09
May 2014
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Liebe Deine Irritationen und nutze sie

Bitte lesen Sie diesen Beitrag nicht!
Offensichtlich lesen Sie gerade eine paradoxe Anweisung und die Paradoxie liegt in der Struktur der Mitteilung selbst. Indem ich diesen Satz schreibe, fordere ich Sie zum Lesen auf und gleichzeitig steht geschrieben, dass Sie ihn nicht lesen sollen. Wie man es macht, man macht es auf jeden Fall verkehrt.

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Ein skurriles Beispiel, fernab der Realität. Keineswegs, Sie werden gleich sehen, dass es genügend Beispiele aus dem Projektalltag gibt:

  • Das Projekt hat hohe Priorität, doch die notwendigen Mitarbeiter stehen nicht zur Verfügung.
  • Die Projektleiterin ist verantwortlich für den Projekterfolg, doch wehe wenn sie entscheidet.
  • Der Projektleiter fordert die Projektmitarbeiter auf, ihre Ideen zur neuen Organisationsstruktur einzubringen, doch die Entscheidungen über die neue Struktur sind längst getroffen.
  • Im Prozess-Handbuch eines mittelständischen Unternehmens steht geschrieben: "Der Vertrieb muss in Kundenprojekten die Entwicklung bereits frühzeitig einbeziehen, um eine realistische Aufwandsschätzung zu erreichen." Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Der Vertrieb (einschließlich des zuständigen Geschäftsführers) schließt mit den Kunden Verträge ohne frühzeitige Abstimmung mit der Entwicklung, um die Verhandlungen nicht zu gefährden.

Möglicherweise fallen Ihnen weitere Beispiele aus Ihrem Projektalltag ein. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Sie mir Ihre Erfahrungen mitteilen.

Paradoxe Situationen erkennen

Wenn Sie sich diese Beispiele aus dem Projektalltag ein wenig genauer anschauen, dann werden Sie schnell den gemeinsamen Nenner erkennen: In allen Fällen handelt es sich um Widersprüche, um paradoxe Situationen, die häufig Unsicherheit und Ratlosigkeit bei den Betroffenen auslösen. Nicht nur Projektleiter und Projektmitarbeiter müssen sich mit solchen Paradoxien auseinandersetzen, sondern auch Führungskräfte auf allen Ebenen des Unternehmens.

Gutes Projektmanagement erfordert, sich mit paradoxen Situationen auseinanderzusetzen. Das setzt zunächst einmal voraus, dass man die Widersprüche als solche überhaupt erkennt. Im ersten und im letzten Beispiel dürfte das kein Problem sein, denn sie sind ganz offensichtlich und sie lassen sich mit klarem Menschenverstand erkennen und präzise beschreiben.

Im zweiten und im dritten Beispiel dagegen ist es nicht ganz so einfach, denn möglicherweise wird die paradoxe Situation als emotionale Irritation erlebt, die man nicht so klar fassen kann: "Ich weiß nicht, woran ich bin. Habe ich die Verantwortung oder habe ich sie nicht? Wie weit geht meine Entscheidungskompetenz? Habe ich möglicherweise meinen Spielraum überschritten?"

Paradoxe Situationen müssen erkannt und so weit wie möglich aufgelöst werden. "Liebe Deine Irritation und nutze sie." Für mich ist dieser Satz ein langjähriger Begleiter in meiner Arbeit, eine entscheidende Voraussetzung, um professionell mit Widersprüchen umzugehen. Es nutzt nichts, Verwirrungen und Unsicherheiten auszublenden, zu leugnen oder sie als persönliche Schwäche zu bewerten nach dem Motto: Ein starker Projektleiter kennt keine Verwirrung, er hat alles im Griff.

Ich sehe es anders! Wer Irritationen nicht zulässt, den hat die Irritation im Griff. Für mich zeigt sich professionelles Verhalten auch darin, dass man die Stärke besitzt, Unklarheiten und eigene Irritationen zuzulassen, analog des berühmten Satzes von Sokrates: "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Was stimmt denn nun?

Der einfachste Weg, um paradoxe Situationen aufzulösen besteht darin, die Widersprüchlichkeit klar zu kommunizieren. So können die Projektmitarbeiter im dritten Beispiel dem Projektleiter ihre Verwirrung deutlich mitteilen: "Wir sollen unsere Ideen einbringen, doch es ist bereits alles entschieden. Wir möchten wissen, woran wir sind."

Machen Sie die paradoxe Situation deutlich. Thematisieren Sie Ihre Verwirrung. Die einfache Frage "Was stimmt denn jetzt?" hat es in sich. Fordern Sie Klarheit. Prüfen Sie, ob Sie wirklich eine klare Antwort bekommen haben oder stattdessen beginnen, unklare Entscheidungen selbst zu interpretieren. Das sollten Sie auf jeden Fall vermeiden – denn so erreichen Sie keine Klarheit.

Bisher gibt es 2 Kommentare
Diese Situationen kenne ich gut in Unternehmen, in denen die Regeln / Prozesse / Verantwortlichkeiten reine Theorie sind und nicht gelebt werden
und die in einem Projekthandbuch verstauben.
vor 2 Jahre 30 Wochen Paula
Ihrem dritten Beispiel liegt einfach ein Fehler des PM zugrunde, der auf ihn zurückfallen wird (Frustration der Teammitglieder). Aber die Paradoxien der anderen Beispiele basieren auf unterschiedlichen Interessen der Beteiligten: Jeder Sponsor sieht für sein Projekt die höchste Priorität; Linienmanager wollen nicht Entscheidungsgewalt abgeben; der Vertrieb ist (nur) an einem guten Vertrag interessiert.
Die Paradoxie deutlich machen und ansprechen ist natürlich grundsätzlich sinnvoll, nur sollte der PM sich darüber im Klaren sein, dass der Erfolg häufig begrenzt ist: weil die beteiligten Stakeholder i. d. R. sehr genau wissen, wo die Widersprüche liegen, aber aus politischen und sonstigen nicht-sachlichen Gründen eine Beseitigung auf ihre Kosten nicht akzeptieren und deshalb die Konflikte in der Schwebe halten ...
vor 2 Jahre 29 Wochen W. Plagge
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