20
Feb 2015
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Notizen aus der Projektküche: Es muss nicht immer Kaviar sein!

Wer kochen kann, kann auch Projekte managen, behaupte ich immer. Schließlich geht es ja auch beim Kochen darum, mit definierten Ressourcen (Zutaten, meiner Arbeitskraft, Küche usw.) zu einem definierten Zeitpunkt (eine halbe Stunde, nachdem die Gäste eingetroffen sind) ein spezifiziertes (Kochrezept) Produkt (dreigängiges Menü) zu erstellen. Und zwar ein Produkt, das der Kunde (also die Meute, die im Wohnzimmer die Aperitifs gurgelt, während ich nahe am Nervenzusammenbruch in der Endspurt-Hektik die Orangen-Sandorn-Sauce abschmecke, das Kalbsfilet in Scheiben schneide, den mit leichtem Biss gekochten Rosenkohl mit Lavendel und Chili abstimme usw.) dann am Ende auch abnimmt ("Du hast wieder einmal phantastisch gekocht, nur der Rosenkohl ist doch noch sehr knackig…").

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Qualität ist, wenn es den Kunden schmeckt

In der Tat konnte ich bisher alle Zusammenhänge des Projektmanagements am Beispiel des Kochens intuitiv und vor allem überzeugend verdeutlichen. Qualitätsmanagement in Projekten ist da ein hervorragendes Beispiel. Kursteilnehmer: "Wozu dieser ganze Qualitätshumbug? Das verzögert doch nur die eigentliche Arbeit und bedeutet einen immensen bürokratischen Aufwand!" Ich: "Natürlich können Sie auf Qualitätsprüfungen verzichten. Das ist genauso, wie wenn Sie in eine Suppe ungeputztes Gemüse werfen oder einfach mal so einen Esslöffel Salz dazu tun, ohne vorher die Brühe zu probieren und ohne sie hinterher abzuschmecken. Sie erhalten ein Ergebnis – die Frage ist nur, wie der Kunde darauf reagiert."

Projektmanagement ist wie Kochen

Wenn Sie mal wieder vor dem Problem stehen, jemandem den Sinn eines bestimmten Vorgehens zu erklären oder zu begründen, probieren Sie es doch auch einmal mit einem Beispiel aus der Projektküche! Hier ein paar weitere Anregungen:

Earned Value Management: Es gilt nur, was auf den Tisch kommt

Wenn der Koch das Essen anbrennen lässt, hat er zwar viel gearbeitet, aber der Tisch bleibt trotzdem leer. Genauso ist der Earned Value eines Arbeitspakets Null, solang kein fertiges Ergebnis erstellt ist, auch wenn noch so viel Arbeitsaufwand dafür getrieben wurde!

Risikomanagement: Wer Nudeln kocht, muss aufpassen

Wenn Teammitglieder meinen, dass mit einem Feigenblatt-Workshop zu Beginn des Projekts das Risikomanagement erledigt ist, hilft ein Blick in den Kochtopf: Wenn man Nudeln kocht, muss man zum einen beständig aufpassen, dass das Wasser nicht überkocht und man muss zum anderen den Garzustand der Nudeln regelmäßig überprüfen. Sonst erhält man keine Nudeln al dente, sondern Zeltlagernudeln.

Sie wissen nicht was Zeltlagernudeln sind? Also, wenn Jugendliche in ein Zeltlager fahren, gibt es immer Nudeln mit Tomatensauce. Und die Nudeln sind dann immer zusammengeklebter Teig. Und damit haben wir auch schon den Unterschied erklärt zwischen "Risiko" und "negativem Nebeneffekt". Verkochte Nudeln sind für das normale Kochen lediglich ein Risiko, das man sehr leicht vermeiden kann. Im Zeltlager sind sie hingegen unvermeidbar – die Eintrittswahrscheinlichkeit beträgt 100% – somit sind sie nicht als Risiko, sondern als sicheres Ereignis zu behandeln. Eine Risikobewertung muss also nicht nur das Risikoereignis, sondern auch das Umfeld berücksichtigen.

Nicht das Kochen, sondern das Menü ist das Ziel

Das für mich Schönste am Vergleich zwischen Kochen und Projektmanagement ist aber die gnadenlose Ergebnisorientierung – beim Kochen! Jedem ist klar, dass es vollkommen sinnlos ist, drei Stunden lang in der Küche ein Rinderfilet zu malträtieren, nur um danach festzustellen, dass man doch nicht in der Lage ist, ein Beef Wellington spezifikationsgemäß zu erstellen.

Nun gut, wenn man ein neues Rezept ausprobiert und noch keine Erfahrung damit hat, kann einiges schief laufen. Z.B. hat eine Sauce Béarnaise zweifelsohne ihre Tücken und ist nichts für Anfänger. Aber ich darf sie halt erst dann auf den Speiseplan für ein Essen mit Gästen setzen, wenn ich ihre Zubereitung (die der Sauce natürlich!) beherrsche.

Schade nur, dass sich diese Erkenntnis bei vielen Projekten noch nicht durchgesetzt hat.

Es muss nicht immer Kaviar sein

Die wahre Kunst des Kochens besteht nicht darin, die exotischsten Zutaten mit den kompliziertesten Verfahren in Kunstwerke zu verwandeln, sondern (siehe "Qualität ist, wenn es den Kunden schmeckt") seine Gäste zu verwöhnen. Man mag über Alfons Schuhbeck durchaus unterschiedlicher Meinung sein, aber er versteht es meisterhaft, einfachen Rezepten zu neuen kulinarischen Höhenflügen zu verhelfen.

Und genauso kommt es bei Projekten nicht darauf an, die innovativste Lösung mit Biegen und Brechen einzusetzen, sondern ein Ergebnis zu erstellen, das den Auftraggeber begeistert. Das geht meistens mit sehr einfachen Mitteln. Von Schuhbeck habe ich z.B. gelernt, dass Lorbeerblatt, ausgeschabte Vanilleschote, Knoblauchzehen und Chilischoten im Kochwasser den Nudeln eine feinherbe Note verleihen, die für die meisten Nudelgerichte perfekt passt.

Die gleiche Frage habe ich mir für diesen Blog gestellt: Nein, nicht ob ich die Buchstaben für diesen Text mit Gewürzen kochen soll, sondern ob es immer tiefsinnige und die Projektmanagementwelt bewegende Themen sein müssen. Ich meine, dass es in der Spannung des Geschäftsalltags einen großen Gewinn bedeuten kann, einen kleinen Perspektivenwechsel durchzuführen. Für mich ist es das Kochen, für Sie vielleicht die Gartenarbeit, der Fußballsport oder irgendetwas anderes, das Sie die Einfachheit vieler Probleme erkennen lässt. Probieren Sie es ganz einfach mal aus!

Bisher gibt es 1 Kommentar
Der Witz ist tatsächlich der, dass es meistens ganz einfach ist aber oft nicht leicht durchzuführen und wie beim Kochen stehen manchmal den einfachsten Lösungen die seltsamsten Hindernisse im Weg. Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man tatsächlich drüber lachen. Beispiel:
Die Familie sitzt beim Abendessen, dass die Mutter freundlicherweise vorbereitet hat. Sie selbst hat nämlich heute Abend Sport und kann deswegen nicht mitessen. Es fehlt ganz offensichtlich in der versprochenen Käsesauce der Käse. Es schmeckt ziemlich pampig und langweilig. Der Vater und die zwei Söhne (23 und 17), sowie die Tochter (16)essen, es schmeckt ihnen nicht und si sind pausenlos am Nörgeln. Alle wissen, dass der Käse im Kühlschrank ist, aber keiner ist zuständig. "Ach, wir wollten Mutter auch nicht ins Handwerk pfuschen!" sagte der Vater (!) auf Nachfrage. Dies ist übrigens eine Geschichte aus 2013, nicht von 1961. Kochen, Hausarbeit, der ganz normale Alltag einer ganz normalen Familie ist eine wunderbare Metapher für den alltäglichen Wahnsinn (nicht nur)im Projekt.
Dipl. Psych. Detlef Scheer (u.a. in der Projektingenieursausbildung des VDI unterwegs)
vor 1 Jahr 30 Wochen Detlef Scheer
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