19
Jun 2015
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Gib mir die Pratze!

Ich war vor kurzem zu Tisch mit einem befreundeten Manager. Das Essen war lecker; es gab Fisch. In 90 Minuten habe ich nicht wesentlich mehr als "Mahlzeit" und "Prost" gesagt. Ansonsten hat hauptsächlich er gesprochen. Wie nennt man das? Unhöflich? Vereinnahmend? Ganz im Gegenteil. Man nennt es…

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…Coaching. Ich war mit dem Fisch schon fertig, da hat er erst mit dem Entgräten begonnen. Beim Rausgehen sagte er: "Klaus, die Diskussionen mit Dir sind wunderbar. Das müssen wir bald wiederholen." Diskussion? Welche denn? Er hat doch die meiste Zeit geredet. Ich habe geschwiegen. Was nicht ganz stimmt. Eigentlich habe ich die Pratzen gehalten.

Die harte Wahrheit

Alle Menschen brauchen regelmäßig jemanden, der nicht reinredet, sondern zuhört, versteht und anregt, damit aus Gedanken Konzepte und Pläne werden können.

Die Aufgeklärten unter uns nennen diesen Jemanden "Sparringspartner". Das ist technisch nicht ganz korrekt: Beim Sparring boxen beide. Beim "Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?" (E.M. Forster) denkt/boxt einer und der andere hält die Pratzen (das sind die übergroßen, platten Handschuhe, die der Trainer hochhält).

Dabei muss man nicht beraten, trainieren oder diskutieren – nur zuhören und gelegentlich auf den roten Faden zurückhelfen, wenn der Boxende tangential wird oder einen Denkfehler begeht. Muss? Nein, man darf nicht reinreden. Damit sich die Gedanken des anderen frei auf ihr Ziel hin entfalten können.

Nur Verständnis reicht nicht

Für diese Art des Diskurses gilt: Auch Ratschläge sind Schläge und Verständnis ist zu wenig. Verständnis kann auch der beste Freund, die beste Freundin spenden. Aber die wird Ihnen eher nicht auf den richtigen Kurs zurückhelfen, wenn Sie davon abkommen – um Ihre Freundschaft nicht zu strapazieren.

Warum war der Manager so begeistert von unserer "Diskussion"? Weil das Führungspersonal der Welt so etwas nirgendwo mehr findet. Die wenigsten finden jemanden, der ihnen unvoreingenommen, interessiert und schweigend zuhört. Dabei brauchen wir das alle. Möglichst täglich. Das muss kein Coach sein. Aber wenn es sonst keiner macht, geht auch ein Coach. Wer hält Ihnen die Pratzen?



Dieser Beitrag ist im Blog "Unter vier Augen" von Klaus Schuster erschienen.

Bisher gibt es 1 Kommentar
Eines der größten Problem ist es nicht nur unter Managern, dass überhaupt kaum noch einer zuhört, wenn mit ihm / ihr gesprochen wird. Manchmal kann ich es nicht mehr hören, und irgendwie möchte ich es nicht realisieren, weil ich es gruslig finde. Aber es scheint ein wesentlicher Teil unserer Realität zu werden, dass uns selbst Dinge, die uns etwas angehen vollkommen egal sind. So die Erfahrungen immer mehr meiner Coaching-Kunden und Teilnehmer, aber auch meine eigenen.
Möge es schnell wieder anders werden. Vielleicht können wir als Coaches etwas dazu beitragen.
Herzlichen Gruß,
Detlef Scheer (Dipl. Psych, Coach und Trainer)
vor 1 Jahr 13 Wochen Detlef Scheer
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