07
Sep 2018
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Arbeiten im collaborative workplace? Nein, danke!

Seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, wie ich in meinem Arbeitsalltag produktiver werden kann. Nachdem ich die Störfaktoren Telefon, E-Mail und Meetings abgestellt und meine Motivation erhöht hatte, schaute ich mir meinen Arbeitsplatz genau an. Ergebnis: Da gab es einiges an Optimierungspotenzial. Bevor ich aber groß zur Tat schreiten konnte, kam die Nachricht vom bevorstehenden Umzug von InLoox. Der war bitter nötig – wir platzten aus allen Nähten und saßen in der maximalen Belegung der Räume dicht and dicht zusammen, was der Konzentration nicht dienlich war.

Mich trieb dennoch eine Frage um: "Werden wir in ein Großraumbüro umziehen?" Zu meiner großen Erleichterung lautete die Antwort: "Nein!" Denn ich bin ein absoluter Verfechter eines eigenen Arbeitsplatzes in einem Raum, der maximal vier Personen Platz bietet und eine verschließbare Türe hat. Warum? Weil ich dort schlicht produktiver arbeite.

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Kein Freund des "collaborative workplace"

Das mag auf viele altmodisch wirken; schließlich leben und arbeiten wir in einer vernetzten und schnelllebigen Welt, in der abteilungsübergreifende Zusammenarbeit und flache Hierarchien entscheidend für den Erfolg sind. Denn je kürzer die Wege und je geringer die Barrieren, desto schneller ist man mit seinem Produkt am Markt bzw. liefert es an den Kunden, so die gängige Meinung. Da erscheint das Großraumbüro – neudeutsch auch gerne kollaborativer Arbeitsplatz (engl. collaborative workplace) genannt – doch als die perfekte Raumlösung, die den Mitarbeitern des agil organisierten Unternehmens den idealen agilen Arbeitsplatz bietet.

Ich halte das jedoch für einen Trugschluss. Denn: "Nichts Gutes wurde je in einem großen Raum geschrieben." Dieser Ausspruch des US-Historikers und Erzählers David McCullough gilt meiner Erfahrung nach nicht nur für Autoren. Auch Programmierer, Ingenieure oder auch Handwerker werden mir zustimmen: In einem ruhigen Umfeld, das so wenig Ablenkung wie möglich bereithält, produziert man bessere Ergebnisse und benötigt dazu sogar weniger Zeit.

Interaktion ist wichtig, konzentriertes Arbeiten wichtiger!

Mich erinnert der Anblick eines kollaborativen Arbeitsplatzes oft an den Wiener Stephansplatz und seine Fiaker. Die Mitarbeiter wirken wie Pferde, die sich mit Scheuklappen gegen die Umwelt abschirmen wollen: Alle haben Kopfhörer auf, verschanzen sich hinter ihren Monitoren oder der Büropflanze und sind gleichzeitig stets sprungbereit, um in einen freiwerdenden Fokusraum zu hechten.

Im modern und hip designten Großraumbüro mit seinen bunten, multifunktionalen Möbeln, den Entspannungsecken, Multimedia-Meetingräumen und natürlich der Community Lounge manifestiert sich der für unsere Zeit typische Drang nach Interaktion. Das ist schön und gut, auch für mich ist der Austausch mit meinen Kollegen wertvoll und auf Veranstaltungen netzwerke ich gerne – und manchmal auch abseits davon in Social Media. Nur: Wo und wann soll ich denn konzentriert arbeiten?

Damit wir uns richtig verstehen: Ich appelliere nicht für eremitenhaftes Dasein im abgeschotteten Einzelzimmer. Sondern für die Schaffung eines Arbeitsumfelds, das es mir ermöglicht, meine ganze Konzentration auf eine Aufgabe zu fokussieren – ohne Unterbrechung und Ablenkung.

Überraschung: Ein kleines Büro fördert die Zusammenarbeit

Interessanterweise lautet das erste Fazit meiner Kollegen und mir nach vier Wochen in unserem neuen, kleinteiligen Büro: Es hat nicht nur die Produktivität des Einzelnen erhöht, sondern fördert auch die Zusammenarbeit. Das hat zwei Gründe:

  1. Niemand hat mehr das Gefühl, seine kostbare unterbrechungsfreie Zeit verteidigen zu müssen. Dadurch ist die Bereitschaft zu informellen Besprechungen gestiegen.
  2. Das konzentrierte Arbeiten fördert die Kreativität. Ideen können geschärft und zusammen mit den jeweiligen Experten umgesetzt werden.

Bisher gibt es 2 Kommentare
Dazu gibt es seit kurzem eine interessante empirische Studie, die die gefühlte Wahrheit wissenschaftlich untermauert:
http://rstb.royalsocietypublishing.org/content/373/1753/20170239
Zitat: "Adopting open offices, therefore, appears to have the perverse outcome of reducing rather than increasing productive interaction."
vor 10 Wochen 1 Tag Dr. Matthias Eberspächer
Vielen Dank für den Link, Herr Dr. Eberspächer!
Einige erwähnenswerte Schlussfolgerungen:
Zitat: "Rather than have an F2F interaction in front of a large
audience of peers, an employee might look around, see that
a particular person is at his or her desk, and send an email."
Zitat: " We see a close relationship between our finding
that open, ‘transparent’ offices may be overstimulating
and thus decrease organizational productivity and Kao &
Couzin’s demonstration that finitely bounded, and often
small, group size maximizes decision accuracy in complex,
realistic environments."
Zitat: "In summary, because the antecedents of human interaction
at work go beyond proximity and visibility, the effects of
open office architecture on collaboration are not as simple as
previously thought. While it is possible to bring chemical
substances together under specific conditions of temperature
and pressure to form the desired compound, more factors
seem to be at work in achieving a similar effect with humans."
vor 8 Wochen 1 Tag Carola Moresche
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