Antreiber – eine Kraft, die stets Gutes will, doch Böses schafft

Die Antreiber-Risikoanalyse als Frühwarnsystem fürs Projekt

Falsche Motivatoren prägen viele Unternehmenskulturen und sind ein großes Risiko
Falsche Motivatoren, die Antreiber, wirken nicht nur in jedem einzelnen von uns, sondern prägen auch so manche Unternehmenskultur – und sind damit ein großer Risikofaktor. Ralf-Rüdiger Faßbender zeigt, wie Sie diese System-Antreiber in der Risikoanalyse Ihres Projekts berücksichtigen, die identifizierten Risiken möglichst vermeiden und Gegenmaßnahmen für den Fall erarbeiten, dass ein Risiko dennoch eintritt.
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Das neue Projekt befindet sich in der Vorbereitungsphase. Im Workshop sollen mögliche Risiken identifiziert und bewertet werden. Das Projektteam und die anderen eingeladenen Projektbeteiligten tun sich schwer, Risiken zu benennen, weil "man ja nie genau sagen kann, ob ein Risiko wirklich eintritt." Oder "weil man noch viel mehr über das Projekt herausfinden müsste, um festzulegen, was tatsächlich schiefgehen könnte."

Das andere Extrem: Die Workshop-Teilnehmer brennen ein Feuerwerk an Risiken ab: "Alles wird viel zu lange dauern!", "Bedürfnisse werden vergessen, das gibt wieder Ärger." Oder: "Bei Problemen verliert der Auftraggeber die Nerven und zieht Mittel ab." Und schließlich: "Das Projekt wird nicht klar definiert, sodass mehrere Mitarbeiter an demselben Thema arbeiten ohne voneinander zu wissen."

Risikoidentifikation im Zeichen der Antreiber

Beide Extreme weisen darauf hin, dass in der Organisation Antreiber am Werk sind (siehe zur Wirkmacht von Antreibern in einer Organisation auch den Beitrag "Zur (Un)Kultur angetrieben: Wie Sie falsche Motivatoren erkennen & entmachten", Projekt Magazin 04/2018). Das erste Beispiel deutet auf die Existenz des Antreibers "Sei perfekt" hin, das zweite enthält jeweils einen Hinweis auf die übrigen vier Antreiber (siehe dazu Tabelle 1).

Tabelle 1: Beispiele, wie sich Antreiber im Risikoanalyse-Workshop äußern
Antreiber Hinweis
Sei perfekt! "Wir tun uns schwer, Risiken zu benennen, schließlich kann man nie genau sagen, was wirklich eintritt."
"Wir müssen erstmal noch viel mehr über das Projekt herausfinden, um eine Vorstellung zu bekommen, was tatsächlich schiefgehen könnte."
Beeil dich! "Alles wird viel zu lange dauern! Die Anweisungen für das Projekt und die Aufgabenpakete kommen verspätet, sodass auch die notwendigen Ergebnisse zu spät fertig sind. Der Terminplan ist kaum noch zu halten"
Mach’s recht! "Wie immer werden nicht alle Bedürfnisse berücksichtigt, das führt zu Konflikten mit den Stakeholdern."
Sei stark! "Wenn es schwierig wird, verliert der Auftraggeber mittendrin die Nerven, zieht Mittel ab oder stoppt gleich das ganze Projekt."
Streng dich an! "Das Projekt wird nicht klar definiert und deshalb arbeiten mehrere Bereiche an demselben Thema ohne voneinander zu wissen."

Warum Sie Antreiber als Risiko-Kategorie einführen sollten

Antreibergesteuertes Verhalten stellt für ein Projekt eine besondere Gefahr dar, weil Antreiber ihr zerstörerisches Potential vor allem unter Stress entfalten. In Organisationen und Projekten neigen wir zu Sachlichkeit und Rationalität und sind skeptisch gegenüber emotionalen Konzepten, deren Wirkung sich durch Fakten nur indirekt belegen lässt. Indem Sie das Konzept der Antreiber innerhalb eines etablierten Instrumentariums des Projektmanagements einsetzen (siehe dazu den Methodensteckbrief zur Risikoanalyse), erhöhen Sie die Chance, diese Skepsis zu verringern.

Ist die Wirkmacht eines Antreibers in der Organisation erkannt, hilft dies im Risikoanalyse-Workshop, sich noch bewusster über die damit einhergehenden Gefahren zu werden und Strategien zu entwickeln, um Risiken durch antreibergesteuertes Verhalten im Projektteam, bei Auftraggebern, Stakeholdern oder im Gesamtsystem zu begegnen (siehe zum Umgang mit Antreibern bei einzelnen Kollegen oder Teammitgliedern den Beitrag "Erlaubnis zum Projekterfolg – falsche Motivatoren erkennen und ausbremsen", Projekt Magazin 24/2017.) Die Antreiber zu benennen, regt die Vorstellungskraft an: Ihre Workshop-Teilnehmer werden sich automatisch fragen, welches Verhalten Ihr Auftraggeber z.B. unter dem Einfluss des Antreibers "Sei stark" an den Tag legen wird – oder welche Erwartungen der Antreiber in ihm bezogen auf das Projektteam weckt.

Der vorliegende Beitrag gibt Ihnen für jeden Antreiber Beispiele, wie sich dieser äußert, beschreibt, welche Risken damit einhergehen und liefert Strategien, um Antreiber-Verhalten zu identifizieren und angemessen zu reagieren. So minimieren Sie Projektrisken und sorgen vor für den Fall, dass ein Antreiber-Risiko eintritt und Ihr Projekt bedroht.

Zunächst möchte ich Ihnen kurz das Konzept der Antreiber vorstellen. Sollte Ihnen das Konzept bekannt sein, überspringen Sie einfach das nächste Kapitel.

Was sind Antreiber und wie bilden wir sie aus?

In der Entwicklung von Persönlichkeiten entstehen Antreiber in der Kindheit. Der Psychologe und Volkswirt Günther Mohr beschreibt das so: "Sie stellen eine Form der Problemlösung dar, die aus einer Misserfolgserfahrung resultiert" (Mohr, 2017). Es sind Lösungsversuche des Kindes, um von den Eltern doch noch Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren.

Wird ein Kind beispielsweise häufig und schnell von den Eltern gescholten, kann es seine Lösung sein, sich ganz besonders lieb zu verhalten, um es den Eltern möglichst recht zu machen. Mit der Zeit und zahlreichen Wiederholungen, wächst sich der Lösungsversuch zu einer Bedingung für das Selbstwertgefühl aus: "Ich werde nur dann gemocht, wenn ich zu allen ganz besonders lieb bin." (Antreiber "Mach es allen Recht!")

Da auch unsere Eltern nur Menschen sind, die im Umgang mit ihren Kindern bestimmte Muster ausprägten, haben wir alle solche Lösungsversuche entwickelt. Die Transaktionsanalyse – eine Methode aus der humanistischen Psychologie, die lebensnahe Konzepte zur Kommunikation in Beziehungen entwickelt hat – nennt diese Versuche "Antreiber".

Das Konzept der Antreiber ...

... stammt aus der Transaktionsanalyse und wurde von Dr. Taibi Kahler entwickelt (Kahler, 1980). Die NASA setzte es bei der Auswahl ihrer Astronauten ein, Kahler selbst als Berater des US-Präsidenten Bill Clinton. Es liefert ein wichtiges Analyse-Werkzeug, um zu erkennen, wie sich Menschen und Systeme dabei behindern, zu hilfreichen Lösungen zu kommen und zeigt Wege auf, um Krisen zu lösen oder sogar zu vermeiden.

Warum sind Antreiber so gefährlich, speziell für Projekte?

Stress ist ein großes Risiko für ein Projekt. In diesem Zustand befindet sich das Gehirn der Projektbeteiligten im Überlebens- oder Fluchtmodus. Denken oder gar reflektiertes Handeln sind in diesem Modus so gut wie unmöglich. Stattdessen bedient man sich automatisch der üblichen Muster, die oft mit den in der eigenen Organisation wirkenden Verhaltensweisen übereinstimmen. Dieses Projektrisiko wird maximiert, da die Antreiber ihre größte Wirkung unter Stress entfalten. Zur ohnehin vorhandenen Unsicherheit, zum aufkeimenden Konflikt, zur Ratlosigkeit gesellt sich noch ein schlechter Ratgeber: der Antreiber.

Antreiber-Risikoanalyse, wenn das Konzept

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