29
May 2015
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Benutzen nutzt noch lange nichts!

Auf einem Seminar beklagte sich kürzlich bei mir ein englischsprachiger Teilnehmer: Er fände es überaus verwirrend, dass sowohl "to use" als auch "to benefit from" im Deutschen mit "nutzen" übersetzt würden. Er war richtig erleichtert, als ich ihm die korrekten Übersetzungen und die Gründe für die weit verbreitete, falsche Verwendung der Wörter "nutzen" und "Nutzer" im Deutschen erläuterte (s.u.). Denn eigentlich müsste man in den meisten Fällen die Wörter "benutzen" bzw. "Benutzer" verwenden.

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Ich befürchte nun freilich, dass viele von Ihnen jetzt nur den Kopf schütteln und fragen: Was soll denn das für ein haarspalterischer Unterschied sein? "Benutzer" und "Nutzer" bedeutet doch dasselbe, genauso wie "nutzen" und "benutzen"! Keineswegs – der Unterschied zwischen "Nutzer" und "Benutzer" ist erheblich: "Benutzer" verwenden lediglich etwas, z.B. eine Software oder ein Werkzeug. "Nutzer" hingegen sind Nutznießer eines Vorteils, und das meistens sogar ohne irgendetwas zu tun!

Klarheit über Rollen und Aufgaben in Projekten

Es geht mir also um eine klare Trennung zwischen der Benutzung der Produkte, die im Laufe des Projekts erzeugt werden und dem durch deren Benutzung erzeugten Nutzen für den Auftraggeber. Eine Software zu bedienen oder im Internet zu surfen erzeugt noch lange keinen Nutzen, von daher ist es auch unmöglich, eine Software oder das Internet zu "nutzen". Nur wenn jemand tatsächlich Gewinn aus einer Handlung zieht, ist das Verb "nutzen" korrekt eingesetzt.

Wenn Sie einen Business Case, einen Projektauftrag oder eine Spezifikation schreiben, dann müssen diese klare Aussagen über den angestrebten, langfristigen Nutzen und die Benutzer der Projektergebnisse treffen. Wenn Sie in diesen Dokumenten die Begriffe "Nutzen", "Nutzer" und "Benutzer" nicht exakt verwenden, können leicht Missverständnisse entstehen oder entscheidende Hürden für den Projekterfolg übersehen werden, wie das folgende, einer realen Situation nachempfundene Beispiel zeigt.

Beispiel

In einem Großunternehmen wird ein zentrales Fuhrparkmanagement für die Dienstfahrzeuge eingeführt. Hierzu wird eine Software installiert, mit der die Dienstfahrzeuge gemäß angemeldetem Bedarf den Mitarbeitern zugeteilt werden. Benutzer dieser Software sind die Mitarbeiter, die nunmehr jede Dienstfahrt rechtzeitig im Voraus anmelden müssen. Die Mitarbeiter, die bisher recht großzügig davon ausgehen konnten, dass ihnen jederzeit ein Firmen-PKW zur Verfügung steht, sehen sich nun aber keineswegs als "Nutzer" des Reservierungssystems, sondern empfinden den zusätzlichen Verwaltungsaufwand als klaren Nachteil.

Im Business Case des Projekts steht hingegen eine einfache Kalkulation: Die durchgerechneten Szenarien zeigen, dass zwanzig PKWs eingespart werden können. Dies setzt zum einen Investitionsmittel frei, zum anderen werden erhebliche laufende Kosten gespart. Die Kosten für die in Ausnahmefällen genehmigten Taxifahrten sind gegenüber diesen Einsparungen fast vernachlässigbar. Tatsächlicher Nutzer des neuen Systems ist also ganz klar das Unternehmen, das entweder einen höheren Gewinn erzielen oder mehr investieren kann.

Damit sich dieser Nutzen aber tatsächlich realisieren lässt, müssen die Mitarbeiter die neue Software benutzen – und zwar richtig. Wenn sich z.B. die Mitarbeiter aus innerer Protesthaltung heraus gewissermaßen "prophylaktisch" viele Fahrzeuge reservieren, diese aber dann doch nicht brauchen, konterkarieren sie die ursprüngliche Idee. In diesem Fall werden die Benutzer sogar zu Schadensverursachern.

Wenn solche Zusammenhänge von vorneherein klar sind, dann kann die Unternehmensführung frühzeitig mit geeigneten Maßnahmen des Akzeptanzmanagements die Benutzer eines Projektergebnisses dazu motivieren, ihren Beitrag zur Realisierung des Nutzens zu leisten. Die korrekte Verwendung der Begriffe "Benutzer" und "Nutzer" in den entsprechenden Projektdokumenten trägt dazu bei, die notwendige Klarheit über diese Zusammenhänge zu schaffen.

Wer ist Benutzer, wer ist Nutzer?

Die häufig anzutreffende, fehlerhafte Verwendung der Worte "Nutzer" und "nutzen" stammt übrigens aus den Anfängen der IT. In den 70er Jahren wurden z.B. bei Bedienungsanleitungen für Software "to use" und "user" fast durchgehend falsch mit "nutzen" und "Nutzer" übersetzt, statt mit "benutzen" und "Anwender".

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen breitete sich diese falsche Verwendung von "Nutzer" und "nutzen" aus dem IT-Bereich immer weiter auch in andere Fachbereiche aus – mittlerweile habe ich sogar schon von "Autonutzern" gelesen. Die griechische Vorsilbe "auto" bedeutet "selbst" – sind Autonutzer also Personen, die aus der Beschäftigung mit sich selbst Nutzen ziehen?

Die verbreitete Verwendung des Wortes "Nutzer" im Sinne von "Anwender" gleicht damit dem berühmten pseudo-englischen "Handy" für "Mobiltelefon". Das englische Wort "handy" bedeutet halt auf Deutsch "praktisch" / "handlich", ist aber kein "mobile" oder "cell phone".

So einfach geht’s!

Wenn Sie sich nicht ganz sicher sind, ob es in einem konkreten Zusammenhang "nutzen" oder "benutzen" heißt, dann gibt es eine einfache Regel, um die beiden Worte sicher zu unterscheiden: Übersetzen Sie den Satz auf Englisch! Würden Sie auf Englisch "to use" oder "to benefit" sagen? Und schon wissen Sie, ob Sie "benutzen" (oder besser: anwenden, verwenden, einsetzen) oder "nutzen" (nützen, profitieren, Gewinn erzielen usw.) schreiben müssen.

Benutzen Sie also bitte die Worte "nutzen" und "Nutzer" ausschließlich dann, wenn der Betroffene Nutzen aus etwas zieht und nicht nur etwas verwendet. Sie schaffen damit Klarheit und vermeiden Missverständnisse.

Vor allem aber: Es wäre doch wirklich peinlich, wenn ein englischer Muttersprachler Ihnen korrektes Deutsch beibringen würde!

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