07
Nov 2014
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Und jährlich grüßt der IPM-Day!

Gestern war es wieder einmal soweit: Der International Project Management Day zog die Welt in seinen Bann. Obama, Putin, Ban Ki-moon, Papst Franziskus und sogar Kaiser Franz (Beckenbauer) priesen in ihren Stellungnahmen zu diesem weltweiten Großereignis die großartigen Beiträge, die Projektmanager und Projektmanagerinnen zum Fortschritt und zum Gemeinwohl leisten.

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Oh, Sie haben davon gar nichts gemerkt? Stimmt. Das war ja auch gerade frei erfunden, bis auf das Eine: Gestern fand tatsächlich der International Project Management Day 2014 statt. Aber selbst die wenigsten Projektmanager wissen überhaupt, dass es ihn gibt. Dabei hat er schon zehn Jahre auf dem Buckel: Frank P. Saladis, ein renommierter und international anerkannter Projektmanager, hat den IPM-Day vor zehn Jahren ins Leben gerufen.

Wozu brauchen wir einen Tag des Projektmanagements?

Projektmanager und Projektteams setzen sich unermüdlich dafür ein, die größten Herausforderungen zu bewältigen. Da erscheint es nur fair, ihnen einen Tag im Jahr zu widmen, an dem ihr Arbeitseinsatz besonders gewürdigt wird. Schließlich gibt es ja auch bereits seit 1990 den World Quality Day, der dieses Jahr am 13. November stattfindet.

Allerdings fällt da ein kleiner Unterschied auf: Beim Quality Day geht es darum, weltweit alle Organisationen von den Vorteilen des Qualitätsmanagements zu überzeugen. Frank P. Saladis hingegen hatte mit dem IPM-Day das Anliegen, Projektmanagerinnen und Projektmanagern besondere Wertschätzung zukommen zu lassen.

Da drängt sich natürlich die Frage auf, warum es beim Qualitätsmanagement um die Sache und beim Projektmanagement um die Personen geht? Haben es Projektmanager so viel schwerer als Qualitätsmanager?

Die Zwickmühle des Projektmanagements

In der Tat erscheint es mir so, als ob Projektmanager im Gegensatz zu Qualitätsmanagern grundsätzlich zwischen mehreren Stühlen sitzen. Und zwar nicht nur aufgrund ihrer Funktion, sondern bereits deswegen, weil es keinen Konsens darüber gibt, was Projektmanagement denn überhaupt genau bedeutet.

Ein anonymisiertes Beispiel aus der Praxis soll dies veranschaulichen: Ein weltweit agierendes, deutsches Maschinenbau-Unternehmen will seine Leistungsfähigkeit verbessern und unternehmensweit sein Projektmanagement vereinheitlichen. Einige Bereiche bilden Mitarbeiter bereits nach PMI aus, andere nach IPMA. Die Taskgroup beschließt: Als Basis für das unternehmensweite Projektmanagement-System wird PRINCE2 verwendet, denn dann wird keine der bisherigen Fraktionen bevorzugt. Und natürlich ist allen Bereichen weiterhin freigestellt, ihre Mitarbeiter auch nach PMI oder IPMA zertifizieren zu lassen. Dreimal dürfen Sie raten, was die pragmatischen Ingenieure des Unternehmens im privaten Gespräch sagen: "Ach, das mit dem Projektmanagement geht auch wieder vorbei!"

Dieses Beispiel ist symptomatisch dafür, dass Projektmanager zwischen den Stühlen hocken. In der Tat brauchen wir dann einen IPM-Day, bei dem der aufopferungsvolle Einsatz der Projektmanagerinnen und Projektmanager gewürdigt wird. Nur bekommen die wenigsten etwas davon mit, weil sie Projektmanagement nur als ein ziemlich chaotisches Durcheinander dicker Richtlinien kennen und sich lieber auf ihren eigenen gesunden Menschenverstand verlassen.

Die Blinden und der Elefant

Sicher kennen Sie die Geschichte von den Blinden, die einen Elefanten beschreiben wollen, hier eine stark gekürzte Version: Die Ratgeber eines indischen Maharadschas waren untereinander völlig zerstritten und konnten sich auf keine gemeinsame Strategie einigen. Da rief sie der Maharadscha alle zusammen. Er hatte drei Blinde holen lassen und sie um einen Elefanten gestellt. Die Blinden durften den Elefanten betasten, und zwar jeweils das Körperteil, das ihnen gerade am nächsten war. So fühlte einer den Rüssel, ein anderer umfasste ein Bein und der letzte tastete den Bauch ab. Die Blinden wurden vom Elefanten weggeführt und sollten schließlich vor dem Maharadscha und seinen Ratgebern berichten, was ein Elefant sei.

  • Der erste sagte: Ein Elefant ist wie ein Schlauch!
  • Der zweite meinte: Ein Elefant ist wie eine Säule!
  • Der dritte lachte die anderen aus und sagte: Ihr habt doch keine Ahnung, er ist wie ein Fass!

Und die drei Blinden fingen an wild durcheinander zu schreien, sich zu beschimpfen und jeweils ihre Erfahrung als die richtige zu beschreiben. Die Ratgeber des Maharadschas lachten sehr und freuten sich über die Unterhaltung, die ihnen der Maharadscha offensichtlich bereitete.

Aber der Maharadscha war noch nicht fertig. Er ließ die Blinden nochmals zum Elefanten führen, diesmal aber durften sie um das Tier herumgehen und nach und nach alle Teile seines Körpers betasten. Und sie erkannten, dass jeder von ihnen zum Teil Recht hatte, und doch keiner den gesamten Elefanten erkannt hatte. Und sie hörten auf zu streiten und entschuldigten sich untereinander.

Als der Elefant und die Blinden gegangen waren, wandte sich der Maharadscha zu seinen immer noch lachenden Ratgebern und fragte sie: "Und wann seht Ihr endlich den ganzen Elefanten?"

Genauso scheint es mit dem Projektmanagement zu sein:

  • Die IPMA sagt: "Es kommt darauf an, dass die Projektmanager die richtigen Kompetenzen haben!", weswegen es die IPMA Competence Baseline (ICB) erstellt hat.
  • Das PMI betont: "Wir müssen die Projektmanagementprozesse und die Wissensgebiete vollständig beschreiben!" und aktualisiert alle vier Jahre den PMBOK® Guide.
  • Und AXELOS propagiert PRINCE2®, da es meint: "Entscheidend ist, dass ein Projekt einen vereinbarten Business Case hat, anhand dessen beständig überprüft wird, ob das Projekt noch machbar, wünschenswert und lohnend ist!"

Alle haben meiner Meinung nach Recht, aber im Gegensatz zu den Blinden aus der Geschichte scheinen die drei großen Protagonisten des Projektmanagements nicht den Mut zu haben, ihre Ansätze zu einem "ganzheitlichen" Projektmanagementsystem zu integrieren. Und deshalb gibt es bis heute kein ordentliches, allgemein anerkanntes Projektmanagement, sondern nur ein Abstecken der (Zertifizierungs-)Pfründe.

Neue Buzzwords aber nichts substanziell Neues

Demzufolge hören wir bei den Veranstaltungen des IPM-Days auch jedes Jahr das Gleiche: Ausrichtung der Projekte auf Unternehmensstrategie, Ganzheitlichkeit, Nachhaltigkeit, Diversity and Gender Mainstreaming usw. Allem voran natürlich erfahren wir, dass die Bedeutung von Projektmanagement beständig wächst und die großen Herausforderungen der Menschheit nur mit Projektmanagement zu bewältigen sind. Und nachdem der Begriff Projektmanagement doch irgendwie ein bisschen abgegriffen wirkt, braucht man immer mal wieder was Neues: wie z.B. Programm-Management, Projektportfoliomanagement, Project Management Offices, Ganzheitlichkeit, Enterprise Project Governance oder Projektmanagement 2.0.

Brauchen wir einen Tag der Vernunft?

Aus dieser Zersplitterung und der Unfähigkeit zu einer gemeinsamen Perspektive wächst eine große Gefahr: Diejenigen, die tatsächlich Projektmanagement leben und benötigen, können völlig zu Recht die in ihren Denkwelten gefangenen Organisationen nicht wirklich ernst nehmen.

Vielleicht brauchen wir ja keinen International Project Management Day, sondern einen International Day of Reason? Denn sonst kann auch dieser Blogbeitrag nächstes Jahr wieder unverändert neu erscheinen…

Bisher gibt es 1 Kommentar
Wieder mal auf den Punkt gebracht! :-)
vor 2 Jahre 4 Wochen Paula
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