29
Sep 2017
Meilenstein – Der Projektmanagement-Blog

Projektleitung: Bin ich im falschen Film?

Unsere inneren Antreiber gaukeln uns vor, dass wir große Actionhelden sind, während wir noch nicht einmal wissen, ob wir nicht lieber in einer romantischen Familienkomödie mitspielen wollen. Doch diese Fehlbesetzung bleibt nicht ohne Folgen, vor allem wenn wir die Warnsignale übersehen, kann es lebensbedrohlich werden. Das glauben Sie nicht? Dann lassen Sie mich Ihnen Hans Fallhuber vorstellen.

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Fallhuber (38) ist studierter Ingenieur und arbeitet als Projektleiter. Mit seiner Frau Margret (34), gelernte Industriekauffrau, und den beiden gemeinsamen Söhnen (3 & 4) bewohnt er ein Reihenhaus am Stadtrand, nah an Margrets Elternhaus. Abbezahlt ist das Haus in knapp 20 Jahren. Der Plan: Margret bleibt zu Hause, bis die Jungs auf dem Gymnasium sind. Das haben sie und Hans vor der Geburt des ersten Kindes so verabredet.

Der "Aufstieg" des Hans Fallhuber

Hans wollte Karriere in der Wirtschaft machen, seit er schon mit 28 den Doktortitel für eine Arbeit über Oberflächentechnik bekam, die er mit Unterstützung seines ersten Arbeitsgebers – einem Flugzeugbauer – verfasst hatte. "Summa cum laude" und hervorragende Zeugnisse seines Arbeitgebers waren das Ergebnis.

Er ging dann zu einem Autozulieferer, der sich selbst immer noch mittelständisch nannte, obwohl er bereits 1.500 Mitarbeiter hatte, Teile und Klein-Aggregate in die ganze Welt lieferte und sich hartnäckig gegen die immer stärker werdende Konkurrenz, beispielsweise aus China, verteidigte. In seinem Arbeitsvertrag war sogar als Entwicklungsziel die Leitung von größeren Entwicklungsprojekten festgehalten worden und die Aussicht später Führungskraft in der Linie zu werden.

Bald ließ er sich zum Projektingenieur ausbilden – für fast 10.000 Euro. Das hatte er selbst bezahlt, mangels Unterstützung durch seinen Chef, aber seine Entwicklungschancen fest im Blick. Das Ergebnis war kein Status als Führungskraft, aber eine Gehaltszulage von zunächst ca. 250 Euro brutto. Hans arbeitet nun 50 Stunden die Woche und nimmt ungeklärte Probleme mit nach Hause.

Sein Chef, ein 62-jähriger gelernter Mechaniker und Verwandter des immer noch autoritär herrschenden Firmengründers, unterstützt ihn nicht wirklich. Im Gegenteil. Er solle geduldiger sein, "erst einmal zeigen, was er kann!" Es würden sich dann schon Chancen ergeben. Das ging nun schon geraume Zeit so. Neulich hat er ihn bei einem Meeting außerdem kritisiert, weil er einen Konflikt im Projekt nicht sofort vom Tisch bekam. "Da müssen Sie noch was dazulernen, Herr Fallhuber!", raunte sein Chef ihm beim Verlassen des Raumes zu.

Der Weg in den Abgrund

Seit Monaten ist Fallhuber in Behandlung, unter anderem wegen Herzrhythmus-Störungen. Sein Arzt hat ihm schon mehrfach empfohlen, eine Kur zu machen. "Wenn Sie nicht auf sich Acht geben, entwickeln Sie noch ein Burnout-Syndrom. Damit ist nicht zu spaßen, auch wenn viele es für eine Modeerscheinung halten."

Mittlerweile nimmt er täglich Tabletten. Den Familienurlaub auf Spiekeroog musste er nach einer Woche abbrechen, um in ein problematisches Projekt eingreifen zu können. Sein Chef, der eigentlich hätte eingreifen sollen, war wegen "persönlicher Gründe verhindert". Die Familie verblieb die übrigen zwei Wochen ohne ihn dort. Seine Frau ist seitdem schwer enttäuscht und wird in dieser Haltung von ihren Eltern unterstützt.

Hans Fallhubers Vater entwickelt eine immer stärkere Demenz, die seine Mutter völlig überfordert. Alle vierzehn Tage verbringt er nun das Wochenende bei seinen Eltern, die 300 km entfernt in der Eifel wohnen und sich weigern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Strampeln im Sumpf

Zu keinem Zeitpunkt würde er seine Bemühungen anzweifeln, doch noch eine erfolgreiche Karriere zu machen und ein stolzer und glücklicher Familienvater zu werden, zumal er auf Drängen seiner Frau auch noch einen Tango-Tanzkurs mit ihr begonnen hat. Er fühlt sich zwar immer häufiger schlapp und ausgelaugt und würde den Feierabend lieber mal zu Hause verbringen "ohne etwas Organisiertes tun zu müssen", wie er seiner Frau neulich hatte erklären wollen. Aber schließlich hatte seine Frau ja Recht: Wenn man sich gar nicht mehr sieht, braucht man auch keine Ehe, geschweige denn Kinder (sie wollten ursprünglich noch ein drittes Kind).

Auch als der Notarzt in an einem Dienstagmorgen im Juli nach der Wiederbelebung direkt in die Notaufnahme fährt, ist er nach dem Aufwachen überzeugt, es nur mit einem vorübergehenden Rückschlag zu tun zu haben. In der anschließenden Reha stellte sich heraus, dass Hans Fallhuber sein bisheriges Leben lang einem ganzen Set von inneren Antreibern gefolgt ist, die gar nicht seine eigenen waren. Bildlich ausgedrückt glich sein Leben einem Film, in er zwar die Hauptrolle spielte, seine Handlungen ihm jedoch von wechselnden Regisseuren eingeflüstert wurden. Dabei hätte er doch viel früher erkennen können, dass er zunehmend die Kontrolle verlor!

Innere Antreiber als verwirrendes und nicht erkanntes Programm

Die wichtigsten Erziehungsbotschaften seiner Eltern entsprangen einer Perspektive auf das Leben, die schon manchem dasselbe zur Hölle gemacht hat, ohne dass das jemals bewusst geworden wäre: "Man darf nie aufgeben", "Egal, wie man etwas macht, es geht noch besser!", "Anerkennung durch andere muss man sich hart erarbeiten!", "Wer etwas nicht perfekt macht, hat sich nur nicht genug angestrengt!", "Ältere Menschen haben immer Recht, weil sie den Jungen Erfahrung voraushaben!", "Wir haben uns ein Leben lang für Euch aufgeopfert und erwarten doch nur ein bisschen Dankbarkeit!" usw.

Wie viele von uns hatte Hans Fallhuber eine Vielzahl dieser immer wieder vorgebrachten Prinzipien unreflektiert übernommen. Und seine Mutter, die eigentlich lieber Lehrerin als Hausfrau geworden wäre, bestärkte paradoxerweise auch noch seine Frau in der Rolle als Hausfrau und Mutter.

Viel Schwerer wog bei ihm aber der Einfluss seines Vaters, für den Ingenieur die einzige berufliche Perspektive darstellte. Dieser hatte selbst als Ingenieur gearbeitet, bei der Bundesbahn: "Wenn du was anderes studieren willst, dann musst du das selbst bezahlen!" Das bot ihm auch die Chance sich zu beweisen ("Ob du so ein Studium packst, ist ja noch eine ganz andere Frage!"). Die Stelle als Projektleiter gehörte dazu ("… und eine Management-Stelle kriegst Du wahrscheinlich sowieso nicht, da müsstest du dich viel mehr engagieren!").

Obwohl er den väterlichen Wünschen nachkam, kommentierte der Vater seine Erfolge abfällig ("Die Anforderungen an Doktorarbeiten werden ja auch immer niedriger…"). Heute ist Fallhuber schleierhaft, warum er sich so nach diesen "Antreibern" gerichtet hatte.

Warnzeichen gab es genug

Beispielsweise wollte er nicht als "Weichling" dastehen oder gar als Hypochonder, wie sein Nachbar rechts in der Siedlung, der sich wegen jeder Kleinigkeit krankschreiben lies. So konnte man doch keine Karriere machen! In der Reha wurde ihm klar, dass er – weit davon entfernt ein Hypochonder zu werden – zahlreiche Warnzeichen ausgeblendet hatte:

Immer häufiger war er völlig lustlos zur Arbeit gefahren. Auch das Aufstehen fiel ihm immer schwerer. Das einzige, was ihn noch antrieb, war sein ausgeprägtes Pflichtgefühl und die Idee, es allen Recht machen zu wollen, um jeder Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, weil das eine zusätzlich Belastung dargestellt hätte.

Zu seinem einzigen verbliebenen Freund war der Kontakt eingeschlafen. Dieser hatte ihm mehrfach gefragt, wann sie endlich wieder eine Radtour machen würden, wie früher üblich. Darauf vermied er den Kontakt. Er war in dem Paradoxon gelandet, dass er immer weniger Kontakte pflegte, und immer abhängiger von fremder Anerkennung wurde, die immer mehr ausblieb.

Die Gespräche mit seiner Frau gingen über die notwendigsten organisatorischen Verabredungen nicht mehr hinaus, selbst beim Tango kamen sie sich kaum noch näher. Er empfand mittlerweile auch seine Frau und seine Familie fast nur noch als Belastung. Dass seine Frau immer seltener Sex einforderte, empfand er als Erleichterung

Am Ende der Reha (er hatte Glück und einen guten professionellen Berater gefunden) war ihm bewusst, dass er aus eigenem Antrieb heraus eigentlich weder Ingenieur noch Projektleiter geworden wäre, und dass die gemeinsame Verabredung über die Rollenteilung mit seiner Frau so "gemeinsam" gar nicht war. Er hätte sich durchaus viel lieber auch und mehr um seine Kinder gekümmert, als es ihm jetzt möglich war. Er kannte seine Kinder kaum noch. Und ein kleineres Haus hätte es durchaus auch getan.

Wie es gelingt, selbst Regie zu führen

Um ohne den Umweg über Burnout-Zusammenbruch-Diagnose-Reha-Klinik seine fehlende Eigenregie zu entlarven, hätte er die Gespräche, die er jetzt mit seinem Therapeuten geführt hatte, mit sich selbst, mit seiner Ehefrau und seinem Freund führen können. Er hatte ja ein "soziales Netzwerk", wenn auch nur ein kleines.

Was wäre gewesen, wenn er deren besorgte Fragen ebenso wie seine sich immer deutlicher in den Vordergrund drängenden körperlichen Symptome ernst genommen hätte? Wäre es ihm möglich gewesen, über deren Bedeutung und Konsequenzen nachzudenken? Vielleicht wäre er damals schon bereit gewesen, einen Coach oder einen Therapeuten in Anspruch zu nehmen, und zwar rechtzeitig vor dem Zusammenbruch. Ein Coach würde in einer solchen Situation vermutlich empfehlen, sich zunächst kleinere, später größere "Zeitinseln" zurückzuerobern, und die dann nur für sich selbst zu nutzen.

Doch dazu hätte er sich selbst und seine zunehmenden Beschwerden ernst nehmen müssen – was er nicht konnte, da seine Antreiber keinerlei "Drehpausen" zuließen. Diese Regisseure zwangen ihn dazu, die Rollen zu spielen, die sie für ihn vorsahen. Für ihn selbst und seine Bedürfnisse war in ihrem Drehbuch kein Platz.

Fazit: Fürs Pubertieren ist es nie zu spät!

Hans Fallhuber kommt nun seinen inneren Antreibern immer mehr auf die Schliche. Er hat jetzt woanders eine 2/3 Stelle - vorläufig. Seine Frau arbeitet halbtags als Importsachbearbeiterin und ihre beide Elternpaare finden sich langsam damit ab, dass ihre Kinder seit Jahrzehnten erwachsen sind und längst eigene Kinder haben. Denn bei genauerem Hinsehen ging es seiner Frau Margret mit ihren eigenen inneren Antreibern nicht viel anders an Hans. Aber das ist eine andere Geschichte…

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