27
Feb 2015
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Wahrnehmung – wichtig für gelungene Kommunikation im Projektmanagement

"Entfachen Sie das Teamfeuer" – so der Titel des Buches, das ich Ende letzten Jahres mit meinen Autorenkollegen Christian Majer und Luis Stabauer veröffentlicht habe. Das Buch ist ein Sachbuch zur Vertiefung und Reflexion, dient als Nachschlagewerk bei auftretenden Praxisfragen und hilft mit Tipps bei der schnellen Orientierung im Projektmanagement-Alltag. Vor allem ist es aber auch ein Lesebuch. Denn wir erzählen darin eine Geschichte. Die Geschichte von Projektmanager Walter Punkt auf seinem Weg zum "Entfacher des Feuers ins seinem Team" und beim dafür notwendigen Entfalten seiner eigenen Social Skills – u.a. dem besseren Wahrnehmen.

Anzeige

Warum Wahrnehmung so wichtig ist? Sie ist aller Anfang. Auch im Projektmanagement. Und sie ist vor allem bei der Teamzusammensetzung und bei der Kommunikation mit den unterschiedlichen Stakeholdern eine wichtige Dimension. Aber leider: Wahrnehmung wird sehr oft unterschätzt bzw. häufig falsch interpretiert.

Bereits im Kleinkind wachsen Gehirnzellen je nach Umwelteinflüssen (Hautkontakt, Gerüche, Klänge, Stimmen etc.) unterschiedlich. Die biologischen Vorgänge im Gehirn erzeugen Wahrnehmungen und damit ein subjektives Bild der Welt. Bestimmte Gerüche können z.B. ein Glücksgefühl auslösen.

Vermischung von Wahrnehmung und Bewertung

Im Unterschied zur sinnesspezifischen Wahrnehmung steht die Interpretation oder Bewertung einer Beobachtung. Die Wahrnehmung "seine Augenbrauen sind hochgezogen" kann mit "er ist arrogant" interpretiert und bewertet werden, aber auch mit "er ist aufgeregt oder besonders interessiert". Die Beobachtung "das Projekthandbuch enthält keinen Projektstrukturplan" kann zur Bewertung "das Projekt ist nicht sauber geplant" führen. Eine Vermischung von Wahrnehmung und Bewertung wird meist als Kritik empfunden und kann schnell zu Konflikten führen.

Denkmuster beeinflussen Wahrnehmung und Wirklichkeitssicht

Die sozialen Beobachtungs- und Wahrnehmungsraster werden zusätzlich durch die Stellung im sozialen Umfeld (Familie, Gender, Status im Unternehmen oder im Projekt, Kultur des Landes) bestimmt. Jeder Mensch hat im Laufe seiner primären Sozialisation (Eltern, Schule) und der sekundären Sozialisation (Berufsleben) bestimmte Denkmuster, Beobachtungsraster oder Metaprogramme erworben, die seine Wahrnehmung und Wirklichkeitssicht beeinflussen.

Beispiele von Beobachtungsrastern:

  • Nach der Aktivität im Projekt: Wird bei Änderungen im Arbeitspaket entweder selbst aktiv oder wartet bis die ProjektleiterIn Anstöße gibt.
  • Nach der Gesamt-Orientierung im Projekt: Hat fast immer das strategische Ziel, die Vision vor Augen oder ist nur mit ihrer konkreten Detailaufgabe beschäftigt.
  • Nach dem Arbeitsstil in der Projektarbeit: Entwickelt neue Methoden oder Verfahren bei Problemen oder führt Arbeitsabläufe nach Regeln durch, braucht Anweisungen.
  • Nach zeitlichen Dimensionen im Projekt: Ist tendenziell an der Vergangenheit orientiert oder richtet die Tätigkeit an der eigenen und der Projektzukunft aus.

Diese Beobachtungsraster sind weder gut noch schlecht und sind auch veränderbar. In Projekten ist es daher wichtig zu wissen, dass die Beteiligten unterschiedliche Muster haben können. Es kann sogar sehr sinnvoll sein, ein Projektteam nach unterschiedlichen Orientierungen zusammenzusetzen, um die Vielfalt des Teams zu erhöhen und etwaige blinde Flecken zu vermeiden (Diversity im Projektmanagement).

Die Stereotypen im Projekt

Bedenken Sie: Wahrnehmungsprozesse in Projekten unterliegen Stereotypenbildungen. PlanerInnen sind grundsätzlich kompliziert, IT-TechnikerInnen geben nicht die Hand, ProjektmanagerInnen sind bürokratisch, BetriebsrätInnen schützen nur die Sozialschmarotzer usw. Stereotypen können aber auch positive Erwartungen auslösen: Wer aus dem Management kommt, wird das auf alle Fälle lösen können, ProjektleiterInnen sind sozial kompetent usw. Es ist daher nicht das Ziel, die Stereotypen zu verdrängen, sondern sie zu kennen, um mit den Vorurteilen angemessen umgehen zu können.

Unterschiedliche Wahrnehmungen führen zu "Inneren Landkarten" – eine Metapher für die Tatsache, dass jeder Mensch seine Erfahrung mit der Realität auf individuelle Weise verarbeitet. Von Geburt an machen wir eigene, einzigartige Erfahrungen, wie wir unsere ersten Stunden, unsere Kindheit, die Pubertät, unser Elternhaus, die Schule, die ersten Projekte… erlebt haben. Im Laufe der Jahre bekommen wir eine Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert, und nehmen so die Umwelt unterschiedlich wahr.

Die Innere Landkarte wird von unserem Unbewussten in jedem Moment herangezogen, um die aktuelle Situation interpretieren, bewerten und einordnen zu können. Wir haben in unseren Köpfen und bei unseren Gefühlen keine objektive Realität, sondern ein konstruiertes Bild der Realität, eine Landkarte, die Orientierung für den Alltag gibt. Diese unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Und das sollten wir uns im professionellen Projektmanagement immer vor Augen halten.

Wie fehlgelenkt man von den eigenen Stereotypen sein kann, können Sie auch in der Leseprobe von "Entfachen Sie das Teamfeuer" am Beispiel von Walter Punkt mitverfolgen unter: www.sokrates.biz/texte/fachbuch-entfachen-sie-das-teamfeuer

Bisher gibt es 3 Kommentare
Genau auf den Punkt!
Im internationalen Projektumfeld kommen die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bewertungsmustern in Form der Kulturunterschiede (inkl. Stereotypen) besonders zur Geltung und beeinflussen so (bzw. der Umgang mit ihnen) maßgeblich den Projekterfolg.
Ihr Buch habe ich schon bestellt – für mich ist es sicherlich eine persönliche Bereicherung!
Danke.
vor 1 Jahr 40 Wochen BA Igor Hadžiahmetović
Ich hatte das Buch bereits und kann es unbedingt empfehlen: Ein Mix aus sehr gut dargestellter Theorie und einer Story, die das Ganze in Zusammenhang bringt.
vor 1 Jahr 38 Wochen Beate Friedrich
Herzlichen Dank für den Artikel! Bin ich ganz ihrer Meinung. Für mich klingt es auch sehr nach dem Begriff der "Maps of reality". Und noch viel wichtiger in mehrheitlich virtuellen Projekten diese Landkarten zu beachten, da hier die Kommunikation noch mehr Herausforderungen aufgrund Zeitunterschiede und fehlender Präsenz unterliegt. Das bedeutet für das professionelle Projektmanagement noch mehr, die Landkarten zu beachten und Wahrnehmung und Bewertung zu trennen. Gerade wenn wir die Körpersprache nicht zur Verfügung oder nur wenig zu Verfügung haben, brauchen wir höhere Achtsamkeit für die Wahrnehmung für eine erfolgreiche Kommunikation.
vor 1 Jahr 37 Wochen Steffen Liebener
Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare aus und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.
Kommentar verfassen
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Bitte geben Sie Ihren Namen an: *
Tech Link