Wenn in Projekten scheinbar unumstößliche Aussagen auftauchen, wie z.B. ″Das funktioniert bei uns nicht″, ″Die Fachabteilung wird das nie akzeptieren″ oder ″Dafür haben wir keine Zeit″, werden diese häufig sofort bestritten, relativiert oder als Widerstand interpretiert. Street Epistemology setzt einen Schritt früher an: Die Aussage wird nicht bekämpft, sondern gemeinsam untersucht.
Dieser Perspektivwechsel ist meiner Erfahrung nach besonders wichtig: Mit Street Epistemology erkunden Sie eine konkrete Überzeugung oder Einschätzung, ohne sie direkt zu bewerten oder zu widerlegen. Sie versuchen nicht, bessere Argumente zu liefern oder die andere Person zu einer bestimmten Schlussfolgerung zu führen.
Respektvolles Zuhören ermöglicht Reflexion
Vielmehr stellen Sie offene, respektvolle Fragen und achten darauf, dass das Gespräch nicht in Rechtfertigung, Belehrung oder Gegenargumentation kippt. Auf diese Weise unterstützt die Methode dabei, sichtbar zu machen, wie eine Person zu ihrer Einschätzung gelangt ist, worauf sie diese stützt und unter welchen Bedingungen sie die Einschätzung erneut prüfen würde.
Street Epistemology verwendet Elemente des aktiven Zuhörens, geht aber darüber hinaus. Während aktives Zuhören vor allem dem Verstehen und Spiegeln dient, erkundet Street Epistemology zusätzlich die Begründungsstruktur einer Überzeugung. Auch zum empathischen Gespräch gibt es Überschneidungen. Dort stehen Erleben, Bedürfnisse und persönliche Perspektiven stärker im Mittelpunkt.
Street Epistemology fokussiert stärker auf Überzeugungen, Gründe, Gewissheit und mögliche Prüfbedingungen. Anders als Common-Ground-Ansätze muss die Methode nicht zu Einigkeit führen. Ein gutes Ergebnis kann bereits darin bestehen, dass eine Überzeugung genauer formuliert und besser prüfbar wird.
Beispiel: Skepsis gegenüber einem neuen Projektsteuerungs-Tool
Ein mittelständisches Unternehmen führt ein neues digitales Projektsteuerungs-Tool ein. Darüber sollen Statusberichte, Risiken, offene Entscheidungen und Aufgaben künftig einheitlich dokumentiert werden. Manuela, die Leiterin des Einführungsprojekts, verbindet damit die Erwartung, Abstimmungen zu verkürzen und Projektrisiken früher sichtbar zu machen.
Kai, ein erfahrener Mitarbeiter aus der Fachabteilung, reagiert jedoch zurückhaltend. Als Teilprojektleiter hat er bereits mehrere Tool-Einführungen erlebt, die zunächst als Entlastung angekündigt wurden, im Alltag aber zusätzliche Dokumentationsarbeit erzeugten. In den Projektmeetings sagt Kai wiederholt: ″Das Tool wird bei uns nicht funktionieren.″
Diese Aussage führt jedes Mal zu denselben Diskussionen. Manuela verweist auf die Vorteile des neuen Tools, Kai erinnert an frühere Einführungen mit hohem Pflegeaufwand. Dadurch entsteht zunehmend ein Muster: Die eine Seite spricht über Transparenz und Steuerbarkeit, die andere über zusätzlichen Aufwand und fehlende Nutzung der erfassten Informationen.
Um diese Schleife nicht fortzusetzen, entscheidet sich Manuela für ein separates Gespräch. Dabei soll es nicht darum gehen, Kai zu überzeugen oder seine Einwände zu entkräften. Manuela möchte als Projektleitung zunächst verstehen, welche konkrete Überzeugung hinter der Aussage von Kai steht und ob er bereit ist, diese Einschätzung gemeinsam zu erkunden.
Schritt 1: Klären Sie Gesprächsrahmen und zu erkundende Überzeugung!
Schaffen Sie zu Beginn einen freiwilligen und respektvollen Gesprächsrahmen. Street Epistemology funktioniert nur, wenn die angesprochene Person bereit ist, eine eigene Überzeugung oder Einschätzung gemeinsam zu erkunden. Machen Sie deshalb deutlich, dass es nicht darum geht, die Person zu widerlegen, zu belehren oder zu einer bestimmten Schlussfolgerung zu führen.
Klären Sie anschließend, welche konkrete Überzeugung im Mittelpunkt stehen soll. Allgemeine Aussagen wie ″Ich bin dagegen″ oder ″Das wird schwierig″ sind als Ausgangspunkt zu unscharf. Für die Methode braucht es eine möglichst klare Aussage, die gemeinsam betrachtet werden kann, z.B. ″Das neue Projektsteuerungs-Tool wird in unserer Abteilung nicht funktionieren.″
Zuerst das Thema klären und die Bereitschaft herstellen
Dieser erste Schritt ist meiner Erfahrung nach besonders wichtig, weil viele Gespräche über feste Überzeugungen zu spät beginnen. Es wird sofort argumentiert, erklärt oder überzeugt. Street Epistemology setzt früher an: Zunächst wird geklärt, worüber überhaupt gesprochen wird und ob die Person bereit ist, diese Einschätzung offen zu untersuchen. Ein hilfreicher Einstieg lautet deshalb:
″Wärst du bereit, diese Einschätzung gemeinsam mit mir genauer anzuschauen, ohne dass es darum geht, dich von etwas zu überzeugen?″
Diese Frage macht den Zweck des Gesprächs transparent. Sie zeigt, dass die Person nicht in eine Rechtfertigungssituation gebracht werden soll. Lehnt die Person ein solches Gespräch ab, sollte die Methode nicht eingesetzt werden.
Mögliche Leitfragen für die Klärung von Rahmen und Überzeugung sind:
- Welche konkrete Einschätzung soll gemeinsam betrachtet werden?
- Wie würdest du diese Überzeugung in einem Satz formulieren?
- Was genau meinst du, wenn du sagst ″Das funktioniert nicht″?
- Auf welchen Kontext oder welche Situation bezieht sich diese Einschätzung?
- Bist du bereit, gemeinsam zu erkunden, worauf diese Einschätzung beruht?
- Gibt es Grenzen für dieses Gespräch, die wir vorab klären sollten?
Unterstützung durch KI bei der Vorbereitung
Wenn bereits Material aus Meetings, Retrospektiven, Stakeholder-Interviews oder Projektprotokollen vorliegt, kann der Einsatz von KI die Vorbereitung unterstützen. Sinnvoll ist z.B. eine Auswertung nach wiederkehrenden Aussagen, die auf feste Überzeugungen hinweisen. Die Auswertung sollte jeweils Originalformulierung, Kontext und mögliche zugrunde liegende Annahme enthalten. Die Auswahl der Überzeugung für das Gespräch bleibt dabei Aufgabe der gesprächsführenden Person und muss im Gespräch geklärt werden.
Beispiel: Gesprächsrahmen beim Projektsteuerungs-Tool klären
Manuela bittet Kai um ein separates Gespräch. Sie nimmt ausdrücklich Bezug auf seine wiederholte Aussage, dass das neue Projektsteuerungs-Tool in seiner Abteilung nicht funktionieren werde. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass es nicht darum geht, ihn zu überzeugen oder seine Einschätzung im nächsten Projektmeeting gegen ihn zu verwenden.
Zu Beginn fragt sie: ″Du hast mehrfach gesagt, dass das Tool bei euch in der Abteilung nicht funktionieren wird. Wärst du bereit, diese Einschätzung mit mir genauer anzuschauen? Mir geht es nicht darum, dich vom Tool zu überzeugen, sondern besser zu verstehen, worauf deine Einschätzung beruht.″
Kai stimmt zu, weist aber darauf hin, dass er keine Grundsatzdiskussion über Digitalisierung führen möchte. Manuela greift diese Grenze auf und schlägt vor, das Gespräch auf die konkrete Einführung des Projektsteuerungs-Tools in seiner Abteilung zu begrenzen.
Gemeinsam formulieren sie die Überzeugung, die im Gespräch erkundet werden soll: ″Das neue Projektsteuerungs-Tool wird in unserer Abteilung nicht funktionieren.″
Damit ist der Gesprächsgegenstand klar eingegrenzt. Es geht nicht um allgemeine Vorbehalte gegenüber digitalen Tools, nicht um die gesamte Projektkultur des Unternehmens und nicht um eine Bewertung der Person. Im Mittelpunkt steht eine konkrete Einschätzung, die im weiteren Gespräch respektvoll untersucht werden kann.