Klarheit gewinnen mit der Tetralemma-Methode

Leichter Entscheiden: Wenn ein Entweder-Oder nicht reicht

Erinnern Sie sich an Ihre letzte Entweder-Oder-Entscheidung? Ist sie Ihnen leicht gefallen? Wenn ja, umso besser. Wenn nein, können Sie es sich künftig leichter machen. Bernhard Sander zeigt Ihnen eine Methode, mit der Sie zusätzliche Optionen schaffen und sich darüber klar werden, was Sie an der Entscheidung hindert.

Als Projektmanager stehen Sie gelegentlich vor einer Entweder-Oder-Entscheidung. Diese ist in manchen Fällen eindeutig zu treffen, manchmal erscheint aber auch keine der beiden Möglichkeiten geeignet und Sie fühlen sich in der Entscheidung wie gelähmt. Das kann z.B. daran liegen, dass Ihnen dafür notwendige Informationen fehlen oder erst andere Entscheidungen getroffen werden müssen, bevor Sie die aktuelle treffen können. Dieser Tipp zeigt, wie Sie in so einem Fall Klarheit gewinnen und sich zusätzliche Entscheidungsmöglichkeiten verschaffen.

Betrachten wir die Entscheidungshürden an zwei Beispielen:

  1. Sie müssen Ihr Projekt auf einer Messe in drei Monaten präsentieren. Wie es seit dem letzten Teammeeting aussieht, werden Sie die geforderte Projektreife bis dorthin jedoch nicht erreichen. Sie überlegen, ob Sie für die drei Monate mehr Personal (bzw. Überstunden) anfordern oder die Spezifikationen für die Messe reduzieren. Beides ist theoretisch möglich, aber Sie können sich nicht entscheiden, ob Sie mehr Einsatz bringen sollen, um das Messe-Projektziel zu erreichen oder ob Sie das Projektziel soweit abspecken, dass es bis zur Messe geschafft werden kann.
  2. Nach mehreren Jahren im selben Unternehmen planen Sie, sich beruflich zu verändern und sind bereits auf der Suche nach einer neuen Stelle. Dann bekommen Sie von Ihrem Chef ein interessantes Projekt angeboten und müssen innerhalb weniger Tage entscheiden, ob Sie es annehmen. Sowohl der Wechsel ist attraktiv als auch das neue Projekt, aber Sie kommen trotz intensiver Abwägungen nicht weiter. Sie müssen also entscheiden, ob Sie die Suche nach einem neuen Unternehmen intensivieren oder die angebotene Projektleitung übernehmen.

Tetralemma zur Lösung eines Dilemmas

Sollten Sie sich mit diesen Entweder-Oder-Entscheidungen schwer tun, hilft Ihnen vielleicht die sogenannte Tetralemma-Methode nach Professor Varga von Kibed. Mit dieser Methode schaffen Sie neue Optionen, indem Sie das Entweder mit dem Oder kombinieren oder beide Optionen ausschließen und nach etwas ganz anderem Ausschau halten.

Hier die einzelnen Positionen im Überblick:

A: Entweder
B: Oder
C: Eine Kombination der Optionen A und B.
D: Weder Option A noch B, sondern eine andere Lösung.

Welche Option für Sie am stimmigsten ist, können Sie am besten ermitteln, indem Sie auf Ihren Körper hören. Markieren Sie dazu für jede der vier Möglichkeiten einen Kreis auf dem Boden. Sie brauchen bei der Anwendung der Methode noch nicht wissen, wie die jeweilige Option später im Detail aussieht. Es geht vielmehr darum, herauszufinden, welche (zusätzlichen) Optionen sich für Sie gut anfühlen und zu erkennen, was es braucht, damit Sie die richtige Entscheidung treffen können.

Stellen Sie sich zunächst auf Position A (Entweder) und anschließend auf Position B (Oder) und versetzen Sie sich gedanklich und emotional in die jeweilige Option und achten Sie auf Gefühle und Körperreaktionen (z.B.: Unruhe, Aufregung, Freude, Schwanken, guter Stand, Atemnot, Prickeln, …).

A oder B

Bild 1: Zur Anwendung der Tetralemma-Methode stellen Sie sich zunächst auf die Positionen A (Entweder) und B (Oder) und achten auf Ihre Körperreaktion.

Alternative 1: Die Kombination

Ist Ihnen die Entscheidung vorher schwer gefallen, werden Sie sich auf keiner der beiden Positionen wirklich wohlfühlen. Dieses Dilemma kennen Sie bereits.

C eine Kombination aus A und B

Bild 2: Dann nehmen Sie Position C ein (eine Kombination aus A und B) und beobachten, wie es Ihnen damit geht.

Schaffen Sie nun eine neue Position C, indem Sie versuchen, die beiden ersten zu kombinieren. Das kann ein Kompromiss, eine Kombination oder ein zeitliches Nacheinander der Optionen A und B sein.

Im Falle des Messeprojektes kann es bedeuten:

  • Wenige Überstunden anordnen bei leichter Reduktion der Spezifikationen.
  • Für die Messe einige Anforderungen nur als Gimmiks entwickeln.

Im zweiten Fall kann es bedeuten:

  • Übernahme der Projektleitung bei gleichzeitiger Suche nach einer neuen Stelle.
  • Übernahme der Projektleitung. Die neue Stelle erst im Anschluss ernsthaft suchen.

Falls Sie eine Kombination aus A und B gefunden haben, mit der Sie sich wohlfühlen, haben Sie das Dilemma aufgelöst. Finden Sie allerdings zu keiner befriedigenden Kombination, gibt es noch die vierte Position. Sie schließt die Möglichkeit A und B aus.

Alternative 2: Weder-Noch

Diese vierte Position ist mit Abstand die spannendste, weil sie alle bisher in Erwägung gezogenen Möglichkeiten außer Acht lässt. Sie kann sowohl besonders herausfordernd sein, weil Sie neu denken oder neue Fragen stellen müssen als auch entlastend sein, weil Sie die Entscheidung nicht jetzt oder nicht alleine treffen müssen.

Stellen Sie sich auf Position D

Bild 3: Zuletzt stellen Sie sich auf Position D (die die Positionen A und B ausschließt) und achten wieder darauf, wie Ihr Körper reagiert.

Stellen Sie sich nun auf die vierte Position (D) und beachten wieder Gefühle und Körperreaktionen. Sollten Sie sich auf dieser Position am wohlsten fühlen, kann das für Ihre Entscheidung folgendes bedeuten:

  • Die Frage, die Sie mit der Entscheidung beantworten, ist nicht die richtige. Es geht um etwasanderes!
  • Vor dieser (Detail-)Entscheidung ist noch eine größere, wesentlichere Entscheidung zu treffen.
  • Die Entscheidungshürde betrifft ein Thema, das noch im Verborgenen liegt. Es kann sich dabei z.B. um ein strukturelles Problem im Unternehmen handeln, das entweder die Strategie, die Unternehmenskultur oder die interne Kommunikation betrifft. In diesem Moment hilft es, sich zu fragen: Wofür ist es gut, dass dieser Konflikt auftaucht?
  • Für diese Entscheidung sind wichtige Voraussetzungen noch nicht erfüllt (sie ist noch nicht reif). Es sind noch Aspekte oder Personen zu berücksichtigen, die für die Entscheidung maßgeblich sind. Oder es fehlt an Wissen oder Erfahrung, um diese Entscheidung sicher zu treffen.
  • Die Entscheidung zwischen A und B - egal, wie sie ausfällt - führt zu Problemen, die mit der Nichtentscheidung verborgen bleiben bzw. umschifft werden

Dies kann Sie bei Ihrer Entscheidung unterstützen:

  • Konsultieren Sie Ihren Chef, einen Kollegen oder Freund, der Ihnen Rat gibt oder die Entscheidung abnimmt.
  • Sie haben in einem ähnlichen Fall eine wichtige Erfahrung gemacht, die Ihnen entweder jetzt hilfreich sein kann oder eine, die Sie auf keinen Fall wiederholen möchten.

Im Falle des Messeprojekts können Sie die Entscheidung Ihrem Chef vorlegen. Er soll entscheiden, ob er mehr Ressourcen zur Verfügung stellen kann oder die Reduktion der Spezifikationen akzeptiert. Vielleicht decken Sie auch ein strukturelles Problem auf, das sich nicht nur negativ auf die Qualität der Produkte auswirkt, sondern auch auf das Klima, die Gesundheit der Beteiligten und die Fluktuation.

Im Falle des neuen Projekts beim alten Unternehmen könnten Sie sich folgende Fragen stellen:

  • Warum möchte ich mich ausgerechnet jetzt für ein neues Unternehmen entscheiden? Was ist mir wichtig und was vermisse ich? Kann ich es vielleicht auch im aktuellen Unternehmen realisieren?
  • Wie viel Kapazitäten habe ich in nächster Zeit (z.B. im Hinblick auf meine Familienplanung) zur Verfügung?
  • Ist ein Weiter-so mit meinen Vorstellungen von Glück, Erfolg und Gesundheit vereinbar?
  • Wie wichtig bin ich für meinen Chef (der mir das Projekt anbietet)? Könnte ich meine Wichtigkeit für eine Gehaltserhöhung oder eine Beförderung nutzen?
  • Welche zusätzlichen Qualifikationen kann ich mir durch die Übernahme des Projekts aneignen, die mir für die nächste Stelle (intern oder extern) hilfreich sind?
  • Was brauche ich, um mich grundsätzlich in der Rolle eines Projektleiters wohler (und sicherer) zu fühlen?
  • Welche positiven oder negativen Beispiele von Jobwechseln sind mir aus dem Freundes- oder Kollegenkreis bekannt? Wer kann mich beraten?

Die vierte Position ermöglicht, den Rahmen der Entscheidungsebene (A oder/und B) zu verlassen undaus einer erhöhten Perspektive (und mit mehr Abstand) auf das Entscheidungsdilemma zu blicken. Wenn das Entscheiden im engen Rahmen nicht (leicht) funktioniert, kann diese vierte Position über den Grund dieser Schwierigkeiten wertvolle Hinweise geben (strukturelle oder kulturelle Aspekte, falsche Fragestellung, unbeachtete Aspekte oder Personen). Sie kann latent auch Probleme ans Licht bringen, die auftreten - egal, ob man sich für A oder B entscheidet.

Fazit

Wenn eine Entscheidung zwischen zwei Optionen (A und B) nicht leicht fällt, können Sie versuchen, beide zu kombinieren (C). Sollte auch die Verbindung von A und B zu keinem befriedigenden Ergebnis führen, ist es hilfreich, auf einer 4. Position (D) zu klären, was die derzeit wesentliche Fragestellung ist und ob diese auf einer gedanklich distanzierteren, höheren Ebene beantwortet werden kann.

 
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