Merry Meeting!

Stellen Sie sich vor: Sie sind Teilprojektleiter eines gigantischen Logistik-Projekts. Am kommenden Tag ist die große Lieferung, der alles entscheidende Endtermin. Chaotisch ging es wieder einmal im Projekt zu und Sie haben noch viele Punkte kurz vor dem Ende zu klären. Doch anstatt sich mit sämtlicher Energie diesen letzten Aufgaben zu widmen, hat die Projektleitung ausgerechnet am letzten Tag ein überaus wichtiges Meeting einberufen. Sie halten das für unrealistisch? Die beiden Leiter des Weihnachtsprojekts, Erzengel Michael sowie der Weihnachtsmann, haben genau dies tatsächlich getan. Was der Werkstattmeister davon hielt und wie das Meeting ablief, erzählt Jessika Herrmann in ihrer diesjährigen Weihnachtsgeschichte.

 

Merry Meeting!

Stellen Sie sich vor: Sie sind Teilprojektleiter eines gigantischen Logistik-Projekts. Am kommenden Tag ist die große Lieferung, der alles entscheidende Endtermin. Chaotisch ging es wieder einmal im Projekt zu und Sie haben noch viele Punkte kurz vor dem Ende zu klären. Doch anstatt sich mit sämtlicher Energie diesen letzten Aufgaben zu widmen, hat die Projektleitung ausgerechnet am letzten Tag ein überaus wichtiges Meeting einberufen. Sie halten das für unrealistisch? Die beiden Leiter des Weihnachtsprojekts, Erzengel Michael sowie der Weihnachtsmann, haben genau dies tatsächlich getan. Was der Werkstattmeister davon hielt und wie das Meeting ablief, erzählt Jessika Herrmann in ihrer diesjährigen Weihnachtsgeschichte.

 

Die kleinen blauen Augen des Werkstattmeisters standen eng beieinander. Wenn er sich ärgerte, senkten sich die buschigen Brauen herab und ließen sie sogar noch kleiner erscheinen. Heute hatte der Werkstattmeister – mal wieder – einen neuen Grund verärgert zu sein. Es war einer dieser Tage, an denen er sich ernsthaft fragte, ob er sich tatsächlich im Himmel befand oder nicht vielleicht doch in der unteren Abteilung und zwar der – aller – untersten – Abteilung.

Das Weihnachtsprojekt stand kurz vor dem Abschluss, wie jedes Jahr herrschte das blanke Chaos. Nach über 2.000 Jahren Praxiserfahrung hätte man eigentlich tragfähige Prozesse und eine gewisse Routine erwarten können – aber das Projekt verlief jedes Jahr so, als wäre es das erste Weihnachten, das die Welt je gesehen hat. Besonders schlimm war es immer gegen Ende. Und ausgerechnet heute, am 23. Dezember, fand die Besprechung des Weihnachts-Leitungsteams statt. Das war der Gipfel einer komplett verkorksten Terminplanung.

Als der Weihnachtsmann letztes Silvester verkündet hatte, es werde "ein großes Meeting geben, um mal richtig klar Schiff zu machen mit unseren Prozessen und überhaupt allem, was wichtig ist", hatte der Werkstattmeister dafür umgehend einen zweitägigen Termin im Februar vorgeschlagen. So hätte man die ganzen Probleme, die in jedem Weihnachtsprojekt von neuem auftauchten, im Detail besprechen und über das Frühjahr und den Sommer hinweg passende Gegenmaßnahmen umsetzen können – und der Weihnachtsstress wäre in diesem Jahr deutlich reduziert gewesen.

Aber nein! Es kam natürlich kein Termin zustande. Im Februar nahm der Weihnachtsmann erst einmal Urlaub, und weil er während des Urlaubs krank wurde, hängte er gleich noch einen "richtigen Urlaub", wie er es nannte, an seinen "vermurksten Urlaub" dran. Das war selbstverständlich sein gutes Recht, aber ohne Weihnachtsmann gab es nun einmal kein Meeting.

Dann stand Ostern vor der Tür, und Engel und Zwerge steckten bis zum Hals in Arbeit.

Anschließend schickte der Chef Erzengel Michael – neben dem Weihnachtsmann war er der zweite (und im Grunde federführende) Leiter des Weihnachtsprojekts – überraschend in dringender Mission auf die Erde. Der Einsatz dauerte so lange, dass sich alle schon fragten, ob der Chef die Apokalypse vorverlegen wollte. Als Michael nach zweieinhalb Monaten endlich von seinem Einsatz zurückkehrte, war er so erschöpft, dass er erst einmal mehrere Wochen Ruhe verordnet bekam. Die verbrachte er mit der Chorleiterin prompt ebenfalls auf der Erde, angeblich irgendwo in Kanada in einer Holzhütte mit Blick auf einen See. Michael sollte sich vollkommen erholen, so der Wunsch des Chefs. Nachdem Erzengel Uriel, der die verstorbenen Menschen zum Jüngsten Gericht begleitete, in Folge der stark zunehmenden Weltbevölkerung und den damit einhergehenden erhöhten Sterbefällen nur knapp einem Burnout entgangen war, bestand der Chef auf angemessene Erholungszeiten. Allerdings hatte Michaels Abwesenheit zur Folge, dass das Meeting weiterhin nicht stattfinden konnte.

Kaum hatte Michael seine Arbeit Mitte Juni wieder aufgenommen und Terminvorschläge für das Leitungsteam-Meeting verschickt, befiel die Rentiere die gefürchtete Rentier-Sommergrippe und hielt Zwerge und Engel gleichermaßen auf Trab. Diese Grippe hätte sich freilich ganz leicht verhindern lassen, wenn man nur, wie der Werkstattmeister immer wieder anmahnte, endlich eine groß angelegte Impfaktion durchgeführt hätte. Aber nein… war angeblich zu teuer.

Erst nachdem die letzten Rentiere endlich gesund gepflegt worden waren, konnte in den Werkstätten die Materialbeschaffung für die Geschenkeproduktion anlaufen. Im Oktober fand natürlich wie jedes Jahr der himmlische Häkelwettbewerb statt, auf den sich der Weihnachtsmann immer besonders freute. Er richtete ihn mit großem Engagement aus und gewann auch meist den ersten Preis. Dieses Jahr präsentierte er eine dreiteilige Sofagarnitur und deklassierte damit seine Konkurrenz. Unter den jungen Zwergen, die gerade erst ihren Job im Himmel angetreten hatten, gab es immer wieder welche, die meinten, mit einem sorgfältig gearbeiteten Tischdeckchen oder einem kunstvollen Schal auftrumpfen und die Jury beeindrucken zu können.

Weit gefehlt!

Als die Neulinge die Sofagarnitur sahen, wussten sie, wie hier der Hase lief. "Der Weihnachtsmann häkelt nicht nur einfach", beliebte die Chorleiterin mit einem Schmunzeln zu sagen. "Er betreibt ‚Extreme Häkeling'."

Diese Probleme und unverrückbaren Events stürzten das Weihnachtsprojekt in riesige Terminschwierigkeiten und verhinderten außerdem, dass das Leitungsteam-Meeting anberaumt werden konnte. Am Ende legte man die Besprechung also auf den 23. Dezember. Als der Werkstattmeister sich darüber beschwerte, entgegnete der Weihnachtsmann in seiner entnervend sorglosen Art: "Besser spät als nie!"

Und das, wo doch heute alle bis zum Hals in Arbeit steckten! Und wie sollte man bitte schön in einem einzigen fünfstündigen Meeting alle Probleme aus der Welt schaffen, die das Weihnachtsprojekt jedes Jahr aufs Neue ins Straucheln und an den Rand des Scheiterns brachten? Utopisch!

Bei diesem Gedanken entfuhr dem Werkstattmeister ein ungnädiges Grummeln. Auf seinen kurzen Beinen stapfte er durch die himmlischen Flure zum Meeting-Raum "Harfenspiel". Gerne hätte er seinen Stellvertreter Wimbelein dabei gehabt. Mit Engeln zu diskutieren, war immer eine anstrengende und heikle Angelegenheit. Die drehten einem die Worte im Munde herum, und wenn auch noch der Heilige Geist seinen Senf dazu gab… In solchen Diskussionen war jede Unterstützung Gold wert. Aber in den Werkstätten wurde jede Hand gebraucht und Wimbelein war unentbehrlich. Der Werkstattmeister selbst natürlich auch – aber einer musste ja im Meeting…

Bewertungen und Kommentare

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2 Kommentare anzeigen & selbst mitreden!
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Alle Kommentare (2)

Oliver
Dattner

nicht "nützlich" aber sehr unterhaltsam ;)

 

Carsten
Kettner
Dr.

Schöne Geschichte mit netter Wendung!