Lohnt sich mehr Weitblick?

Nachhaltigkeit im Projektmanagement

Nachhaltigkeit ist der neue Trend im Projektmanagement. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit im Projektmanagement überhaupt und welche Vorteile haben Unternehmen davon? Roland Gareis, österreichischer Professor und Unternehmensberater, hat ein Forschungsprojekt zu diesem Thema gestartet. Dr. Georg Angermeier und Jessika Herrmann sprachen mit ihm über werteorientiertes Management und den Nutzen einer langfristigen Sichtweise.

Lohnt sich mehr Weitblick?

Nachhaltigkeit im Projektmanagement

Nachhaltigkeit ist der neue Trend im Projektmanagement. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit im Projektmanagement überhaupt und welche Vorteile haben Unternehmen davon? Roland Gareis, österreichischer Professor und Unternehmensberater, hat ein Forschungsprojekt zu diesem Thema gestartet. Dr. Georg Angermeier und Jessika Herrmann sprachen mit ihm über werteorientiertes Management und den Nutzen einer langfristigen Sichtweise.

Nachhaltigkeit ist der neue Trend im Projektmanagement. Das Thema wird auf diversen Kongressen wie dem International Project Management Day diskutiert; das Project Management Institute (PMI) nahm Aspekte von Nachhaltigkeit sogar in seinen Ethik-Kodex auf. Roland Gareis, österreichischer Professor und Unternehmensberater, hat mit Unterstützung des PMI im Dezember 2009 ein Forschungsprojekt gestartet, um zu untersuchen, wie Nachhaltigkeit im Projektmanagement berücksichtigt werden kann. Das Projekt Magazin sprach mit ihm darüber, was Nachhaltigkeit im Projektmanagement bedeutet und wie Unternehmen davon profitieren können.

Projekt Magazin: In Politik und Gesellschaft ist Nachhaltigkeit seit fast 30 Jahren ein Thema. Im Projektmanagement spielte es bisher keine große Rolle. Warum interessiert sich die PM-Community plötzlich dafür?

Gareis: Der unmittelbare Anlass ist meiner Ansicht nach die Wirtschaftskrise. In dieser Situation werden Managementkonzepte und Ansätze hinterfragt, teilweise versucht man sie weiterzuentwickeln. Außerdem sehe ich einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Trend hin zu mehr Partizipation des Bürgers und flacheren Strukturen. Dieser Wandel findet sich auch in vielen Managementansätzen wieder. Im Lean Management beispielsweise bringen die Mitarbeiter ihre Ideen und Verbesserungsvorschläge ein, sie erhalten größere Handlungsspielräume und übernehmen mehr Verantwortung. Für mich ist das Interesse am Thema "Nachhaltigkeit im Projektmanagement" ein Aspekt dieses Paradigmenwechsels, der im Management allgemein zu beobachten ist.

Prof. Roland Gareis

Roland Gareis, 1948 in Wien geboren, ist Ökonom sowie Gründer und Geschäftsführer der Roland Gareis Consulting GmbH mit Standorten in Wien und Bukarest. Gareis entwickelte u.a. das Konzept der "projektorientierten Gesellschaft". Zu seinen weiteren Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten zählen u.a. Prozessmanagement und Programmmanagement.

Im Dezember 2009 startete Gareis mit seinem Team ein Forschungsprojekt, um zu untersuchen, wie sich Nachhaltigkeit im Projektmanagement umsetzen lässt. Das Projekt wird vom Project Management Institute (PMI) unterstützt.

Projekt Magazin: Nachhaltigkeit hat eine generationenübergreifende Perspektive, Projektmanagement verfolgt in der Regel eher kurzfristige Ziele. Passen Projektmanagement und Nachhaltigkeit überhaupt zusammen?

Gareis: Das Projektmanagement entwickelt sich kontinuierlich weiter. In den 1950er und 1960er Jahren ging es stark um Kosten- und Ressourcenplanung, Controlling, Optimierung und Netzplantechnik. Die Betrachtung von Projekten war sehr quantitativ. In den 1990er Jahren änderte sich diese Sichtweise. Projekte wurden ganzheitlicher wahrgenommen und stärker in ihrem Kontext gesehen. Daraus sind viele neue Ansätze entstanden, zum Beispiel die integrierte Projektorganisation oder die soziale Umweltanalyse. Dieser Kontext wird nun erweitert und breiter verstanden. Der ökonomische Aspekt, der in den meisten Projekten weiterhin im Vordergrund steht, wird ergänzt durch ökologische und soziale Anliegen. Aus meiner Sicht ist das Aufgreifen des Themas "Nachhaltigkeit" damit eine ganz logische Weiterentwicklung.

Projekt Magazin: Den Trend, Projekte ganzheitlich wahrzunehmen, gibt es schon länger. Ist Nachhaltigkeit nur ein neuer Name für eine alte Idee?

Gareis: Es stimmt, dass Nachhaltigkeit im Projektmanagement schon seit Jahren umgesetzt wird, zumindest teilweise. Was bisher an Nachhaltigkeit vorhanden ist, ist allerdings noch zu wenig. Außerdem geht es auch darum, Nachhaltigkeit bewusst umzusetzen. Denn Bewusstsein ermöglicht es, die eigenen Handlungen in einen größeren Kontext zu stellen und zielgerichteter zu gestalten. Das verleiht den Handlungen und auch ihren Ergebnissen eine andere Qualität.

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Manfred
Noe
Projektmanagement bietet Methoden um beliebig definierte Ziele zu erreichen und einen zunächst wertfreien Handlungsrahmen. Projekte bekommen ihre Ausrichtung durch Zielvorgaben. Klassischerweise sind das Zielvorgaben - auch bekannt durch das "Magische Dreieck"- für Zeit, Kosten und Leistung und seit geraumer Zeit auch für die Qualität (ISO, TQM), das Risikomanagement und die Kundenzufriedenheit mit dem weiteren Ziel der Kundenbindung. Diese beiden Dimensionen zeigen, dass normale Projekte eigentlich fast gar nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt sind. Das Projekt ist per Definition zeitlich begrenzt und gilt als erfolgreich, wenn die genannten Kriterien erreicht wurden. Das Projektergeb-nis geht über in die Anwendung und Benutzung durch den Auftraggeber, der Projektmanager bekommt ein neues Projekt, das Projektteam löst sich auf. Alles was nach dem Projekt geschieht, hat keinerlei Relevanz mehr für das Projekt selbst. Auch Unterstützungsleistungen, Schulungen und Servicedienstleistungen (Wartung, Reparatur usw.) gehen in das Tagesgeschäft des Unternehmens über und werden durch andere Abteilungen wahrgenommen. Nachhaltigkeit wird bestenfalls durch eine freiwillige Erfahrungssammlung in einer Erfahrungsdatenbank durch den Projektmanager erreicht. Auf diese Erfahrungssammlung können andere Projektmanager und Projektmitarbeiter zugreifen und erreichen damit zumindest einen theoretischen Lerneffekt. Werden diese Erfahrungen entsprechend in nachfolgenden Projekten angewendet, kann vielfach ein wirtschaftlicher Projekterfolg garantiert werden und damit ein kleiner Beitrag zum Unter-nehmenserfolg und -sicherung geschaffen werden. Neben diesen zwei Dimensionen wird sicherlich zukünftig als dritter Aspekt die Nach-haltigkeit gefordert werden. Denn dann werden immer mehr Projekte neben den genannten Zielvorgaben weitere Ziele aus dem Bereich der ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Nachhaltigkeit erfüllen müssen. Damit diesen Zielvorgaben der Nachhaltigkeit auch entsprochen werden kann, braucht es im Projektmanagement Werkzeuge und Methoden, um diese zu definieren, zu planen, umzusetzen, zu messen und zu steuern. Eine der Möglichkeiten bietet "Sustainable Project Management (SPM)". Hier werden die bestehenden und bewährten Standards des Projektmanagement um die Aspekte der Nachhaltigkeit erweitert und es wird ein Handlungsrahmen für nachhaltiges Projektmanagement geschaffen. Trotzdem wird es zukünftig äußerst schwierig sein, das Anspruchsdenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit im Projektmanagement umzusetzen. Ich denke, dass die Ebene der persönlichen Verantwortung für Nachhaltigkeit nicht auf der Projektmanagementebene zu suchen ist, sondern auf der Ebene der Unternehmensführung. Die Ebene der organisatorischen Verantwortung (Nachhaltigkeitsmanagement) ist derzeit nir-gends beschrieben und müsste dem Verantwortungsbereich der Unternehmensführung zugeordnet werden. Deren Aufgabe ist es, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu definieren und diese anschließend quer durch das ganze Unternehmen als Nachhaltigkeitskultur zu verankern. An den genannten Werten würde sich dann auch das Projektmanagement halten. Im PMBOK(R) Guide wird ohne jegliche Wertung auf die engen Wechselwirkungen zwischen Projekt und Projektumfeld hingewiesen. Dabei wird explizit das Themenfeld "Social-Economic-Environmental Sustainability" benannt. Vergessen wird dabei, dass das Projektmanagement an für sich eine wertneutrale Methode ist: Sowohl umwelt-bewusste Organisationen (BUND, Greenpeace) als auch Energie-Konzerne betreiben Projekte (Atom/Kohle) die zweifelsfrei unterschiedliche Ziele verfolgen. Selbst öffentliche Bereiche wie Länder und Kommunen vergeben Aufträge, die für einen Teil der Gesellschaft dienlich sind aber auch für andere eine Belästigung (siehe Lärm- und Geruchsbelästigungen von neuen Autobahnen). Selbst die so hoch gelobten Windkraftanlagen erzeugen bei einigen Menschen Unmut, wenn die Schattenfrequenz der Windflügel, die Wind- und Generatorgeräusche sie in ihrem Eigenheim bis in die Abendstunden nicht zu Ruhe kommen lässt. Fazit: Ein Projektmanager richtet sich nach den Zielvorgaben für sein Projekt, mehr kann und darf er im Rahmen seiner Projektaufgabe auch nicht. Er ist in der Mitsprache- und Entscheidungshierarchie viel zu tief aufgehangen. Es ist also ein Weg zu finden, inwieweit ökologische, ökonomische und gesellschaft-liche Wertvorstellungen überhaupt auf die Ebene des Projektmanagement verlagert werden können und in die Projektarbeit einfließen.
Tobias
Leonhardt
Wie Prof. Gareis sehe ebenfalls einen generellen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft. (Unternehmerisches) Handeln beschränkt sich immer weniger auf die Wirtschaft sondern gestaltet zunehmend auch gesellschaftliche Bereiche (#Social Entrepreneurship, #Social Business). Dagegen beschränkten sich persönliche Werte und Ethik immer weniger auf die gesellschaftliche Bereiche sondern bestimmen zunehmend unser Wirtschaften. (#CSR, #Partizipation, #Kooperation, #Coworking, #Nachhaltigkeit, #Ehrlichkeit, #Transparenz, #Openness). Ich sehe in dieser Durchmischung die gesellschaftliche Entwicklung einer ganzheitlichen Sicht auf alle Lebensbereiche. Die ganzheitliche Sicht und nachhaltigen Denken sind für mich eng verbunden. Wollen wir auf diesem planten überleben muss unser (Projekt-)Wirtschaften nachhaltiger werden und das kann langfristig nur durch eine ganzheitliche, wahrhaftige Betrachtung unseres Handels geschehen. Der erste Schritt ist ein Bewusstsein dafür zu schaffen und draus das Projektmanagement weiterzuentwickeln. Allerdings sehe ich Projektmanagement wie Dr. Angermeier als wertneutralen "Methodenkoffer" und das Projekt erhält seine Ausrichtung durch die Ziel, Werte und Kultur des beauftragenden Unternehmens und der Persönlichkeiten der Projektmitarbeiter. Um ein Projekt nachhaltig zu gestallten müssen also die Zielvorgaben nachhaltig sein. Das Projektmanagement hat dann Methoden und Werkzeuge anzubieten mit denen diese Zielvorgaben umgesetzt werden können. Konkret fängt es bereits damit an, dass im Projektantrag neben den ökonomischen Zielen auch die ökologischen und gesellschaftlichen Zielvorgaben erfasst werden. Kein mir bekannter PM-Standard sieht dies zurzeit vor. "Social Sustainability" sehe ich damit nicht nur als zwischenmenschliche (soziale) sonder auch als gesellschaftliche Interaktion. "Social Sustainability" bedeutet für mich damit auch die Beachtung der gesellschaftlichen Auswirkungen des Projekts. Die im Interview angesprochene Möglichkeit das Budget für die Nachhaltigkeit separat, etwa wie das Risikomanagement zu halten finde ich Prof. Gareis auch nicht gut, allerdings aus dem Grund, dass es sich bei Risiko um eine andere Kostenart handelt. Risikobudget sind vom Charakter her Geldern für Gegenmaßnahmen und Reserven und bei letzteren ist es kommt es auf den Zufall an, ob diese benötigt werden. Nachhaltigkeitskosten können dagegen viel fixer geplant werden, wie die meisten anderen Projektkosten und wären damit nicht separat auszuweisen. Sicher können diese aber i.e. für Marketingzwecke separat erfasst werden. Ich denke mit dem nachhaltigen Projektmanagement geht es um eine ganzheitliche Weiterentwicklung des Projektmanagements in Methoden und Werkzeugen aber vor allem auch des Denkens und Handelns auf persönlicher und unternehmerischer Ebene. Am Ende sind es, wie es auch Manfred Noe in seinem Kommentar angesprochen hat, die Zielvorgaben für Projekte die Nachhaltig sein müssen.
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