19
Aug 2016
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

PM-FAQs: In der Theorie ist praktisch alles möglich

Wenn man über Jahre mit teils erfahrenen, teils unerfahrenen, aber immer neugierigen und motivierten Mitmenschen die Kunst des Projektmanagements diskutiert, dann werden immer wieder dieselben Fragen aufgeworfen. Viele davon beziehen sich nicht direkt auf Prozesse, Methoden und Tools, sind aber von grundsätzlicher Bedeutung. Oft wird die Sinnfrage gestellt ("Warum …?"). Und hier findet die Evolution vom Amateur zum Profi statt.

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Denn ein begabter Amateur im Projektmanagement tut oft (nicht immer) intuitiv das richtige, kann es aber nicht begründen. Ein guter Profi tut (hoffentlich fast immer) das richtige; er tut es aber wohlüberlegt und kann sein Handeln begründen. Und wenn er sehr gut ist, dann achtet er auch noch auf die Effizienz seines Handelns, denn wenn man zu viel des Guten tut, dann ist es auch nicht mehr gut.

Hier ist die nächste Frage, die mir immer wieder gestellt wird, und meine Antwort darauf. Haben Sie Anmerkungen, Ergänzungen oder Kritik, freue ich mich auf eine Diskussion. Und wenn Sie selber eine Frage einbringen möchten, dann greife ich sie gern auf, selbstverständlich mit Nennung der Quelle, falls gewünscht oder erlaubt.

Q: Bei uns in der Firma machen wir das (jenes/alles/…) ganz anders. Das ist doch reine Theorie. In der Praxis funktioniert das nicht. Was soll ich tun?

A: Sind Ihre Projekte erfolgreich?

Ja? Ändern Sie nichts.

Nein? Vielleicht versuchen Sie mal etwas anderes?

Man muss unterscheiden zwischen Theorie, Praxis und Realität. Die Theorie beschreibt den Weg vom Start zum Ziel als eine große, breite und völlig ebene Straße ohne jeglichen Verkehr. Die Praxis ist angewandte Theorie. Sie ähnelt aber oft einer gewundenen Bergpiste, die gelegentlich von Muren heimgesucht wird. Man muss seinen Fahrstil anpassen, um den Stolpersteinen auszuweichen, und manchmal braucht man auch erst das geeignete Vehikel; aber grundsätzlich führt sie auf dem kürzest möglichen Weg zum Ziel, auch wenn der keinerlei Ähnlichkeit mit der Luftlinie hat.

Praxis vs. Theorie

Bild: In der Praxis kommt man mit bloßer Theorie häufig nicht weit.

Das Fahren setzt allerdings Übung voraus. Fahren lernt man aber nicht bei der Rallye Paris-Dakar, sondern unter einfacheren Bedingungen. Wenden Sie also die Theorie erst in einfachen Fällen an, dann beherrschen Sie die Praxis auch in schwierigen Fällen.

Die Realität ("so läuft das bei uns …") ist leider oft nicht zielführend. Was manchmal getan wird, folgt dem schönen Spruch: Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die einfach, vollständig und falsch ist.

Bisher gibt es 4 Kommentare
Tja, wie (angeblich) schon Yogi Berra sagte : In der Theorie gibt es keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, in der Praxis schon !
vor 5 Wochen 3 Tagen Werner Pisar
Sehr geehrter Herr Plagge,
einige Ihrer Aussagen finde ich sehr zutreffend wie z.B.
"Die Praxis ist angewandte Theorie.
Die Realität ("so läuft das bei uns …") ist leider oft nicht zielführend. Was manchmal getan wird, folgt dem schönen Spruch: Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die einfach, vollständig und falsch ist."
Im Kontext des oben eingeblendeten Bildes bin ich mir jedoch nicht mehr so sicher, ob ich Sie wirklich verstanden habe. Ich halte das obige Bild für sehr irreführend und für Ausdruck eines Glaubenssatzes, der viele Probleme in der Praxis hervorruft.
Theorien sind die Essenz nach der wir Wirklichkeit überhaupt wahrnehmen können. Ohne Theorien wären wir heute noch in der Steinzeit. Natürlich sollten Theorien nachprüfbar sein und einen Mehrwert für das praktische Handeln darstellen. Dies ist manchmal nicht immer so einfach zu erfüllen: Wie wir wissen, hat es fast 100 Jahre gebraucht, um die Theorie von Einstein zu den Gravitationswellen einer ersten (!) Überprüfung zugänglich zu machen.
Mein Glaubenssatz ist also vielmehr, dass wir Theorien benötigen, um überhaupt praktisch sinnvoll agieren zu können. Unsere mentalen Modelle, also die "Theorien in unserem Kopf", sind entscheidend, inwieweit wir unsere Wirklichkeit wahrnehmen, ja sogar wahrnehmen können. Es gibt auch ein recht berühmtes Theorem von Ashby, das übertragen besagt, dass die „Komplexität in unserem Kopf“ die Fähigkeit bestimmt, die „Komplexität der Wirklichkeit“ zu regulieren. Man kann es auch anders ausdrücken: Wenn jemand sagt „so läuft das bei uns…“ dann ist dies auch Ausdruck seines mentalen Modells und der damit verbundenen Fähigkeit die Komplexität seines Umfeldes wahrzunehmen. Falls diese Wahrnehmung aufgrund seiner „Theorien im Kopf“ eingeschränkt ist, handelt er in einer Weise, die wahrscheinlich überhaupt nichts mit den Wechselwirkungen in seiner Organisation zu tun haben.
Meines Erachtens liegt also einer der wesentlichen Gründe, warum wir eine so geringe Erfolgsrate in Projekten haben, darin, dass die „Theorien in unserem Kopf“ nicht ausreichen, die Praxis zu erfassen.
Ich plädiere also für mehr Theorie und (!) Praxis und nicht für weniger von einem der beiden.
Dr. Alfred Oswald, www.socialtechnologies.de
vor 5 Wochen 3 Tagen Dr. Alfred Oswald
Sehr geehrter Herr Dr. Oswald,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Bitte beachten Sie, dass das Bild im Beitrag von Seiten der Redaktion ausgewählt wurde, also keine Äußerung des Autors darstellt. Es ging uns dabei darum, den Inhalt des Beitrags zu illustrieren. Sollte das Bild auf Sie sinnverfälschend wirken, tut uns dies leid.
Daniel Vienken (Redaktion)
vor 5 Wochen 3 Tagen Daniel Vienken
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Hallo Herr Dr. Oswald,
Die Redaktion hat ja das Bild gerade kommentiert; daher von mir nur:
Ich kann jedes Wort von Ihnen nur unterstreichen.
Nur Ihren vorletzten Satz würde ich ein wenig umformulieren: Einer der Gründe für die geringe Erfolgsrate ist, dass die Realität oft besteht aus wenig hinterfragten schlechten Arbeitsgewohnheiten. Deshalb:
Mehr kritische Aufmerksamkeit im Projektalltag, Fakten messen an guten Theorien und dann mehr gute Praxis daraus ableiten.
Und: danke für Ihren Kommentar!
W. Plagge
vor 5 Wochen 3 Tagen Walter Plagge
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