in einem Unternehmen herbeizuführen – v.a. auch in jener Geschwindigkeit, die es für eine zügige Projektumsetzung braucht.

Wir hatten beispielsweise beim pma quarterly im Sommer eine kleine "Kulturveränderung" geplant. Bei den Diskutanten auf der Bühne stand ein leerer Sessel. Gedacht für jene Personen aus dem Publikum, die Fragen stellen, Statements abgeben oder einfach mitdiskutieren wollten. Außer mir, hat sich niemand auf diesen Sessel gesetzt. Alle – und es waren einige Stellungnahmen aus dem Auditorium – blieben auf ihren Plätzen sitzen.

Die Begründungen für dieses "unbewegliche" Verhalten, die nachher beim Buffet gegeben wurden, sind durchaus nachvollziehbar. Aber wenn es schon im Kleinen, mit sehr engagierten Gästen und Mitwirkenden, nicht funktioniert, wie bitte soll dann eine Verhaltensänderung, die ja die Basis einer Kulturveränderung darstellt, im größeren Rahmen erfolgreich funktionieren – und das auch noch möglichst rasch?

Mein Fazit: Agile Methoden haben ihre Berechtigung. Genauso wie Wasserfall & Co. Aber sie sind keine "Heilsbringer". Und sollten nur dort eingesetzt werden, wo sinnvoll – und das ist sicher nicht generell bei jedem Projekt der Fall. Kritische Evaluierung zahlt sich auch bei jenen Methoden aus, die gerade "im Trend" sind.

Bisher gibt es 3 Kommentare
Was unterscheidet den guten Projektmanager? Nun, dass er sein Handwerkszeug der jeweiligen Situation und dem jeweiligen "Werkstoff" angemessen und virtuos zum Nutzen des Projekts und seiner Stakeholder einsetzen kann, oder?
Und was ist das Gegenteil davon? Nun, das sind die Dogmatiker und die, die die graue Theorie nach Schema F allen Projekten überstülpen wollen. Weil sie's nicht besser wissen und können, oder vielleicht sogar nicht mal das.
Viele von uns haben agile Methoden schon eingesetzt, als das Manifesto noch gar nicht geschrieben war, nannten es iterative Vorgehensweise, Prototyping usw. Viele haben auch erfahren, dass es nicht immer agil geht, genau wie es klassisch im Wasserfall oder V-Modell Grenzen gibt. Manche haben auch über den Tellerrand geschaut, sich andere Vorgehensmodelle und Sichtweisen angeschaut. Ein paar haben davon sogar dazu gelernt und verbinden die "Weltanschauungen" und ihr zusätzliches Wissen so, wie es dem Projekt in seinem speziellen Fall gerade am zuträglichsten ist.
Das sind dann auch meist diejenigen Projektmanager, die sich von Auftraggebern und Providern nicht ihre Stundensätze diktieren lassen oder sich unter Wert verkaufen. Die sind vielleicht nicht billig, kaum für 100 Euro zu haben, aber ihre Projekte werden halt auch nicht so teuer...
vor 2 Jahre 4 Wochen Henning Zeumer
Mit dem Argument "Brauchen wir als selbständige Individuen für unser Tun wirklich alles genau vorgegeben und reglementiert?" könnte man eigentlich jede Standardisierung in Frage stellen. Aber deswegen ist das Argument natürlich noch nicht falsch, nur sagt es noch nichts über Sinn und Unsinn agiler Vorgehensmodelle.
Würden agile Vorgehensweisen wirklich nur ein paar interessante Sozialtechniken umfassen, wie z.B. Daily Stand-Up-Meeting, könnte man der Skepsis von Frau Schaden ganz folgen. Ich meine allerdings, dass die grundlegend andere Planungsphilosophie, die fixe Taktung der Projektarbeit in Iterationen mit "realen" Lieferobjekten, die User Stories und Function Points als Gegenstand der Anforderungsdefinition und Aufwandschätzung schon mehr sind als die im Blog genannten Beispiele.
Dass man für eine Projektmanagement-Methode keinen Kulturwandel herbeiführen soll, überrascht mich sehr. Die Professionalisierungsbemühungen von PMI, IPMA und PRINCE2 zielen doch auf einen Kulturwandel weg vom improvisierenden Projektmanagement hin zu einem Standard. Das ist doch ein Kulturwandel und warum soll sich die Projektmanagment-Kultur eines Unternehmens nicht immer wieder ändern?
Uneingeschränkt folge ich allerdings dem Plädoyer gegen jede Art von Dogmatismus und für den Gebrauch des Hausverstandes (eleganter ausgedrückt: situativer Ansatz).
vor 2 Jahre 3 Wochen Gerhard Friedrich
Gutes Argument, denn eine Projektkultur, egal nach welchem Standard oder Vorgehensmodell, überhaupt erst mal einzuführen ist ja auch schon ein Kulturwandel. Agile Entwicklungsmethoden (nicht agiles Projektmanagement, denn es gibt da ja keinen Projektmanager) zu verwenden ist für mich jedoch bei allen dabei angewendeten und für manche Leute "neumodischen" Techniken kein Paradigmenwechsel zum klassischen PM, wenn man nicht "reine Lehre" machen will. Das kann man machen - dort wo es passt. In anderen Projektsituationen verbindet man die Elemente zu hybriden Formen und nutzt die Vorteile beider und die Synergien daraus, etwa so wie bei Prince2 + PMI/IPMA. Voraussetzung ist aber immer (wie schon gesagt und bestätigt), dass man's nicht nur gelernt sondern auch verstanden hat, und zwar beide Welten. Kann halt nicht jeder...
vor 2 Jahre 1 Woche Henning Zeumer
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