BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und kein Ende? Reformkommission Großprojekte – ein Gespräch mit Klaus Grewe

Extreme Verzögerungen und Kostensteigerungen bei Vorzeigeprojekten wie dem neuen Berliner Flughafen bringen den bisher hervorragenden Ruf des deutschen Projektmanagements in Gefahr. Eine von Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer ins Leben gerufene Reformkommission soll die Ursachen für diese Probleme analysieren und Empfehlungen für das Management von Großprojekten der öffentlichen Hand erarbeiten. Klaus Grewe, der Projektkoordinator der Olympischen Spiele 2012 in London, gehört dieser Kommission an. Im Gespräch mit dem Projekt Magazin sieht Klaus Grewe vor allem in einer frühzeitigen, fundierten und detaillierten Planung einen wesentlichen Ansatzpunkt für die Verbesserung des Bauprojektmanagements in Deutschland. Titelbild: www.Bahnprojekt-Stuttgart-Ulm.de | Arnim Kilgus

 

BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und kein Ende? Reformkommission Großprojekte – ein Gespräch mit Klaus Grewe

Extreme Verzögerungen und Kostensteigerungen bei Vorzeigeprojekten wie dem neuen Berliner Flughafen bringen den bisher hervorragenden Ruf des deutschen Projektmanagements in Gefahr. Eine von Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer ins Leben gerufene Reformkommission soll die Ursachen für diese Probleme analysieren und Empfehlungen für das Management von Großprojekten der öffentlichen Hand erarbeiten. Klaus Grewe, der Projektkoordinator der Olympischen Spiele 2012 in London, gehört dieser Kommission an. Im Gespräch mit dem Projekt Magazin sieht Klaus Grewe vor allem in einer frühzeitigen, fundierten und detaillierten Planung einen wesentlichen Ansatzpunkt für die Verbesserung des Bauprojektmanagements in Deutschland. Titelbild: www.Bahnprojekt-Stuttgart-Ulm.de | Arnim Kilgus

 

Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer setzte im April 2013 die "Reformkommission Bau von Großprojekten" (im folgenden kurz "Reformkommission Großprojekte") ein (BMVBS (a), 2013). Anlass dafür waren die Negativschlagzeilen über die Großprojekte der Öffentlichen Hand, allen voran die mehrmaligen Bauverzögerungen beim neuen Berliner Flughafen BER. Aber auch die drastischen Kostensteigerungen bei der Elbphilharmonie oder die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 zeigten die dringende Notwendigkeit auf, das Projektmanagement in Deutschland bei öffentlichen Großprojekten zu reformieren.

Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) berief 36 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Verbänden in die Kommission, unter ihnen z.B. Ulrich Grillo (Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V.), Dr.-Ing. Rainer Schofer (Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verbands der Projektmanager der Bau- und Immobilienwirtschaft e.V.) und die Vorsitzende der deutschen Bauministerkonferenz Monika Bachmann (Ministerin für Inneres und Sport des Saarlands). Die Liste der Kommissionsmitglieder steht auf der Website des BMVBS zum Download zur Verfügung (BMVBS (b), 2013).

Die Kommission soll Leitlinien für künftige Großprojekte im Hochbau und im Verkehrsbereich aufzustellen, wie z.B. für Projekte des Bundesverkehrswegeplans 2015. Hierzu soll sie bis 2014 Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Verwaltung erarbeiten, dazu gehören auch Änderungsvorschläge für Vorschriften und Gesetze. Insgesamt sind sechs Sitzungen vorgesehen, von denen bereits zwei stattfanden. Parallel zu den Plenarsitzungen tagen Arbeitskreise zu speziellen Themen wie z.B. der Projektplanung. Aus dem Abschlussbericht der Kommission soll bis Mitte 2015 ein "Handbuch Großprojekte" entstehen.

Ebenfalls Mitglied der Reformkommission Großprojekte ist Klaus Grewe, der als Gesamt-Projektkoordinator für die Errichtung der Infrastruktur der Olympischen Spiele in London 2012 verantwortlich war. Über das Management dieses Megaprojekts, das er vier Monate vor dem Termin und unterhalb der geplanten Kosten abschließen konnte, berichtete er im Projekt Magazin in seinem Artikel "Das Projektmanagement der Olympischen Spiele 2012 in London".

Mit Klaus Grewe sprach für das Projekt Magazin Dr. Georg Angermeier über die Arbeit der Reformkommission Großprojekte, mögliche Ansätze zur Verbesserung des deutschen Bauprojektmanagements und über die Gepflogenheiten des internationalen Projektmanagements.

Deutschland kann vom internationalen Projektmanagement lernen

Projekt Magazin: Aus welchen Beweggründen nehmen Sie an der Reformkommission Großprojekte teil?

Klaus Grewe: Ich bin aufgrund meiner Erfahrung mit den Bauten für die Olympischen Spiele 2012 in London eingeladen worden. Als Deutscher in Großbritannien bin ich natürlich auch am guten Ruf der Deutschen Wirtschaft interessiert. Darüber hinaus habe ich hier gelernt, wie wichtig es ist, das Wissen aus anderen Ländern zu nutzen. Deutsches Know-how ist in Großbritannien sehr hoch angesehen. Die Kommission eröffnet die Möglichkeit, dass umgekehrt auch Deutschland vom international angewandten Projektmanagement lernen kann.

Bild 1: Klaus Grewe

Projekt Magazin: In welchen Punkten könnte denn Deutschland vom internationalen Projektmanagement lernen?

Klaus Grewe: Bei aktuellen, internationalen Projekten wie dem Umbau des Panamakanals oder den großen Bauvorhaben in Qatar wird schon in den frühen Phasen eines Projekts ein wesentlich höherer Aufwand betrieben. Bereits die allerersten Entwürfe werden aktiv mit Kostenschätzungen und, dies ist besonders wichtig, mit Risikobewertungen begleitet. Nach jeder Planungsphase, analog den Phasen der Deutschen HOAI, wird ein Abschlussbericht erstellt, der das Design, aber auch Kosten, realistische Zeitpläne und Risiken aufführt.

Diese Phasenabschlussberichte setzen den Kunden, d.h. den Staat, in die Lage zu entscheiden, ob das Projekt fortgeführt wird oder nicht. Bei Großprojekten ist es besonders wichtig, dass diese Berichte auch die Öffentlichkeit, d.h. die Bürger, entsprechend ausführlich informieren. In diesen Planungsphasen können bei komplexen Projekten die Kostenerwartungen durch die intensive Beschäftigung mit Detailherausforderungen erheblich schwanken. Auch diese Schwankungen werden mit den entsprechenden detaillierten Begleitinformationen kommuniziert und nach der jeweiligen Planungsphase zur Entscheidung vorgelegt.

Bewertungen und Kommentare

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Frank
Tesch

Sehr guter Artikel - Endlich! Die Defizite im deutschen Projektmanagement beziehen sich nicht nur auf Großprojekte und / oder die Bauwirtschaft. Es wird höchste Zeit, dass Projektmanagement in diesem Land professionell betrieben wird und Projekte nicht nur "gemacht", sondern endlich gemanagt werden.