Mental-Health-Expertin Nora Dietrich im Interview Mentale Gesundheit im Projekt: Wie wir mit Druck, Komplexität und Belastungsgrenzen umgehen
Projekte verlangen viel von uns: Bei knappen Deadlines, wachsender Komplexität und ständiger Erreichbarkeit balancieren Projektteams täglich zwischen Anspruch und Belastung. Doch wann wird daraus Überlastung? Und wie können Teams und Führungskräfte gegensteuern? Mental-Health-Expertin Nora Dietrich erklärt im Gespräch, warum mentale Gesundheit kein "Nice-to-have" ist, woran Projektbeteiligte ihre Grenzen erkennen und wie ein gesunder Umgang mit Druck im Projektalltag gelingt.
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Mental-Health-Expertin Nora Dietrich im Interview Mentale Gesundheit im Projekt: Wie wir mit Druck, Komplexität und Belastungsgrenzen umgehen
Projekte verlangen viel von uns: Bei knappen Deadlines, wachsender Komplexität und ständiger Erreichbarkeit balancieren Projektteams täglich zwischen Anspruch und Belastung. Doch wann wird daraus Überlastung? Und wie können Teams und Führungskräfte gegensteuern? Mental-Health-Expertin Nora Dietrich erklärt im Gespräch, warum mentale Gesundheit kein "Nice-to-have" ist, woran Projektbeteiligte ihre Grenzen erkennen und wie ein gesunder Umgang mit Druck im Projektalltag gelingt.
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Nora Dietrich ist psychologische Psychotherapeutin, Expertin für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz, Autorin des Buchs "Mental Health at Work" und Gründerin des Beratungsunternehmens Between People. Sie beschäftigt sich mit der Frage: Was brauchen wir, um unsere bestmögliche Arbeit zu machen und trotzdem gesund zu bleiben?
Im Fokus ihrer Arbeit stehen dabei die beiden Themen New Work und Gesundheit. Nora Dietrich inspiriert Organisationen, mentale Gesundheit als Hebel für die Zukunft zu verstehen und die Arbeitswelt so durch mehr Menschlichkeit zu revolutionieren. 2023 wurde sie als LinkedIn Top Voice in der Kategorie "Work-Life-Balance" ausgezeichnet. Auf der Plattform setzt sie sich für die Entstigmatisierung von mentaler Gesundheit und deren Vereinbarkeit mit dem Berufsleben ein. (Foto: © Alina Atzler)
Nora, wenn wir uns mentale Gesundheit als einen Muskel vorstellen, den wir trainieren können – welcher Bereich dieses "Muskeltrainings" ist deiner Erfahrung nach im Projektalltag besonders überlastet?
Was uns im Projektalltag extrem fordert, ist die Komplexität. Es gibt unglaublich viele Parallelverantwortlichkeiten, Aufgaben und zum Teil Menschen, die ich koordinieren muss. Das heißt, diese Frage nach Fokus, Priorisierung, nach Strukturierung stellen wir sehr, sehr viel. Aber leider häufig mit der Schattenseite, dass es wenig Fokusräume gibt, und dass wir ganz selten das Gefühl haben, was fertig zu bekommen, weil eben so viele Informationen auf uns einprasseln.
Und welche Muskeln bleiben meist völlig untrainiert?
Im Projektalltag geht die zwischenmenschliche Komponente von Gesundheit häufig unter: Habe ich das Gefühl, hier einen echten Support zu haben? Bekomme ich ausreichend und regelmäßig Feedback? Lernen wir schnell aus Fehlern? Habe ich das Vertrauen zu sagen: "Hey Leute, das wächst mir gerade über den Kopf, ich schaff das alleine nicht. Könnt ihr mich unterstützen?" Ich erlebe in Projektteams immer wieder, dass alle sofort motiviert die Ärmel hochkrempeln und sich in die Tasks stürzen. Aber wie wir kommunizieren, wie wir uns Feedback geben, was das Ziel ist, wie wir nah am Ziel dranbleiben, das fällt häufig hinten runter. Ich höre leider oft: "Review-Prozesse machen wir, aber die Retrospektive sagen wir oft kurzfristig ab, weil die To-do-Liste zu lang ist."
Nach einem Projekt braucht es eigentlich eine Atempause, in der wir überlegen, was wir beim nächsten Mal besser machen: Hochleistung, Pause, Peak, Pause. Doch genau das leben wir in Projekten kaum.
Und das zweite ist die Frage nach Regeneration. Oft ist es so, dass wir in Projekten pushen. Wir haben häufig eine strenge Deadline und können diese Hürde sehr gut überwinden. Aber danach braucht es eigentlich eine Atempause, in der wir daraus lernen, sortieren und überlegen, was wir beim nächsten Mal besser machen. Es geht darum, Energie zu sammeln, das Team noch mal zu strukturieren und dann ins nächste Projekt zu gehen. Doch die meisten Teams, die ich kenne, haben eher drei bis fünfzehn Projekte gleichzeitig und das nächste fängt schon an, wenn das andere noch gar nicht vorbei ist.
High Performance resultiert nicht aus High Pressure. Wir denken, wenn wir noch ein bisschen mehr drücken und noch ein bisschen mehr beißen, dann wird das schon. Aber Spitzenleistung braucht Spitzenregeneration – das gilt im Sport, und es gilt genauso in Projekten. Wir funktionieren besser, wenn wir mal kurz durchatmen können. Unser System folgt dem Rhythmus einer Sinuskurve: Hochleistung, Pause, Peak, Pause. Doch genau das leben wir in Projekten kaum.
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Realität
11.05.2026
Danke für den interessanten Beitrag. Ich finde es gut, dass in dem Beitrag nicht nur steht was man alles tun könnte, sondern auch was die Konsequenzen sind, wenn man Überlastung anspricht. Was nicht ins Bild passt wird bestenfalls ignoriert und im schlechtesten Fall führt es zu einer hohen Fluktuation, selten freiwillig.
Sie sprechen etwas Wichtiges an
12.05.2026
Hallo Frau Milbradt,
unsere Gesprächspartnerin Nora Dietrich freut sich über Ihr Feedback. Sie schreibt:
"Danke Ihnen, Sie sprechen etwas Wichtiges an. Mein Eindruck ist, dass viele Führungskräfte unterschätzen, wie viel Mut es kostet, Überlastung überhaupt zu benennen. Wenn diese Stimmen dann ignoriert werden, ist Fluktuation häufig nur die Quittung. Gleichzeitig lernen die meisten Führungskräfte solche Art von Gesprächen nie. Es fehlt der Werkzeugkoffer, eine gesunde Teamkultur zu etablieren."
Herzliche Grüße aus der Redaktion
Julia Schumacher