Change-Experte Fabian Lange und Impulsgeberin für Organisationsentwicklung Silke Luinstra im Interview Selbstorganisation in Unternehmen: Mehr als nur ein Trend?

Chancen und Grenzen der Selbstorganisation: mehr Freiraum, mehr Konflikte?

Im Interview beleuchten Silke Luinstra und Fabian Lange die Chancen und Grenzen selbstorganisierten Arbeitens. Ihre Perspektiven auf Organisationsentwicklung zeigen, warum Selbstorganisation kein Allheilmittel ist, sich aber lohnen kann.

Management Summary

Change-Experte Fabian Lange und Impulsgeberin für Organisationsentwicklung Silke Luinstra im Interview Selbstorganisation in Unternehmen: Mehr als nur ein Trend?

Chancen und Grenzen der Selbstorganisation: mehr Freiraum, mehr Konflikte?

Im Interview beleuchten Silke Luinstra und Fabian Lange die Chancen und Grenzen selbstorganisierten Arbeitens. Ihre Perspektiven auf Organisationsentwicklung zeigen, warum Selbstorganisation kein Allheilmittel ist, sich aber lohnen kann.

Management Summary

Fabian Lange ist Senior Vice President und Market Lead Germany bei United Minds, einer auf Change und Transformation spezialisierten Managementberatung im The Weber Shandwick Collective in Berlin. Fabian arbeitet zudem als Lehrbeauftragter im Masterstudiengang Change Management und Transformation an der Hochschule Coburg.

Er hat umfangreiche Erfahrung in der Gestaltung von Veränderungs- und Transformationsvorhaben in Organisationen − vom Mittelstand bis zum Großkonzern und sowohl aus der externen Beratungs- als auch aus der Inhouse-Perspektive. Fabian Lange hat sich zum Ziel gesetzt, die Arbeitswelt wieder menschenzentrierter auszurichten. Gemeinsam mit dem United Minds Team unterstützt er Unternehmen in den Bereichen Change und Transformation Management, Leadership und Employee Experience.

Bevor er zu United Minds und Weber Shandwick kam, arbeitete Fabian Lange bei der Deutschen Bahn und s.Oliver inhouse sowie extern in mittelständischen Beratungshäusern.

Kontaktmöglichkeiten für Fabian Lange: per Mail oder über LinkedIn.

Silke

Silke Luinstra ist Unternehmerin, Rednerin, Filmemacherin und Buchautorin. Sie versteht sich als Impulsgeberin für neue Lösungswege in Organisationen. Die studierte Kauffrau hat u.a. die Initiative AUGENHÖHE mitgegründet – 2013 zunächst als Filmprojekt zu innovativen Organisationen gestartet, hat sich daraus inzwischen ein Unternehmen entwickelt, die Veranstaltungsformate und eine Ausbildung für moderne Organisationsentwicklung anbietet. Mittelständler wie DAX-Konzerne gehören zu den Kunden von AUGENHÖHE.

Zuvor arbeitete Silke Luinstra u.a. als Organisationsentwicklerin in einem internationalen Pharmakonzern sowie in der Beratung.

2021 veröffentlichte sie ihr erstes Buch "Lebendigkeit entfesseln: Acht Prinzipien für ein neues Arbeiten in Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft", mit dem sie eine lebendige Entwicklung in Unternehmen und der Gesellschaft anstoßen möchte. Derzeit verfasst sie an ihr zweites Buch.

Kontaktmöglichkeiten für Silke Luinstra: per Mail oder über LinkedIn.

Gibt es ein gemeinsames Verständnis zum Thema Selbstorganisation oder muss man dieses in jedem Projekt gesondert herstellen?

Silke Luinstra: Nein, ich glaube nicht, dass es eine gemeinsame Verständigung darauf gibt, was eigentlich Selbstorganisation ist. Meint es die Abwesenheit formaler Hierarchien? So wird es häufig in Unternehmen verwendet. Oder meint es im Sinne von Niklas Luhmanns Systemtheorie (Luhmann, 2021; Berghaus, 2011) Selbstorganisation als Kennzeichen jedes lebenden bzw. sozialen Systems? Der Begriff ist einer von vielen, der in der Annahme verwendet wird, alle würden dasselbe darunter verstehen. Wie zum Beispiel Führung oder Strategie auch. Das ist aber selten der Fall. Ich muss mir also erst einmal klarmachen: Was meine ich denn, wenn ich Selbstorganisation sage?

Ich muss mir erst einmal klarmachen: Was meine ich, wenn ich Selbstorganisation sage?

Mir liegt das Verständnis als Kennzeichen jedes Systems näher – weil es viele Phänomene in Organisationen erklärt und wirksame Interventionen wahrscheinlicher macht. Ich denke, wir werden auf die Implikationen zu sprechen kommen

Selbstorganisierte Teams als Erfolgsfaktor: ohne Hierarchie, mit Struktur 

Selbstorganisierte Teams arbeiten ohne formelle hierarchische Führung und steuern ihre Prozesse eigenständig. Sie treffen Entscheidungen kollaborativ, übernehmen Verantwortung und passen sich flexibel an Veränderungen an. Besonders in agilen, kreativen oder Remote-Teams entfaltet diese Arbeitsweise ihre Stärken: höhere Motivation, mehr Innovationskraft und schnellere Prozesse. 

Herausforderungen sind unklare Zuständigkeiten, mögliche Konflikte, Entscheidungsschwäche und der hohe Bedarf an Kommunikation. Führung bleibt weiterhin wichtig, jedoch eher als Stärkung der Teams, in coachender Funktion oder als strategische Unterstützung sowie zur effizienten Steuerung der Kommunikation. Erfolgreiche selbstorganisierte Teams benötigen Vertrauen, klare Strukturen und eine starke Feedback-Kultur. 

Fabian Lange: Ich glaube schon, dass es im Unternehmenskontext einen Common Ground zum Thema Selbstorganisation geben kann. Der ist halt sehr, sehr klein. Also in etwa so, wie wenn ganz viele Leute versuchen, auf einer kleinen Fliese zu stehen.

Ich glaube, der Common Ground findet sich immer dort, wo Mitarbeitende Verantwortung übernehmen. Das hat etwas damit zu tun, dass Entscheidungen dort getroffen werden, wo auch mit den Konsequenzen der Entscheidungen gelebt werden muss, also wo diese Konsequenzen ausgehalten werden müssen. Gute Beispiele sind etwa Projektorganisationen.

Wir alle haben so eine vage Idee oder ein Grundgefühl dazu, was Selbstorganisation sein könnte. In der Ausgestaltung ist es dann allerdings die Frage, was wir konkret damit meinen – gerade, weil der Common Ground dazu so klein ist. Manchmal beschreiben Definitionen ja auch, welche Dinge genau nicht gemeint sind. Dann wäre Selbstorganisation eben nicht hierarchisch, also in dem Sinne, dass einer sagt, wie es gemacht wird – sozusagen nach Tayloristischen Prinzipien agierend. Davon wendet sich dieses Konzept ab.

Der Common Ground der Selbstorganisation findet sich dort, wo Mitarbeitende Verantwortung übernehmen. Gute Beispiele sind Projektorganisationen.

In Organisationen wird die konkrete Gestaltung von Selbstorganisation aber je nach Unternehmen sehr unterschiedlich sein.

Silke Luinstra: Allerdings kann auch eine hierarchische Organisation, also ein Unternehmen, in dem festgelegt ist, wer welche Entscheidungen trifft, selbstorganisiert im Sinne eines in sich geschlossenen Systems agieren. Solche Unternehmen haben die formale Hierarchie als funktionalste und für sich klügste Form ausgehandelt − das ist auch selbstorganisiert. Sie sind der Ansicht, dass der Preis dafür zu hoch ist, solche Entscheidungsprozesse jedes Mal von Neuem zu verhandeln. Für manche Umgebungen ist das auch heute eine sehr kluge Entscheidung – allen Moden zum Trotz.

Manche Unternehmen haben die Hierarchie als funktionalste und für sie klügste Form ausgehandelt – auch das ist selbstorganisiert.

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