19
Feb 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Warum Manager nicht müde werden

Ich arbeite 12-14 Stunden am Tag und das gerne – aber erzählen Sie das bitte keinem meiner Coachees. Denen predige ich nämlich regelmäßig Work-Life-Balance. Daneben laufe ich 30-40 km die Woche, bin am Wochenende regelmäßig in den Bergen unterwegs, schreibe nebenher Bücher – aber gestern war ich sowas von müde wie Sie es sich nicht vorstellen können. Wie  habe ich das gemacht?

Anzeige

Ich habe nicht schon wieder eine Bank übernommen oder bin einen Marathon gelaufen. Sondern: Ich habe dem Handwerker die Instrumente zugereicht und Materialien zum Bau unseres Gartenhäuschens geschleppt. Das ist Handlanger-Arbeit? Eben.

Die harte Wahrheit

"Variatio delectat", sagte Euripides und meinte damit: Immer dasselbe zu machen ist oft schlimmer als nichts zu machen.

Davon kann man nicht müde sein? Dann dürfen Lehrlinge und Azubis nie müde werden? Das ist Käse. Der Punkt ist: Als Manger ist man so eine Arbeit einfach nicht gewohnt. Weil ich mich quasi ausruhen kann, wenn alle anderen, denen ich die Aufgaben angewiesen habe, diese delegierten Aufgaben erledigen. Im Garten stand ich dagegen ständig unter Strom, am Fuße der Leiter, der Meister oben, ich ständig auf Habt Acht, sobald mir der Meister oben "Zehnerschlüssel!" oder "Akku-Schrauber!" zurief und ich hochreichen musste, Korrektur: durfte.  Danach war ich fix und alle. Ich kann Ihnen sagen: Das war nächtens ein schöner Schlaf, wie ich ihn als Manager oft vermisse.

Abwechslung lohnt sich

Wie Euripides sagte – damals natürlich auf Altgriechisch, aber weil das kaum einer mehr spricht ist die lateinische Übersetzung geläufig: Abwechslung lohnt sich. Gehen Sie zwischendurch doch mal Holz hacken oder dem Nachbarn beim Tapezieren zur Hand. Oder, ganz verwegener Gedanke: Job Rotation. Ich kenne tatsächlich Managerinnen und Manager, die tauchen hin und wieder an der CNC-Maschine, an der Rampe, im Lager oder sonstwo auf dem Shop Floor auf, stülpen einen Graumann über und klotzen eine halbe Stunde ran als ob sie dafür bezahlt würden. Dafür werden sie nicht bezahlt, aber das zahlt sich aus.

Erstens in Sympathien ("Guck mal, der Chef ist sich nicht zu schade!"), aber wichtiger, zweitens, in Benefits des Self-Managements: Wer Vielfältiges macht, stärkt Resilienz, Stressfestigkeit und Intelligenz. Und ermüdet dank des Reizes des Neuen sehr viel schneller. In diesem Sinne: Wünsche gute Nachtruhe!



Dieser Beitrag ist im Blog "Unter vier Augen" von Klaus Schuster erschienen.

Bisher gibt es 6 Kommentare
Ein Drittens warum es sich lohnt: Job Rotation bewahrt vor Inkompetenz. Als Manger bewegt man sich häufig zu sehr auf einem abstrakten Niveau und arbeitet mit durch andere verdichteten Daten. Selber machen erdet und erhöht die Qualität der eigenen Delegierung.
vor 31 Wochen 2 Tagen Olaf Fleischhauer
Ein Manager, der unerwartet in der Werkshalle auftaucht, löst Unsicherheit bis Panik aus, wenn dies nicht vorher und mit dem Zweck des Besuchs angekündigt wird. Bei Lean Management (Google: The Toyota Way) gibt es das Prinzip, dass eine Führungskraft selbst dorthin geht und schaut, wo die Arbeit gemacht wird, um die Situation gründlich zu verstehen (Genchi Genbutsu). Dazu werden bestimmte Plätze in der Fabrik gekennzeichnet, damit der Manager sich und andere nicht in Gefahr bringt - er soll ja nicht nur 1x vorbeischaun. Solch ein Besuch wird nicht als militärische Inspektion verstanden, bedingt jedoch eine grundlegend andere Führungskultur: bin ich der Soldat oder sogar der Oberst, der vor dem General Fehler vertuschen will, oder kann mir das geschulte (!) Auge der Führungskraft helfen, besser zu werden oder Prozesse zu verbessern?
vor 31 Wochen 2 Tagen Thomas Spörri
Diese Form des Genchi Genbutsu an vorbereiteten Plätzen ist in meinen Augen nicht sinnvoll, gerade weil dann der Eindruck der Kontrolle entsteht. Die Besuch müssen etwas ganz natürliches sein, nicht in der Form einer Chefarztvisite. Natürlich entsteht diese Gewohnheit, vor allem bei den Mitarbeitern, nicht über Nacht. Das ist dann auch Teil der beschriebenen Führungskultur. Das Risiko der Gefährdung kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen, wenn die Besuche regelmäßig stattfinden und die normalen Regeln (Sicherheitsschuhe, ggf. Warnweste) eingehalten werden.
vor 30 Wochen 4 Tagen Götz Müller
Lieber Herr Schulz,
ich kenne ihre Vorträge nicht und habe durch diesen Artikel hier kein umfassendes Bild, dennoch haben mich einige ihrer Aussagen ins Grübeln gebracht. Insbesondere da es der Leitartikel des letzten PM-Newsletters ist.
Der Artikel ist zweigeteilt. Zunächst beschreiben Sie ihren Arbeitsalltag, um dann den Fokus auf das Thema "Abwechslung" im Job zu geben. Zu dem 2. Abschnitt - volle Zustimmung! Ich liebe es ebenso, im Garten zu werken, Beton anzurühren und Terrassenplatten oder Mosaike zu verlegen. Und sich nicht zu schade sein für "niedere Tätigkeiten" - ebenfalls volle Zustimmung.
Das ist aber nicht die Überschrift. Die lautet "Warum Manager nicht müde werden". Diese Überschrift hat mein Interesse geweckt. Eine Antwort habe ich allerdings nicht gefunden. Im Gegenteil: Sie erklären ja am Ende, wie wann besonders müde werden kann.
Meine Frage ist: Warum dieser Einstieg? Was möchten Sie dem Leser mit ihrem enormen Arbeitspensum von bis zu 70h pro Woche sagen? Plus Laufen, plus Bücher schreiben?
Und: Was wird verstanden? Welche Wirkung hat dieser Text?
Ich selbst lese: „Wenn Du ein/e erfolgreiche/r Manager/in werden möchtest, musst Du 12-14h am Tag arbeiten, Sport treiben, Bücher schreiben. Das schaffst Du, wenn Du am Wochenende mal was ganz anderes machst, z.B. Handwerkerarbeiten.“
Mich würde völlig ohne Ironie interessieren, wie Sie das schaffen. An den Werktagen gilt: 24h minus 14h Arbeiten minus 1h Sport = 9h. Dann müssen Sie noch etwas Essen, Wohnung oder Haus in Ordnung halten und Wäsche waschen. Ich setze einmal das medizinisch erwiesene Mittel von 7-8h Schlaf an, den der Mensch braucht, dann bleiben Ihnen unter der Woche 1-2h für sich. Wenn Sie nicht direkt neben dem Büro wohnen, gibt es dazu noch einen Abzug für An- und Abfahrt zum Arbeitsplatz.
An den Wochenenden haben Sie dann die Möglichkeit, Bücher zu schreiben und „etwas anderes zu tun“.
Ich behaupte, das kann man nur schaffen, wenn man entweder A) alleine ist, bzw. ohne Kinder oder B) eine Frau hat, die zu Hause ist und die Last abfedert oder C) sich nicht für seine Kinder/Familie interessiert (unterstelle ich nicht, soll es aber geben ;-))
Ich frage, weil ich selbst auch relativ viel gearbeitet habe und auch gerne – bevor ich Kinder hatte. Da konnte ich auch sehr viele Dinge tun, ohne müde zu werden (trotzdem: 70h hätte ich alleine durch den relativ langen Anfahrtsweg und individuellen Schlafbedarf nicht geschafft). Nun geht noch viel weniger, da dem Nachwuchs der Begriff Zeitmanagement einfach nicht beizubringen ist… und ich als „Produzentin“ auch gerne beim Aufwachsen dabei sein möchte.
Dennoch glaube ich, eine ganz vernünftige Managerin zu sein. Ich glaube sogar, dass ich jetzt nicht weniger schaffe als vor dem Kind – trotz deutlich geringerer Arbeitszeiten. Und ich möchte kontinuierlich besser werden. Darum habe ich ja auch Ihren Artikel gelesen.
Ich habe allerdings nichts gelernt zum Thema, wie ich weniger müde werde. Und glauben Sie mir, mein Kind ist seit ca. 6 Monaten in der Kita und wenn es nicht krank ist, bekommt es gerade Zähne - ich bin immer müde!
Stattdessen bleibt das dumpfe Gefühl eines dauerhaft schlechten Gewissens, „nicht genug“ zu machen, bzw. als Mutter es besser gar nicht erst zu versuchen, weiter Management-Karriere machen zu wollen. Die zwei Klassen Gesellschaft teilt sich in die „Coachees“ – die können es halt nicht besser, sonst wären sie ja schon Manager; und die „niemals müden Manager“ – die ihren Coachees etwas predigen (Work Life Balance), hinter dem sie selbst nicht einmal stehen. Aber da wollen wir doch hoffentlich nicht hin, bzw. bleiben?
Vielleicht hätte ich mich mehr auf den zweiten Teil des Artikels fokussieren können, wenn Sie Leistungsfähigkeit (= nicht müde im Büro) nicht mit Arbeitszeiten gekoppelt hätten. Sie wollten vielleicht sagen, „Wie Manager ihre Leistungsfähigkeit steigern“. Das ist aber etwas anderes als „Nicht müde werden“. Der Titel impliziert ja, dass sie der Natur ein Schnippchen schlagen und ihren Schlafbedarf reduzieren können. Das ist physiologisch ohne den Einsatz von psycho-aktiven Substanzen (Drogen) und dann auch nur über einen sehr begrenzten Zeitraum nicht möglich.
Leistungsfähig ist etwas ganz anderes – ich bin z.B. durch die fixe Begrenzung am Tagesende „Du musst das Kind um 16:00h abholen!“ nochmal deutlich effizienter geworden.
Vielleicht haben Sie aber auch gar nicht auf die physiologische „Müdigkeit“ angespielt, sondern auf die Müdigkeit der gewohnten Tätigkeit im Büro. Da bekommen Sie durch die Abwechslung neue Impulse oder bekommen einfach den Kopf frei von den immer gleichen Gedanken. (Wir denken jeden Tag ca. 80% das Gleiche wie am Vortag). Dazu passt dann allerdings die Einleitung mit dem Wochenpensum nicht.
Was Sie auch sagen wollten, ich finde es schade, dass der o.g. Eindruck entsteht und wünsche mir, dass in den Köpfen der Menschen (auch in meinem) die Kopplung von „guter Leistung“ mit „langen Arbeitszeiten“ endlich aufhört.(Wozu in der Anwendung dieser Praxis gehört, dass Familien mit Kindern von guter Leistung ausgeschlossen sind).
PS: Mein Mann hätte den Artikel übrigens genauso schreiben können
Und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie in die Diskussion einstiegen!
vor 30 Wochen 6 Tagen Nina S.
Ich kann Nina S. nur zustimmen. Danke.
vor 30 Wochen 5 Tagen Gabor
Ich pflichte Nina S. vollinhaltlich bei. Unabhängig davon was der Titel verspricht und was nicht bin ich der Meinung, dass speziell der erste Abschnitt ein katastrophales Bild eines gesunden "Work Life Balance"-Verständnisses vermittelt.
vor 30 Wochen 4 Tagen Christian
Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare aus und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.
Kommentar verfassen
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Bitte geben Sie Ihren Namen an: *
Tech Link