13
Mar 2015
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Wie Sie Krisenprojekte retten können

Leider geraten statistisch belegt immer noch mehr als die Hälfte aller Projekte in Krisensituationen. Die Gründe hierfür habe ich in meinem Blog sowie im September im Blog des Projekt Magazins in verschiedenen Facetten beschrieben. Vielleicht kamen Ihnen ja einige der Situationen bekannt vor, und Sie stehen jetzt vor dem Dilemma, ob Sie erst einen Zaun bauen wollen oder doch zuerst die Hühner wieder einfangen sollten.

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Diese Entscheidung kann ich Ihnen leider nicht abnehmen. Aber ob nun Entscheider oder Projektleiter, ein paar Ratschläge möchte ich Ihnen aus meiner Praxis zur Projektsanierung mitgeben:

1. Seien Sie ehrlich zu sich selbst

Die größte Hürde, ein Krisenprojekt zu retten, ist sich selbst einzugestehen, dass es eines ist. Es ist menschlich, Dinge schönzureden oder zu ignorieren – aber das war schon immer ein Bumerang. Die Verantwortung auf andere schieben mag eine karriere-neutrale Exit-Strategie sein, hilft aber nicht wirklich und vergibt die Chance, sich mit der Rettung richtig gut zu positionieren. Also: Das Heft in die Hand nehmen, Führung zeigen und anpacken!

2. Fangen Sie mit dem Dringlichsten an

Das ist meist Ihr Krisenprojekt. Das hat schon bis zur Schmerzgrenze Geld und Zeit verbrannt. Also muss etwas geschehen, je eher desto besser. Wenn Sie der Projektleiter sind, bitten Sie Ihre Entscheider um professionelle Unterstützung. Und mein Tipp an die Geschäftsführer bzw. das Management: Zuwarten und auf Selbstheilung warten hat schon nicht funktioniert, genauso wenig wie den Druck auf Projektleiter und Team erhöhen. Denn die wissen nicht, wie sie handeln sollen, sonst hätten sie es längst getan.

Genauso untauglich ist es, einen Sündenbock zu suchen und wie bisher weiter zu machen. Was in die Krise hinein geführt hat, führt in der Regel nicht wieder hinaus.

3. Handeln Sie schnell

Hier ist vor allem das Management, in dessen Verantwortung das Projekt liegt, gefragt. Es gibt eine alte Kaufmanns-Regel: Die ersten Verluste sind die besten. In unserem Fall heißt das: Verbranntes Geld ist futsch, sehen wir zu, dass es nicht noch mehr wird. Und es heißt: Das Krisenprojekt einstampfen wäre zu einfach und würde zusätzlich jeden möglichen Nutzen auch noch verbrennen, denn ein gecanceltes Projekt nutzt niemandem mehr.

Je früher Sie zu retten eingreifen, desto niedriger sind Ihre Verluste und – fast noch wichtiger – desto mehr und günstiger sind Ihre Handlungsoptionen.

4. Seien Sie offen für Kritik

Alle meine Projektsanierungen fangen mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme, einem Gutachten an. Wie wurde vorgegangen? War das richtig und vollständig? Wo waren die Schwächen, v.a. im Projektmanagement und vielleicht auch darüber hinaus? Wo fehlten dem Projekt wichtige Rahmenbedingungen? Sind wir uns dessen bewusst gewesen? Wissen Sie, welche Fragen die richtigen sind, um an die Ursachen zu kommen?

Fragen wie diese können unangenehm werden, auch für die Projektverantwortlichen im Management. Ein unabhängiger Dritter, noch besser ein Externer, kann die besser stellen als jemand, der um seine Karriere besorgt ist. Auch das Auflösen von (vielleicht festgefahrenen) Positionen dient der Versachlichung und somit dem Zugang zu den Problemen. Wenn Sie Kritik nicht mögen, schreiben Sie Ihr Projekt lieber gleich ab.

5. Handeln Sie konsequent

Das gilt jetzt für den Projektleiter und die Chefs gleichermaßen: Jeder im Projekt und im Unternehmen muss spüren, dass es Ihnen mit der Rettung des Krisenprojekts ernst ist. Geben Sie ihr die oberste Priorität, unterstützen Sie Ihren Gutachter unmissverständlich und authentisch.

Aus der Analyse werden die notwendigen Maßnahmen für den Turnaround schlussgefolgert. Unterstützen Sie auch diese: durch die geeigneten Kompetenzen für die Durchführungsverantwortlichen und durch eigenes Engagement wo immer möglich und nötig. Zeigen Sie Führungs- und Entscheidungsstärke, auch z.B. im Finden von Kompromissen und gemeinsamen Lösungsansätzen, und denken Sie an den erzielbaren Gesamtnutzen, selbst wenn dieser zunächst Opfer kosten sollte. Halbherzigkeit kostet viel mehr!

6. Seien Sie professionell

Es geht darum, das Vertrauen des Teams, des Unternehmens, des Kunden wieder zu gewinnen. Nur das Steuer herumzureißen wird blamabel, wenn es nicht zum Ziel führt. Gehen Sie es professionell an, notfalls mit professioneller externer Unterstützung. Warum? Weil es aus eigener Kraft nicht geklappt hat, weil ein Externer sachlich und neutral ist, weil ein Externer Dinge offen ansprechen und eskalieren kann…

Professionell heißt auch, mit guter Führung der Mannschaft zum Erfolg zu verhelfen, sie wieder aufrichten, zu motivieren, ihre Unterstützung zu gewinnen, denn das Retten wird von allen Beteiligten zusätzliche Anstrengungen erfordern. Am besten geht das, indem Sie von einem Profi angeleitet und gecoacht werden, der zeigt, was zu tun ist. Das ist meist viel effektiver und effizienter als einfach Köpfe zu ersetzen.

Ehe Sie also mit halbgaren Lösungen oder Fehlschlägen noch viel mehr Geld und Vertrauen verlieren, investieren Sie lieber in Professionalität und zielführende Ergebnisse. Das kommt in der Regel weitaus günstiger…

7. Hören Sie jetzt nur nicht auf

Ein schöner Erfolg, der Ihnen da mit der Rettung des Krisenprojekts gelungen ist. Aber das ist erst die Hälfte des Weges. Was ist mit dem nächsten Projekt? Wird es wieder in die gleichen Fallen tappen?

In vielen Fällen meiner Projekt-Sanierungen wurde ich nachher gefragt, wie ich das denn nun gemacht hätte, und ob ich nicht zeigen könnte, wie man es künftig besser machen sollte. Ein guter Ansatz, denn notleidende Projekte kosten viel mehr Geld als gutes Projektmanagement im Unternehmen je kosten kann.

Deshalb mein abschließender Ratschlag an die Executives und Projektverantwortlichen im Management: Nutzen Sie die Gelegenheit, an die eigentlichen Ursachen der Probleme zu gehen. Die liegen nämlich meistens außerhalb des Projekts in der Organisation, der Kultur oder den Regeln in Ihrem Unternehmen. Ihr Krisenprojekt hat bestimmt bereits einige Hinweise darauf geliefert – bleiben Sie dran und wachsen Sie mit Ihrem Unternehmen!

Bisher gibt es 2 Kommentare
Danke für die klaren Worte. Leider wird oft vergessen, dass auch für ein Krisenprojekt ein Projektende mit Projektziel definiert werden muss, wobei beim Projektziel die Rückführung zur Normalität in der Projektumsetzung im Fokus stehen muss. Manch nie endend wollendes "Krisenprojekt" muss mit Misswirtschaft gleichgesetzt werden.
vor 1 Jahr 37 Wochen Manuela M.
Bei allen Fehlern, die man sich als PL vorwerfen muss (zwangsläufig),
der Hinweis auf die innere Kultur und die mangelnde Bereitschaft der Leitung, sich mit tatsächlichen Problemen zu befassen ist nicht von der Hand zu weisen.
Ein Sündenbock ist da wesentlich einfacher.
vor 1 Jahr 26 Wochen Gebranntes Kind
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